Eine Brücke von Ahldorf ins Heiligenfeld und zurück

Bürgerinitiative Die Zukunft Ahldorfs wird auch im Heiligenfeld entschieden, meint Christine Nuss, Sprecherin der BI Hau und Holzwiese. Ein Ortstermin.

Bürgerinitiative Die Zukunft Ahldorfs wird auch im Heiligenfeld entschieden, meint Christine Nuss, Sprecherin der BI Hau und Holzwiese. Ein Ortstermin.

28.06.2018

Von Manuel Fuchs

Christina Nuss lud zum Ortstermin ins Gewerbegebiet Heiligenfeld ein. Weit im Hintergrund zu sehen: der Ahldorfer Hau. Bild: Fuchs

Christina Nuss lud zum Ortstermin ins Gewerbegebiet Heiligenfeld ein. Weit im Hintergrund zu sehen: der Ahldorfer Hau. Bild: Fuchs

Die Wand des Gewerbegebäudes spendet willkommenen Schatten. Der Blick schweift über einen Getreideacker, das Ohr registriert rangierende Lastwagen, und in die Nase zieht das Aroma einer Gewürzmischung: Hierhin, auf das Gelände von „Murat Lamm“ imGewerbegebiet Heiligenfeld hat Christina Nuss, Sprecherin der Ahldorfer Bürgerinitiative Hau und Holzwiese (BI), zum Pressegespräch geladen.

Gleich zu Beginn hinterfragt sie eine gängige Logik aus Politik und Wirtschaft. Man lese und höre seit Jahrzehnten die Gleichung „Fläche für Jobs“. Es müssten Gewerbeflächen ausgewiesen werden, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Grundsätzlicher Denkfehler

Darin liege aber bereits ein Denkfehler: In Zeiten und in Regionen der Fast-Vollbeschäftigung wie derzeit in Baden-Württemberg bestehe keine Notwendigkeit, noch mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Tue man es dennoch, initiiere das eine Wanderung von Arbeitnehmern aus strukturschwachen Gegenden quer durch die  Bundesrepublik, wenn nicht quer durch Europa.

Auch den von Oberbürgermeister Peter Rosenberger postulierten Bedarf an Gewerbeflächen sieht sie nicht. Die BI habe eine offizielle Anfrage an die Stadtverwaltung gerichtet, ebenso die OGL-Fraktion im Gemeinderat, wie denn der Bedarf an Gewerbeflächen ermittelt werde. Eine Antwort sei die Stadtverwaltung bis heute schuldig geblieben. Wenn man den Bedarf nicht kenne, so folgert Nuss, sei eine „bedarfsgerechte Ausweisung von Gewerbeflächen“, von der OB Rosenberger gern spreche, nicht möglich.

Sie zweifelt außerdem an der Prognose, durch ein neues Gewerbegebiet bei Ahldorf entstehe kein zusätzlicher Verkehr in der Gesamtstadt: „Und was, wenn Leute aus Dettingen oder Dießen dort arbeiten möchten? Die müssen schließlich auch irgendwie hinkommen.“ Und natürlich führe deren Arbeitsweg nach Ahldorf durch die Kernstadt.

Wirtschaft, Ökologie, Soziales

Sie sei keinesfalls ein Gegner von Gewerbe und Industrie. Sie selbst, das ist bekannt, arbeitet für einen großen Industriebetrieb in Stuttgart. Aber die Wirtschaft könne nicht ewig als die zentrale Größe politischen Handelns gelten; Umwelt und Soziales seien als gleichwertig zu betrachten. Dem Einwurf, diese drei Größen basierten auf grundverschiedenen Einheiten und seien daher kaum zu vergleichen, widerspricht sie nicht. Aber sie bekräftigt: Die Umwelt spiele in politischen Überlegungen nicht die Rolle, die sie spielen müsse. „Wir schöpfen aus dem Vollen und vernachlässigen viele Umwelt-Themen. Kommende Generationen werden das dann ausbaden müssen.“

Vor Ort im Heiligenfeld verfestige sich der Eindruck, die Stadt habe die Gewerbeflächen einst zu billig verkauft. Nur so könne sie, Nuss, sich den großzügigen Umgang mit Grund und Boden erklären: Parkplätze, so weit das Auge schweift. „Nicht falsch verstehen, ich gönne allen, die hier arbeiten, diesen Komfort. Aber dafür wurde eben auch Boden versiegelt.“ Und niedrige, genauer: zu niedrige Preise, entwerteten eben auch die subjektive Wahrnehmung und die Wertschätzung einer Ware.

