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Eine medizinische Revolution im Tübinger Technologiepark
Neubau-Terrain für Tübinger Boomfirmen

Eine medizinische Revolution im Tübinger Technologiepark

Auf der Oberen Viehweide wird nördlich der Sternwarte das Neubau-Terrain für Tübinger Boomfirmen wie Curevac vorbereitet.

23.10.2016
  • Volker Rekittke

Wenn eine Fläche frei wird, geht die sofort wieder weg“, sagt der Tübinger Technologieförderer Wolfgang Kleinmann. Ruckzuck geht das. Keine Frage: Das seit Jahren voll belegte Tübinger Biotechnologiezentrum (BTZ) mit seinen 8600 Quadratmetern ist zu einem begehrten Ort geworden. Das war nicht immer so. Die Wirtschaftskrise nach der Jahrtausendwende brachte auch die Biotechbranche in Bedrängnis. Jahrelang übernahm die Stadt Tübingen Mieten für leerstehende Büros und Labore im BTZ.

Nebenan ist es laut und lehmig. Seit einigen Monaten buddeln sich Bagger durch das benachbarte 7,5-Hektar-Areal der inzwischen abgeräumten Bundesforschungsanstalt (BFA) für Viruskrankheiten der Tiere. Der Technologiepark wächst. Allein im BTZ sind es weit über 300 Mitarbeiter bei vier Firmen – sowie 10 Forscher einer MPI-Abteilung, die 2017 umzieht. Ein zweites Biotechnologiegebäude mit rund 5000 Quadratmetern, von Ministerpräsident Kretschmann persönlich versprochen, wird die L-Bank im kommenden Jahr bauen.

Sein persönliches Highlight? „Der Boom mit Curevac“, sagt Kleinmann. Seit acht Jahren ist der städtische Liegenschaftler in engem Kontakt mit der Tübinger Start-up-Szene. Christine Decker sogar noch ein paar Jahre länger (siehe Kasten). Sie erinnert sich noch gut, wie es bei Curevac im Jahr 2000 losging: mit ein paar jungen Forschern aus dem Immunologen-Team der Professoren Hans-Georg Rammensee und Günther Jung. Aus dem Ableger des Universitätsklinikums ist eine der erfolgreichsten deutschen Biotechfirmen geworden – mit 280 Mitarbeitern, die allermeisten in Tübingen. Jeden Monat werden es ein paar mehr. Mehr als 300 Millionen Euro Kapital sammelte die Aktiengesellschaft unter ihrem Vorstandsvorsitzenden und Gründungsmitglied Ingmar Hoerr bislang ein. Auch Bill Gates zeigte sich begeistert: Seine Stiftung investierte vergangenes Jahr 46 Millionen Euro in das Unternehmen.

Noch in diesem Jahr soll Spatenstich für den millionenschweren Curevac-Neubau im Norden des ehemaligen BFA-Geländes sein. Dort, beim Stadtwerke-Heizwerk, entsteht bis 2018 ein hochmodernes Forschungs- und Entwicklungsgebäude mit 8000 bis 10 000 Quadratmetern Büros, Laboren – und einem großen Reinraum, in dem Impfstoffe und Therapeutika für die weitere klinische Erprobung produziert werden sollen. In einem künftigen Bauabschnitt könnten es einmal bis zu 30 Millionen Dosen „made in Tübingen“ sein. Nichts Geringeres als eine medizinische Revolution in der Bekämpfung von Krebs und HIV, Tollwut oder Influenza-Pandemien findet im Tübinger Norden statt.

Florian von der Mülbe ist als Mitbegründer von Anfang an dabei. Das Vorstandsmitglied von Curevac steht auf der Dachterrasse des BTZ und schaut über den wachsenden Technologiepark bei der Sternwarte. „Wir haben hier mittlerweile einen kleinen Curevac-Campus.“ Die rasch wachsende Firma belegt die Hälfte aller Flächen im Biotechnologiezentrum, dazu kommen die Anfang des Jahres aufgestellten Bürocontainer gleich nebenan, Räume in Steffen Hüttners HB-Technologies-Gebäude und in der ehemaligen Alten Astronomie. Nicht zu vergessen: die zwei Flachbauten neben der Sternwarte. Einer wird von Curevac-Mitarbeitern schon liebevoll „Ponderosa“ genannt. Und nun bald noch der große Neubau im Norden des Technologieparks – „ein klares Bekenntnis zum Standort Tübingen“, so von der Mülbe. Insgesamt 1,2 Hektar groß ist das Gelände, auf dem es entsteht. Es ist dort noch viel Platz für weitere Bauten, die das Unternehmen bei Bedarf und weiterem Wachstum errichtet.

