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Farbküche als Filmkulisse

Die Staatsoper Stuttgart drehte in der Pausa einen Videofilm für „Orpheus in der Unterwelt“

Die Wasserhähne müssen verschwinden. Sie passen nicht ins Bild. „Zu modern“, sagt Ausstattungsassistentin Marlene Beer und lässt sie mit Tüchern abhängen. Nur in Zubern und Emaille-Schüsseln darf sich das Wasser sammeln.

02.12.2016
  • Susanne Wiedmann

Die Farbküche der ehemaligen Textildruckfabrik Pausa wird ins 19. Jahrhundert verlegt. Und sie wird Schauplatz von Jacques Offenbachs Operette „Orpheus in der Unterwelt“, 1858 in Paris uraufgeführt. Eine Parodie auf den antiken Mythos von Orpheus, der nach dem tragischen Tod seiner geliebten Braut Eurydike die Unterwelt mit seinem Gesang zu rühren vermochte.

Am Sonntag hat die Operette unter der Regie von Armin Petras in Stuttgart Premiere. Ein Team der Staatsoper ist zuvor nach Mössingen gereist, um ein Video zu drehen – einen Stummfilm in Schwarz-Weiß. Er wird bei jeder Vorstellung auf die Kulisse der Stuttgarter Opernbühne projiziert, während die Musiker im Orchestergraben Offenbachs Ouvertüre spielen.

Da stets Orpheus Protagonist des Stücks ist, wurde nun Eurydike (Sopranistin Josefin Feiler) in der neuen Stuttgarter Inszenierung eine eigene Vorgeschichte zugeschrieben. Sie ist Arbeiterin in einer Textilfabrik. Dort hat Orpheus (Tenor Daniel Kluge) sie erblickt – und verführt, dem armseligen Leben zu entfliehen, auszusteigen und aufzusteigen in die bürgerliche Gesellschaft.

Die Stuttgarter Staatsoper beauftragte die Videokünstlerin und freiberufliche Berliner Regisseurin Rebecca Riedel, Eurydikes Vorleben zu filmen. Also machte sich Riedel auf die Suche nach einer stillgelegten Textilfabrik, fragte Bekannte und Kollegen, was ihr allerdings noch nicht ans Ziel verhalf. „Die meisten alten Textilfabriken sind saniert“, sagt Riedel. Der entscheidende Tipp führte sie jedoch nach Mössingen: Er kam von ihren Schwiegereltern. Sie solle sich die Pausa anschauen, meinten die
beiden Gomaringer.

Im Mai fuhr Rebecca Riedel erstmals nach Mössingen, um zu beurteilen, ob die ehemalige Textildruckfirma überhaupt als Drehort funktionieren würde. Ihre Erwartungen wurden erfüllt. Und nicht nur das: Die Regisseurin war begeistert von den „wunderschönen“ Gebäuden, von der Geschichte, den tollen Stoffen und den Künstlern, die für die Pausa gearbeitet haben. „Ich mag das Rohe der Architektur, die freigelegten Rohre und Leitungen.“ Und als sie die originale Farbküche in der Tonnenhalle sah, wusste sie: „Hier will ich drehen, hier will ich das Set einrichten.“

Nachdem das Team bereits in einer alten Fabrik in Weisenbach im Murgtal gedreht hatte, „wegen einer alten Turbine“, wie Rebecca Riedel sagt, hat sie einen Tag für die Dreharbeiten in der Pausa eingeplant, in der aber keine harmlosen Dekorationsstoffe hergestellt werden. Vielmehr produzieren die Arbeiter Inlays für Särge, die hier
gezimmert und ausgestattet werden. „Die Pausa ist im Video auch Sargfabrik“, erklärt Riedel. Ein unmissverständlicher Fingerzeig in die Unterwelt.

Eurydikes Fluchtweg führt durch die Bogenhalle. „Karre bitte!“, ruft die Regisseurin. Ein Arbeiter stößt mit seinem Wagen die Tür auf, schiebt weiße Stoffballen herein. Direkt dahinter eilt Eurydike, schneller als die anderen, nicht mehr im Takt der Arbeitswelt, in schwarzem Kleid und weißem Schurz, mit hochgestecktem Haar. Rasch vorbei an Arbeitern, die ihr entgegenkommen, gegen den Strom der Proletarier. „Könnt ihr alle langsamer laufen!“, fordert
Riedel. Noch einmal. Die Kamera läuft, der Bühnennebel wabert. „Perfekt! Danke!“

Ein kleiner Moment der Flucht. Die winzige Sequenz eines Drei-Minuten-Films, bevor sich das Filmteam in der Farbküche einrichtet. Ein Requisiteur gießt Rote-Beete-Saft in Schüsseln, reinweiße Stoffe werden bald blutrot gefärbt. Er schüttet warmes Wasser in Schalen, gibt mit Handschuhen vorsichtig Trockeneis hinzu. „Das hat 72 Grad minus.“ Und sofort passiert, was er gerade noch angekündigt hat: Es dampft!

„Statisten an die Stationen!“, ordnet Rebecca Riedel an. Nicht dass auch Eurydike hier schuften müsste. Die Farbküche ist nur eine weitere Szenerie ihrer Flucht. „Alle Nichtdarsteller raus!“, ruft die Regisseurin. Die Requisiteure ziehen sich zurück. Die Maskenbildnerinnen – ihre Schminktäschchen in den Händen – verlassen die Küche. Schwarzer Molton verhüllt die Eingangstür. „Alle arbeiten, ja! Alle wissen, was sie zu tun haben!“, hört man die Regisseurin. „Kamera läuft. Und Action!“ Das muss Eurydikes Moment sein, auf dem Weg
in eine bessere Welt. Sekunden später öffnet sich der schwarze Vorhang. Josefin Feilers Dreh ist
für heute beendet. Sie muss dringend fort. Aber sie ist nicht mehr auf der Flucht.

Die Statisten tauchen Stoffe in Schüsseln, rühren im Waschzuber. Inzwischen zerfällt der Schaum in der Wanne. Also wird die Maschine für Bühnenschaum nochmal angeworfen, die Gischt quillt aus dem Schlauch. Die Rauchmelder werden abgeschaltet, weil die Nebelmaschine arbeitet. Wie kurz zuvor Eurydike, läuft nun Hans Styx (der die junge Frau umwirbt) durch die Farbküche. „Danke, du kannst dich abschminken!“, ruft ihm die Regisseurin zu. Der Arbeitstag für die Statisten aber bleibt beschwerlich. „Alle noch ein bisschen trauriger und erschöpfter!“

Wann die Pausa in der Staatsoper zu sehen ist

Die Premiere der Operette „Orpheus in der Unterwelt“ ist am Sonntag, 4. Dezember, an den Staatstheatern Stuttgart. Bis Ende Januar sind zehn weitere Vorstellungen geplant. Regisseur ist Schauspiel-Intendant Armin Petras, mit dem die Videokünstlerin Rebecca Riedel häufig zusammenarbeitet. Die musikalische Leitung hat Sylvain Cambreling.

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02.12.2016, 01:00 Uhr

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