Unversiegelte Flächen bewahren

Flächenversiegelung ist ihr zentrales Thema. Von den knapp 3,6 Millionen Hektar, die Baden-Württemberg umfasst, waren 2016 etwa 1,6 Millionen Hektar landwirtschaftlich genutzt, 1,36 Millionen waren Wald und gut 0,5 Millionen Hektar als Siedlungs- und Verkehrsfläche erfasst, davon wiederum etwa 112 600 Hektar, also gut 3 Prozent, als Gewerbefläche (Zahlen: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg).

Täglich werden in Baden-Württemberg zwischen 5 und 7 Hektar Fläche versiegelt. Nach Nuss‘ Ausführungen ist es nur eine Frage der Zeit, bis ganz Baden-Württemberg versiegelt ist – rechnerisch ungefähr 1200 Jahre.

Man könne aber gegensteuern, erklärt Christine Nuss leidenschaftlich. Bevor man neue Gewerbegebiete wie beispielsweise in Ahldorf ausweist, sollen Brachflächen in bestehenden Gewerbegebieten aktiviert werden. Selbst wenn die, wie beispielsweise im Heiligenfeld, an Betriebe verkauft wurden, die sich damit seit Jahren eine Option auf Erweiterung offenhalten, könne die Kommune über einen Rückkauf nachdenken.

Es sei denkbar, Unternehmen zu einem sparsamen Umgang mit Fläche zu motivieren. Nuss schlägt hierzu progressiv gestaffelte Quadratmeterpreise vor. Auch eine „Höhenprämie“, die den Bau mehrgeschossiger, also flächensparender Gebäude belohnt, kann sie sich vorstellen.

Der Ortstermin im Heiligenfeld hat einen weiteren Anlass: Nuss vermutet, der hier erprobte Erwerb und die Zusammenlegung von Flächen durch die Stadtverwaltung könne als Blaupause für Flächen in Ahldorf dienen.

Wenn die Stadt nämlich zwei Drittel der als Gewerbegebiet geplanten Fläche halte, könnten die Besitzer des verbleibenden Drittels auch gegen ihren Willen zum Besitzer einer Gewerbefläche erklärt werden. Sie müssten die Kosten der Erschließung anteilig tragen und bekämen nach deren Abschluss eine Parzelle in derselben Größe wie ihr ursprünglicher Besitz zugeteilt. Die könnten sie dann veräußern oder verpachten.

Mit einem solchen Werkzeug in der Hinterhand könne die Stadt Horb es wohl wagen, den jetzigen Besitzern für das Gewerbeerwartungsland im Heiligenfeld relativ niedrige Quadratmeterpreise anzubieten. Wer jetzt nicht verkaufen möchte, auf den könnten mittelfristig hohe Kosten zukommen. Und ob die zugeteilte Parzelle am Ende attraktiv genug ist, um wenigstens einen kostendeckenden Preis zu erzielen, sei fraglich.

Pläne der Bürgerinitiative

Natürlich schlägt Christina Nuss den Bogen zurück nach Ahldorf: Die Bürgerinitiative Hau und Holzwiese werde auf Basis der dargstellten Überlegungen „mit allen legalen, gesetzlichen Mitteln dafür kämpfen“, dass die Wälder bei Ahldorf erhalten bleiben. Für das grundsätzliche Ziel, eine bundesweite Reduktion des Flächenverbrauchs, vernetze man sich gerade mit verwandten Initiativen in anderen Bundesländern.

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Erstellt:
28.06.2018, 01:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 33sec
zuletzt aktualisiert: 28.06.2018, 01:00 Uhr

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