Literatur

Dave Eggers’ „Every“: Schönes neues Metaversum

Tugend und Sicherheit statt Freiheit: Dave Eggers schildert in seinem satirischen Thriller „Every“ den Niedergang der Gesellschaft im Online-Zeitalter.

26.11.2021

Von Marcus Golling

Aus Dave Eggers’ Vernetzte-Welt-Dystopie „Der Circle“ wurde auch eine Oper, die im Nationaltheater Mannheim zu sehen war. Die Bilder von damals passen auch zum Nachfolgeroman „Every“. Foto: Candy Welz/dpa

Dave Eggers ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Prophet. Pünktlich zum Erscheinen seines Romans „Every“, der Fortsetzung seiner Vernetzte-Welt-Dystopie „Der Circle“, gab Facebook-Gründer Mark Zuckerberg seinem Unternehmen einen neuen Namen. Zwar nicht „Every“ wie der Superkonzern aus dem Buch, sondern „Meta“ – was dasselbe bedeutet: Hier hat jemand den Anspruch, über allem, zwischen allem, hinter allem zu stehen. Die Realität ist Eggers‘ dunklen Visionen dichter auf den Fersen als die Internet-Riesen den Daten ihrer Nutzer. Oder sind die Romane des Amerikaners gar eine Inspirationsquelle für die Branche?

Diesen Gedanken sollte man besser schnell verscheuchen, die Folgen wären übel für die Menschheit. So wie in „Every“, dessen Geschichte ein paar Jahre nach „Der Circle“ spielt. Der durch seine Suchmaschine groß gewordene Konzern Circle ist mittlerweile mit dem größten Online-Versandhändler zu Every verschmolzen und hat praktisch alle Bereiche des Lebens durch seine Produkte unter Kontrolle.

Und die User lieben es: Sie nutzen den Dienst „TruVoice“, um ihre Nachrichten von unangemessener Sprache reinigen zu lassen. Sie lassen sich von „Are You Sure?“ bei jedem Kauf nachhaltigere, von Every-Mitarbeitern ausgewählte Alternativprodukte vorschlagen. Und sie nutzen das Netz fleißig, um einander zu überwachen und anzuschwärzen.

US-Autor Dave Eggers

„Der Circle“ handelte noch davon, wie ein naives Schäfchen (Mae Holland, jetzt CEO von Every) von einem perfiden Internet-Riesen verschluckt wurde, der Roman zielte primär auf die Macht der Konzerne. „Every“ hingegen ist eine schlaue und bisweilen wunderbar überspannte Satire auf eine (westliche) Gesellschaft, die sich auf der Suche nach einem ethischeren/ökologischeren/gerechteren Leben, nach einer „Verbesserung der Spezies Mensch“, ihrer eigenen Freiheit beraubt. Wer hier im Fokus steht, ist die „Generation beleidigt“, die in ihrem Korrektheits- und Tugend-Furor Widersprüche weder erkennt noch duldet. In der Realität stellt diese Gruppe eine laute Minderheit dar, auf dem Every-Campus auf Treasure Island bei San Francisco ist man unter sich. So viele Ideen für die Welt, so großer Wille zur Veränderung, so viele Tränen, so viel Bereitschaft zur Unterwerfung.

Aber es gibt Widerstand, davon erzählt der Roman: Delaney will, unterstützt von ihrem guten Freund Wes, das Unternehmen von innen heraus zerstören, in dem sie als Mitarbeiter immer menschenfeindlichere und absurdere Ideen einspeisen. Wer braucht eine App, die vollautomatisiert Zuneigungsbekundungen an die Lieben schickt? Wer ein Programm, das anhand von Video- und Bio-Daten beurteilt, ob eine Freundschaft echt und ehrlich ist? Irgendwann, so glauben die Verschwörer, wird sich die Menschheit erheben.

Ausflug wird zur Höllenfahrt

Eggers ist kein Utopist, sondern eher ein Kulturpessimist, deswegen ahnt der Leser schnell, dass dieses Unterfangen kein leichtes wird. Dafür wird er mit einer bissigen und teilweise schreiend komischen Gesellschaftssatire belohnt. Grandios, wie ein von Delaney organisierter Ausflug zu den Seeelefanten an der Küste zur Katastrophe wird: Die Sandwiches stammen von einem Israeli (wer denkt an die Palästinenser?, klagen die Politaktivisten an), die Fahrt führt durch Farmland (Tier-Holocaust!, schreien die Veganer), die Seeelefanten selbst zeigen sich im Umgang mit dem Nachwuchs nicht sehr fürsorglich (wieso wussten wir das nicht vorher?, heulen die Sensiblen).

Die Zwischentöne sind nicht die Stärke dieses unterhaltsamen und spannenden Romans, Eggers‘ „Everyones“ sind größtenteils Witzfiguren, reale Bedrohungen wie Klimawandel und das Artensterben finden fast nur in den hysterischen Reaktionen der Menschen statt, die Deutschen bei Every (etwa Hans-Georg aus Weimar, natürlich Goethe-Kenner) gelten als idealistische Bildungsbürger, selbst Heldin Delaney bleibt als Mensch blass. Die Sprache ist schmucklos, der sarkastische Humor hebt „Every“ über „Der Circle“, auch wenn zum Ende hin ein Psychothriller aus dem Buch wird: Aus digitaler Kontrolle wird echte Gewalt.

Das Beste an diesem Roman ist der überschäumende Ideenreichtum des Autors, der immer neue digitale Hirnabschalthilfen erfindet, immer unerhörtere Eingriffe in das öffentliche Leben und die Privatsphäre ersinnt. Man hofft, dass Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und alle ihre Freunde und Konkurrenten keine Eggers-Leser sind.

Im Buch und auf der Leinwand

Dave Eggers, geboren 1970 in Boston, ist ein politisch engagierter Autor. Sein erster Roman war „Ein herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität“ (2000/2001), international bekannt wurde er durch den Bestseller „Der Circle“ (2013). Dieser wurde auch verfilmt, auch Eggers’ Roman „Ein Hologramm für den König“ wurde fürs Kino adaptiert, er selbst schrieb das Drehbuch für „Wo die wilden Kerle wohnen“.

Dave Eggers: Every. Deutsch von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel. Kiepenheuer & Witsch, 592 Seiten, 25 Euro

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Erstellt:
26. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. November 2021, 06:00 Uhr

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