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Friedhof · Weiße Tücher für die Toten

Eine Bestattung nach islamischem Ritus ist nun auch in Mössingen möglich

Stirbt ein Mitglied aus Mössingens islamischer Gemeinde, wenden sich die Hinterbliebenen meist an Cemil Bas. Der 49-Jährige Mössinger weiß, was zu tun ist. 14 Jahre lang war er der Vorsitzende des Moscheevereins. Noch immer ist er eines der elf Vorstandsmitglieder.

13.04.2017
  • Susanne Mutschler

Seit 2015 kann Bas den Trauernden neben der Überführung des Leichnams in die Türkei eine lokale Alternative anbieten. Denn auf dem Mössinger Friedhof gibt es nicht nur ein eigenes Gräberfeld für muslimische Bestattungen, sondern in der Aussegnungshalle auch einen Raum für die rituellen Waschungen der Verstorbenen.

Platz ist zunächst für 20 Gräber

Das Rasenstück am östlichen Friedhofsrand bietet Platz für rund 20 Grabstellen. Vier sind schon belegt. Bei Bedarf könne diese Fläche ausgeweitet werden, sagt Sigrid Herrmann von der Mössinger Friedhofsverwaltung am Dienstag beim Pressegespräch. Eine Stele aus dunklem Granit zeigt mit einem kleinen Pfeil die „Qibla“ (Richtung) an, in der sich die Kaaba in Mekka befindet.

Jede muslimische Grabstätte auf der Welt müsse so ausgerichtet sein, dass der Leichnam genau in dieser Blick- und Gebetsrichtung begraben werden kann, erklärt Bas. Der frühere Mössinger Imam habe die richtige Liegeposition persönlich auf der Erde ausprobiert.

Die Ruhezeit für verstorbene Muslime aus Mössingen und von außerhalb ist zunächst auf 30 Jahre begrenzt. Sie könne auf Wunsch verlängert werden, erklärt Herrmann. Wird das Grab aufgelassen und neu belegt, werde der Name des vorher Bestatteten auf einer Tafel festgehalten. Ein ewiges Ruherecht, wie es der Islam vorsieht, „geht bei uns schlecht“, sagt sie.

Die Friedhofsfachfrau weiß, dass die Frage des Bestattungsortes in muslimischen Familien stark diskutiert wird. Für eine Witwe sei es eine große Erleichterung gewesen, das Grab ihres Mannes nicht in der fernen Türkei, sondern direkt in ihrer Nähe zu wissen. Nicht nur in der Trauerzeit, sondern auch während des Ramadan und zum Opferfest besuchten Muslime traditionell ihre Verstorbenen auf dem Friedhof.

„Jede Familie denkt anders“, ergänzt Bas. Ausschlaggebend bei den oft schon vor mehreren Generationen Zugewanderten sei das Gefühl der Zugehörigkeit. In Zukunft werde die Mehrzahl der Muslime ihre Angehörigen in Deutschland begraben. „Mössingen ist seit 36 Jahren meine Heimat“, sagt er. Trotzdem will er die Entscheidung über den eigenen Begräbnisort seinen Söhnen überlassen.

Der Raum für die Waschung

„Für uns ist der Waschraum sehr wichtig“, erklärt Bas vor der Aussegnungshalle. Im hinteren Bereich des Gebäudes gibt es einen nüchtern gekachelten Raum mit Edelstahlbahre für die rituellen Waschungen. Hier werden männliche Verstorbene von volljährigen Männern, weibliche von Frauen mehrmals mit klarem Wasser von Kopf bis Fuß gewaschen. „Wir wissen, welche Leute in unserer Gemeinde das können“, sagt Bas. Sigrid Herrmann fiel ein, dass dieser Brauch der Leichenwaschung in ihrer Kindheit auf der Schwäbischen Alb noch in allen Familien üblich war. „Alle hatten ihr Totenhemd im Schrank bereit“, erzählt sie.

Nach dem Totengebet, das der Imam unter dem Vordach der Aussegnungshalle spricht, werde der Tote in einem geschlossenen Sarg auf den Schultern bis zum Grab getragen, berichtet Bas.

Die ausschließlich männlichen Träger wechseln sich alle paar Schritte ab. Dort wird der Leichnam herausgehoben und an Tuchbändern ins Grab gesenkt. Seit 2014 gibt es in Deutschland bei Bestattungen keine Sargpflicht mehr, bemerkt Herrmann dazu. Derjenige, der in der offenen Grube steht, um den Toten mit dem Blick gen Mekka auf seine rechte Seite zu betten, muss barhaupt und barfuß sein. Auch die Füße des Verstorbenen werden so der heiligen Stadt zugewandt, als wollten er oder sie sich gerade zum Gebet aufmachen.

Schräg ins Grab gestellte Bretter verhindern, dass der verhüllte Körper mit Erde in Berührung kommt, erklärt Bas. Nach der Koranlesung durch den Imam übernimmt die Trauergesellschaft gemeinsam das Zuschaufeln des Grabes. Rituelle Anweisungen für die Trauerzeit gebe es im Islam wenig, äußerte Bas. In den ersten drei Tagen nach der Bestattung wird im Trauerhaus nichts gekocht. „Da bringen die Verwandten und die Nachbarn Essen vorbei“.

Wie die rituelle Reinigung vor sich geht

Die rituelle Waschung beginnt wie bei den täglichen Pflichtgebeten bei den Händen des Leichnams. Es folgt die Reinigung von Mund, Nase und Ohren, von Armen, Kopf und Hals. Zuerst wird die rechte Körperhälfte gewaschen, dann die linke. Der Intimbereich bleibt während der Säuberung von einem Tuch verdeckt.

Zusätze von Kampfer und Rosenwasser sind optional, die Salbung des Leibes ebenso. Der Tote soll makellos vor Allahs Angesicht treten. Frauen werden in fünf, Männer nur in drei weiße Leintücher eingehüllt. Sie werden über dem Kopf und auch unter den Füßen mit einem gleichfarbigen Stoffstreifen zugebunden.

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13.04.2017, 01:00 Uhr

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