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Mit Schlafsack und allen Sinnen

Der Tübinger Matthias Blaß bringt Gruppen das Leben im Wald oder in der Wüste bei

Der Schönbuch – eine Wildnis? Aber ja doch, sagt Matthias Blaß. Wildnis ist für ihn ein weiter Begriff. Einer, der wenig mit Abenteuer und Überlebenskampf zu tun hat, sondern vielmehr einfach mit Natur und Draußensein. Und das geht ja auch im Schönbuch ganz gut.

20.10.2016
  • Sabine Lohr

Wenn er mit Jugendlichen sieben Tage lang im Schönbuch unterwegs ist, dann werden nicht etwa Gasthäuser aufgesucht oder abends der Parkplatz, an dem Mama und Papa warten, sondern es wird draußen übernachtet. Die Jugendlichen bauen selber eine Schutzbehausung. Und einen Langbogen, mit dem sie dann das Bogenschießen üben. Sie bestimmen und sammeln Beeren und andere Wildpflanzen und lernen, ein Feuer ohne Feuerzeug oder Streichhölzer zu machen.

Ähnliche Camps bietet Blaß auch für Erwachsene an, dazu noch etliche Touren, unter anderem in Schweden, wo es zu Höhlen von Bären geht, oder nach Åland, einer Inselgruppe zwischen Schweden und Finnland, wo die Teilnehmer in Kajaks die Gegend erkunden.

„Mit Survivaltraining hat das aber nichts zu tun“, sagt Blaß. Denn bei denen werde ein Szenario hergestellt (Flugzeug stürzt ab, die Reisenden landen in der Natur und müssen sich zurück in die Zivilisation kämpfen), das nur darauf abzielt, der Natur zu entfliehen. Bei Blaß geht es ums genaue Gegenteil: Hineinzugehen in die Natur und sich darin zurechtzufinden. Deshalb sollen die Tage im Camp auch nicht nur damit verbracht werden, Nahrung zu suchen und sie zuzubereiten. Das würde zu sehr davon ablenken, die Natur zu genießen und zu lernen, wie sich zum Beispiel das Wetter entwickelt, wie sich Vögel „unterhalten“ oder wo es Quellen gibt.

Seit 17 Jahren bietet der 44-jährige Blaß inzwischen derartige Touren und Camps an. Zuerst zusammen mit einem Freund, dann alleine. Inzwischen hat er das kleine Unternehmen „Wildniswandern“ daraus gemacht, von dem er gut leben kann. Angefangen aber hat alles mit einer Lebenskrise. Blaß hat Philosophie studiert in Tübingen, mit dem Ziel, an der Uni zu bleiben. Doch als er alle Scheine zusammenhatte, hatte er auch gelernt, dass der Unibetrieb für ihn nichts ist. „Ich hatte mir das Leben als Philosoph romantischer vorgestellt.“ Nun sind die Berufsaussichten für Philosophen nicht gerade rosig. Was also tun? Blaß hatte keine Ahnung.

Zum Nachdenken ging er raus. Er wanderte, er setzte sich an Bäche und auf Felsen, er dachte nach und lauschte. Und fand die Lösung: „Es war genau das, was ich wollte. Draußen sein, mich mit der Natur verbinden.“ Er sei ruhig geworden, entspannt, seine Sinne hätten sich geöffnet, „ich hab mich selber intensiver gespürt“. Das, nahm er sich vor, wollte er auch anderen geben.

Zusammen mit einem Freund bot er zunächst nur zwei Touren an: eine auf Korsika, eine in den Vogesen. In Korsika hatte er davor einige Monate in einer Gemeinschaft in den Bergen gelebt, weshalb er sich dort gut auskannte. Anders als bei den üblichen Wanderreisen ging (und geht) es bei den „Wildnistouren“ nicht darum, von A nach B zu kommen, sondern ohne Zelt draußen zu übernachten und zu lernen, wie man sich in der Natur verhält.

Inzwischen ist aus dem Zwei-Touren-Anbieter ein Betrieb geworden, der ein umfangreiches Angebot hat. 14 Touren, 13 Seminare wie „Schneecamp der Fährtenleser“ oder „Die Sprache der Natur“ und fünf Camps für Jugendliche und Familien stehen im Katalog. Nachdem Matthias Blaß auch Zugang zu afrikanischen Buschmännern in der Kalahari und zu den Mbunza in Nord-Namibia bekommen hat, bietet er auch Besuche dort an.

Sein Schwerpunkt aber liegt auf der Weiterbildung zu „Natur- und Wildnispädagogen“. Inzwischen lassen sich laut Blaß andere Anbieter von ihm dafür zertifizieren. In ein bis drei Jahren lernen die Teilnehmer, jeweils in mehrtägigen Seminaren, alles über die Natur, was sie wissen müssen, um sich darin „zu Hause zu fühlen“ und um Jugendliche anzuleiten.

„Coyote-Teaching“ nennt sich diese Art der Pädagogik, in der Kinder und Jugendliche dadurch lernen, dass sie in Situationen gebracht werden, in denen sie das Notwendige selber lernen müssen. „Der Mentor hat die Aufgabe, die Kinder dabei zu begleiten. Die Natur ist die eigentliche Lehrmeisterin“, sagt Blaß.

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20.10.2016, 01:00 Uhr

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