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Ein unbequemer Vordenker
Hans Küng: Ein Kirchenreformer mit langem Atem. Foto: Imago stock&people
Hans Küng

Ein unbequemer Vordenker

Er hat die katholische Kirche aufgemischt und politische Diskussionen über den Frieden in der Welt angestoßen. Der Tübinger Ausnahme-Theologe wird heute 90.

19.03.2018
  • ELISABETH ZOLL

Tübingen. Es gab eine Zeit in den 70er- und 80er Jahren, da zauberte das Wort „Tübingen“ nervöse Röte in die Gesichter hoher Kirchenrechtler im Vatikan. Die renommierte Universitätsstadt stand für theologischen Aufruhr – und für einen Namen: Hans Küng. Der katholische Gelehrte mit Schweizer Wurzeln, der heute 90 Jahre alt wird, löste mit seinen Büchern Proteststürme unter jenen aus, die nichts, aber auch gar nichts von der offiziellen katholischen Lehrmeinung in Frage stellen wollten. Schon gar nicht die Unfehlbarkeit des Papstes, mit der sich Küng im Buch „Unfehlbar – Eine Anfrage“ 1970 befasste. Ermahnungen wurden im Vatikan verfasst, Zurechtweisungen und schließlich das Verbot, die katholische Theologie als Professor in Tübingen lehren zu dürfen.

Der Bannstrahl erreichte Küng 1979 beim Skifahren in den österreichischen Bergen. Zum Verstummen gebracht hat ihn die Maßregelung aus Rom nicht. Längst war der wortgewandte Theologe zum Hoffnungsträger vieler wacher Christen geworden, die unter den verkrusteten Strukturen einer unbeweglichen Amtskirche zu resignieren drohten. Küng versprachlichte für sie eine lebendige christliche Botschaft, die Konsequenzen haben musste – für das persönliche Leben, aber auch für die Gestaltung von Politik und wirtschaftlich ethischem Handeln. Bücher und Schriften, in denen Küng bis ins hohe Alter hinein Visionen für eine lebendige Kirche entwarf, fanden ein Millionen-Publikum. Sie wurden in 30 Sprachen übersetzt.

Hans Küng, der als junger Theologe zusammen mit Joseph Ratzinger die Aufbrüche des Zweiten Vatikanischen Konzils hautnah erlebt und begleitet hat, blieb mit dem Katholischen verbunden. Das lange Überwintern in den Jahren der Restauration unter Papst Johannes Paul II. gelang leichter, da der Schweizer im früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin Teufel einen kirchenreformerischen Mitstreiter gefunden hat. Küng erhielt in Tübingen einen fakultätsunabhängigen Lehrstuhl für Ökumene und wirkte damit von der Stadt am Neckar hinaus in die Welt.

Die Neugierde am Anderen und die intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit vielen Weltreligionen mündete in das „Projekt Weltethos“, aus dem 1995 eine Stiftung wurde. Küng erkannte früh, dass die globalisierte Welt mehr Verbindendes braucht als kalte Profitinteressen weltumspannender Konzerne. Er wollte Mitstreiter für ein universelles Weltethos gewinnen – und fand sie auf internationaler Bühne und in der deutschen Politik. Helmut Schmidt, der frühere Bundeskanzler (SPD), schrieb über das Weltethos-Projekt: „Wenn die Gläubigen in aller Welt begreifen, dass sie seit Jahrtausenden in ähnlicher Weise eine große Zahl ähnlicher Regeln und Gebote verfolgen, dann kann dieses Wissen entscheidend zum friedlichen Miteinander beitragen.“

Die Forderung nach Offenheit und gegenseitigem Respekt getreu Kants Imperativs – „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu“ –, der eine Leitschnur des Weltethos-Projektes ist, ist angesichts sich verschärfender Abgrenzung weiter sehr bedeutend. Hans Küng hat sein Lebensprojekt geordnet. Auch mit den Päpsten ist er ausgesöhnt. Ein vierstündiges persönliches Gespräch mit seinem früheren Professoren-Kollegen, dem späteren Papst Benedikt XVI., hat dafür Ende 2005 den Weg bereitet. Es war ein freundschaftlicher Austausch – bei allen bestehenden Meinungsverschiedenheiten.

Küng muss auf keine offizielle Rehabilitation aus Rom mehr warten. Die handschriftlichen Briefe mit dem einfach „F“ für Papst Franziskus als Absender sind ihm Anerkennung genug. Überhaupt ist für Küng mit dem Argentinier auf dem Papststuhl ein neuer Frühling in der Kirche angebrochen. Dass mit einer Verspätung von Jahrzehnten die Botschaft des Zweiten Vatikanischen Konzils auf breiter Kirchenebene nun doch noch zum Leben erwacht, ist vermutlich das größte Geschenk, das sich der gesundheitlich schwer angeschlagene Jubilar zu seinem Geburtstag wünschen kann. Er soll sich daran noch viele Jahre freuen.

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19.03.2018, 06:00 Uhr

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