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Therapie ganz ohne zu meckern

Die Senioren im Kusterdinger Gemeindepflegehaus bekommen Besuch von Agnes Graf und ihren Tieren

Rita ist der Star im Altenheim. Sie darf sich also ruhig ein bisschen verspäten. Gut 15 Minuten vor ihrem Auftritt am Donnerstagnachmittag sind fast alle Sessel- und Sofaplätze im Therapieraum vergeben.

22.01.2017
  • Christine Laudenbach

Rollstühle werden dazwischengeschoben. Die Warterei scheint niemand etwas auszumachen. Geschichten über „die Goiß“ machen die Runde. Wie sie beim letzten Besuch einigen aus der Hand gefressen hat. Und so ein weiches Fell! Nur wenige sitzen teilnahmslos im Kreis.

Als Rita endlich eintrabt, gibt sie aber erstmal die Diva. In den hellen, warmen Raum kriegen sie keine zehn Pferde, wie es aussieht. Sie macht sich’s lieber auf einem Sessel im Flur bequem. Als Agnes Graf sie schließlich doch in die Mitte ihrer Fans bugsiert, ist die Stimmung aufgekratzt.

Dass Graf jeden Donnerstag mit einem oder mehreren Tieren im Gemeindepfleghaus vorbeischaut, sei unbezahlbar, sagt Betreuerin Margret Merscher, auch der Vorfreude wegen. Manche „bunkerten“ den Keks beim Nachmittagskaffee, um ihn zu verfüttern. „Wenn das Treffen ausfällt, ist das furchtbar“, so die Altenpflegerin, und: „Kein Ersatzprogrammpunkt zieht.“ Besonders Demenzpatienten täten die Besucher gut, so ihre Beobachtung. Eine Bewohnerin, die unter extremer Unruhe leidet, habe an diesem Vormittag zwei Mal versucht, wegzulaufen. Jetzt sitzt sie ganz entspannt im Kreis. „Eine Geiß?“, fragt sie und lächelt fein. Nein, selbst hätte sie nie eine gehabt.

Aber nicht nur die schwarz-weiß gescheckte Rita wird im Pflegehaus liebevoll begrüßt: Auch Agnes Graf ist den meisten vertraut. Sie spricht viele mit Namen an, schüttelt Hände und nimmt in den Arm. Manche Bewohner lassen sie nur ungern wieder los. Nebenbei erzählt die knapp 66-jährige Ruheständlerin Geschichten. „Ach, ihr erinnert euch doch sicher an die vier Katzenbabys?“ Im Herbst hatte sie die ausgesetzten Tiere öfters mitgebracht, damit die Patienten deren Entwicklung verfolgen konnten. Nachdem die Fundkatzen aufgepäppelt waren, gab Graf sie ans Tierheim zurück. Die frohe Kunde: „Alle Vier haben jetzt ein neues Zuhause gefunden“, sagt Graf. Die Gesichter strahlen.

Der Friedhofsgockel ist zu flatterig

Wie Karlchen und seine drei Geschwister gelangen fast alle Tiere zu Graf auf den Berghof. Die Tierschützerin und ihr Mann kümmern sich um die ausgesetzten, meist verletzten Patienten. Auch der Mössinger Friedhofshahn wohnt mittlerweile bei ihnen. Residiert würde allerdings besser beschreiben, wie sich der Gockel dort aufführt, sagt Graf. Das Huhn Rosi, das ihn locken wollte, habe er konsequent verschmäht! Dass Günni gerne zickt, wundert niemand in der Runde. Immerhin gelang es dem Wahlfriedhofsbewohner vorletzten Sommer einen Tierfreunde-Trupp rund zwölf Mal auszutricksen, bevor er sich doch noch dort fangen ließ. Dass der ehemals wilde Gockel allerdings Rosi die kalte Schulter zeigt, sorgt für Empörung. „Die Rosi“ ist hier sehr beliebt. Günni sei für Altenheimbesuche jedenfalls nicht geeignet, sagt Graf: „Viel zu flatterig.“

Währenddessen macht Rita die Runde. Gestärkt vom mitgebrachten Stroh, lässt sie sich geduldig streicheln. Sie meckert auch nicht, als sie immer wieder am langen Geißenbart gezogen wird. Nur nach Karotte scheint’s ihr heute nicht zu sein. Egal wer versucht, ihr ein Stück ins Maul zu schieben, bleibt darauf sitzen. Die Mahnung „nicht essen!“, hätte Margret Merscher zu Beginn gar nicht aussprechen müssen. Eine der Demenzpatientinnen scheint Rita besonders ins Ziegenherz geschlossen zu haben. Sie stupst sie an, als wollte sie fragen: Und, wie geht’s dir so? Die Dame zieht die Stirn kraus und lässt die Geiß nicht mehr aus den Augen.

Vorsicht: Ziege im Kofferraum

Die Tiere suche sie gezielt aus, erklärt Graf. „Ich würde nie gestresste Tiere ins Altenheim mitnehmen.“ Seit rund vier Jahren besucht Graf regelmäßig für gut eine Stunde das Pflegehaus. Freitags ist sie in Kirchentellinsfurt. Ins Tübinger Karolinenstift fährt sie alle 14 Tage. Margot Knoblich vom Förderverein holt sie und die tierischen Begleiter mit ihrem Fiesta ab. Das klappe wunderbar, sagt sie. Nur einmal habe sich ein Motorradfahrer so über die Ziege im Kofferraum gewundert, dass er fast von der Straße abgekommen wäre.

Agnes Graf mag ihren ehrenamtlichen Besuchsdienst. „Es kommt unheimlich viel zurück“, sagt sie. Die Idee dazu hatte die Ruheständlerin, als sie die Vormundschaft für eine alte Dame übernommen hatte und Mausi, einen aufgelesenen Schoßhund zu ihr mitnahm. Das habe ihr gut getan. Dass unruhige, aggressive Patienten durch den Kontakt mit Rita, Rosi und Co. ruhiger werden, beobachte sie jede Woche.

Die alte Dame in der Ecke verfolgt immer noch konzentriert Ritas Regungen – mittlerweile mit leuchtenden Augen.

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22.01.2017, 06:00 Uhr

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