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Durchgedreht
Hat Spaß: Lucia di Nicola mit ihrer Konkurrenz. Bild: antenne 1
Wasen-Wahnsinn

Durchgedreht

Die Rottenburgerin Lucia di Nicola fuhr Riesenrad auf dem Stuttgarter Volksfest. Fünf Tage lang. Am Stück.

11.10.2016
  • Kathrin Löffler

Der griechische Philosoph Diogenes lebte einst in einer Mülltonne. Inzwischen gibt es reizvolle Orte auf dieser Welt, um sich wohnlich einzurichten: ultramoderne Penthäuser, schicke Bergchalets, Villen im französischen Hinterland mit goldenen Abflusspümpeln und Swimmingpools in Sportflughafengröße. Dort kann man sich: breitmachen, ausruhen, über die Abwesenheit potenziell nervtötender anderer Zivilisationsmitglieder glücklich schätzen. Lucia di Nicola aus Rottenburg wollte sich zehn Tage lang nicht mehr breitmachen, ausruhen, über die Abwesenheit potenziell nervtötender anderer Zivilisationsmitglieder glücklich schätzen. Deshalb zog sie mit drei fremden Menschen in eine Riesenrad-Gondel auf dem Cannstatter Volksfest.

Ein Stuttgarter Radiosender hatte dafür Kandidaten gesucht. Also einer von jener Kategorie Radiosender, die auch lustige Morning-Shows im Programm haben und das Beste aus den Neunzigern, Zweitausendern und von heute spielen. Das war der Deal: eine Riesenradkabine, vier Leute, Tür zu, Riesenrad an, wer am längsten aushält, kriegt 10000 Euro und den Fame obendrauf. Der Sender hatte auch was davon: eine knackige Alliteration („Der Antenne 1 Wasen-Wahnsinn“) und substanzielle Inhalte für die eigene Berichterstattung, alle glücklich, juhu.

Am Freitag, 30. September, stieg Lucia ein. Am Mittwoch, 5. Oktober, stieg sie wieder aus. Gesundheitliche Probleme. Zu früh: Den Sieg grapschte sich am Sonntag der schmerzfreie Ossi aus Horb.

Lucia, 26, gelernte Modedesignerin, überraschte ihr Umfeld nicht mit ihrer Teilnahme. Nach eigenen Angaben macht die Rottenburgerin „sonst auch lauter verrückte Sachen“. Ihr Gondelalltag ging so: Zu den Wasenöffnungszeiten drehte sich das Rad, 50 Runden pro Stunde, 550 am Tag. Pippipause alle 180 Minuten. Nachts stand das Ding, raus durfte dennoch keiner, geschlummert wurde im Schlafsack. Der Sender schleuste volksfestgerecht folkloristische Nahrung ein: Schweinshaxe, Maultaschen, solche Sachen. Ein Livestream übertrug nonstopp im Internet das Befinden der Insassen. Rülpsen, sabbern, furzen, Mist erzählen: lieber nicht. Schnarchen? „Da hatten wir einen Fall.“

Aber Lucia blickt im TAGBLATT-Gespräch in Frieden zurück. Das Verhältnis zu den Mitstreitern? Super verstanden mit denen! Höhenangst? Gar kein Probleme! Wie die Zeit totschlagen? Die Fans haben abgelenkt. Und erst der Ausblick: „Man sieht alle tollen und schlimmen Sachen vom Wasen.“ Also vor allem: schlimme Sachen. „Das Beziehungsende anderer Pärchen, die sich gegenseitig aus dem Zelt heraus kloppten, viel Polizei, viel Notarzt.“ Manchen mag das nun als attraktives Modell erscheinen: Mitten drin auf der großen Feierwiese, aber weit weg von jenen Menschen, die es für eine gute Idee halten, sich auf schwäbischen Festen in pseudobayerische Kutten zu wursten. Doch es gab ein Rahmenprogramm. Einmal mussten sich die Wasen-Wahnsinn-Freiwilligen gegenseitig aus dem Telefonbuch vorlesen. Einmal durfte zwölf Stunden lang nicht gesprochen werden. Und einmal lief „Atemlos“ von Helene Fischer. Ohne Pause. Einen Tag lang. Beim nächsten Mal vielleicht doch lieber die Mülltonne?

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11.10.2016, 01:00 Uhr

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