Die enge Kooperation mit der Stadt Tübingen spielte und spielt für Curevac keine geringe Rolle. Von der Mülbe lobt besonders die gute Zusammenarbeit mit der Technologieförderung.

Etliche (klinische) Studien laufen derzeit mit Curevacs Produktkandidaten, am weitesten ist jene zur Behandlung von Prostatakrebs. Von der Mülbe ist guter Dinge, dass „in den frühen 2020er Jahren“ ein erstes RNA-basiertes Medikament auf den Markt kommt.

Shiva, Cinderella oder auch Darth Vader wurden die Hightech-Geräte von Mitarbeitern getauft. In den mit Robotertechnik betriebenen Maschinen wird hochreine RNA hergestellt. Ribonukleinsäure (RNA) bildet die Basis für alles, was Curevac entwickelt. Genauer: Messenger-RNA (mRNA, deutsch: Boten-RNS). Diese Moleküle sind die Überbringer der „Bauanleitung“ genetischer Information. „Wir trainieren die Körperpolizei und geben ihr einen Steckbrief, damit sie zum Beispiel Krebszellen besser zerstören kann“, so erklärt von der Mülbe das Prinzip seinem achtjährigen Sohn. „Und dann ziehen die weißen Ritter los.“ Die für die Abwehr von Krankheitserregern zuständigen weißen Blutkörperchen (Leukozyten) können die Krebszellen nun effektiver bekämpfen. Stimuliert werden die körpereigenen Abwehrkräfte – und zwar gegen ganz unterschiedliche Erkrankungen.

Biotechnologie ist eindeutig ein Schwerpunkt im Technologiepark. Doch auch das Lustnauer Medizintechnikunternehmen Ovesco plant einen Neubau auf dem Gelände. Ein Parkhaus für den stetig wachsenden Autoverkehr ist dort ebenfalls bald fällig – wie auch engere Tübus-Takte. Und es gibt weitere Anfragen von Firmen. Bereits in fünf Jahren, schätzt Stadtplaner Uwe Wulfrath, könnte das Ex-BFA-Areal vollständig bebaut sein.

Der interkommunale Technologiepark Tübingen-Reutlingen

Der interkommunale Technologiepark Tübingen-Reutlingen umfasst nicht nur das Gelände rund um die Tübinger Sternwarte. Das seit ein paar Tagen voll belegte Technologiegebäude „Vor dem Kreuzberg 17“ gehört ebenso dazu wie etliche L-Bank-Gebäude, Firmen und das NMI in der Reutlinger Mark West. Insgesamt arbeiten im Technologiepark rund 1600 Beschäftigte in 75 Firmen. Reutlingen und Tübingen teilen sich die Ausgaben wie auch die (Steuer-)
Einnahmen hälftig. TF R-T heißt die dazugehörige Technologie-Fördergesellschaft Reutlingen-Tübingen. Die Mitarbeiterin Christine Decker sitzt im Tübinger Biotechnologiezentrum (BTZ) bei der Sternwarte.

Am Donnerstag war Wolfgang Kleinmanns letzter Tag als Vize im Tübinger Liegenschaftsamt. Als TF R-T-Geschäftsführer ist er noch bis Anfang Dezember im Amt. Sein Nachfolger bei der Technologie-Fördergesellschaft wird der Tübinger Wirtschaftsförderer Thorsten Flink.

Der neben Kleinmann zweite TF R-T-Geschäftsführer, der bisherige Reutlinger Wirtschaftsförderer Christoph Pfefferle, hat sich unlängst als Unternehmensberater selbstständig gemacht – seine Stelle ist ausgeschrieben. Es ist eine personelle Umbruchzeit bei der Wirtschafts- und Technologieförderung. Zumal auch der Tübinger Stadtplaner Uwe Wulfrath, städtischerseits bislang ebenfalls für die Wirtschaftsförderung zuständig, bald Chef der kommunalen Wohnungsgesellschaft GWG wird. Wulfraths Stelle im Technischen Rathaus wird in Kürze vom Gemeinderat neu besetzt.

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23.10.2016, 13:00 Uhr

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