Empfingen · Unternehmertum

Findige Filterexpertin stellt auf Atemschutzmasken um

Innerhalb weniger Tage hat die Empfingerin Sandra Burkhardt die Produktion ihrer Firma Unitex angepasst. Nächste Woche soll es mit der Herstellung eines der aktuell weltweit am stärksten nachgefragten Produkte losgehen.

02.04.2020

Von Benjamin Breitmaier

Bei Unitex werden bald Atemschutzmasken hergestellt. Bilder: Unitex

Die Entscheidung fiel am vergangenen Donnerstag. Seitdem geht alles ganz schnell. Neue Kontakte werden geknüpft, Muster ausgesucht, Produktionslinien umgebaut. „Wir sind schon am Rödeln zurzeit“, sagt Sandra Burkhardt. Die 47-Jährige ist Geschäftsführerin von Unitex, einem kleinen Empfinger Familienbetrieb, der sich auf Filtertextilien spezialisiert hat. Ihre Produkte werden eigentlich auf dem Bau eingesetzt – Staubschutztüren und -wände, spezielle Säcke, die an Parkettschleifmaschinen zu finden sind. Sie beliefert Maschinenhersteller und Großmärkte für Handwerker. Doch seit wenigen Tagen findet sich auf ihrer Webseite ein Produkt, das aktuell weltweit als eines der gefragtesten Güter gehandelt wird: Gesichtsschutzmasken.

„Es sind viele Kunden auf mich zugekommen, die gefragt haben, ob wir nicht auch Masken herstellen können“, erklärt Burkhardt im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Sie hat die Medienberichte genau verfolgt, hat gesehen, wie schwer sich die Wirtschaft damit tut, eine rasant steigende Nachfrage zu bedienen.

Während in Österreich und in Jena die Masken zur Pflicht wurden und auch in Deutschland rege über das Tragen von Gesichtsschutz diskutiert wird, leiteten Burkhardt und ihr Team bereits alles in die Wege, um ihre Produktion in aller Kürze der Zeit umzustellen.

Ihr Unternehmen ist dafür prädestiniert: Burkhardt arbeitet seit mehreren Jahrzehnten mit Textilien, schon ihre Eltern hatten einen kleinen Familienbetrieb, den sie 2002 übernahm. Seit 20 Jahren arbeitet sie mit Staubschutz und Schutzvorrichtungen. „Die Ideen, das Konzept, die Erfahrung zur Produktentwicklung, das haben wir alles“, gibt sich Burkhardt selbstbewusst. So gelang es der Unternehmerin und alleinerziehenden Mutter von fünf Kindern, innerhalb weniger Tage zwei Produkte zu entwerfen, die schon Anfang kommender Woche in die Produktion gehen sollen. „Übers Wochenende haben wir die Muster gemacht und seit Montag, sind wir damit nach außen gegangen.“

Unterstützung erhält Burkhardt von der Empfinger Gemeindeverwaltung. Schon am vergangenen Samstag leitete Bürgermeister Ferdinand Truffner die Nachricht von Burkhardt an seinen Verteiler weiter, in der die Unternehmerin auf das Angebot von Unitex aufmerksam machte.

Ihre Masken gibt es in zwei Ausführungen: „Antistatik“ und „Hydrophil“. Beide sind „Baumwollgewebe mit Ausrüstung“, wie es Burkhardt bezeichnet. Sie legt Wert darauf, dass alle ihre Produkte „made in Germany“ sind. Für ein angenehmes Hautgefühl werden die Masken mit „Aloe vera“ behandelt. Das Ergebnis kann man bereits unter dem Punkt „More“ auf ihrer Webseite sehen. „Wir haben Fotos mit einem Mitarbeiter gemacht“, erklärt die Unternehmerin.

Expansion geplant

Beide Varianten sind waschbar, keine Einwegprodukte. „Eingesetzt werden können sie dort, wo immer noch viele Menschen sind“, so Burkhardt. Sie denkt an Großbetriebe oder Supermärkte.

Die aktuellen Produkte stellen für Burkhardt aber nur die erste Stufe dar. Die 47-Jährige will langfristig auch Krankenhäuser und Arztpraxen beliefern. Dafür prüft sie aktuell, welche Anforderungen ihre Produkte erfüllen müssen, um die Standards FFP2 und FFP3 zu erfüllen, die von der WHO für den medizinischen Bereich empfohlen werden. „Die Materialien dafür haben wir bereits angefragt, das dauert aber noch, weil die Dekra die Produkte zertifizieren muss.“

Der Unternehmerin steht aber noch eine weitere Herausforderung bevor: die Personalgewinnung. „Wir suchen aktuell dringend Näherinnen.“ Diese in Deutschland zu finden, ist nicht einfach. Es gibt nur wenige Betriebe, die noch Textilien in der Bundesrepublik herstellen. Der Großteil der Waren wird in Ländern wie Bangladesch produziert. „Dadurch ist es wahnsinnig schwer, jemanden zu finden, der hier nähen kann“, so Burkhardt.

Dabei birgt die aktuelle Situation – so dramatisch sie für viele Menschen sein mag – auch Chancen für Teile der heimischen Wirtschaft. Schon in ihrer E-Mail an Bürgermeister Truffner gab Burkhardt an, ihr Team aufstocken zu wollen: „Mein Ziel ist es, durch diese Umstellung beziehungsweise Erweiterung des Sortiments mindestens fünf bis zehn neue Arbeitsplätze zu schaffen“, schrieb sie in ihrer Nachricht am Samstag. Im SÜDWEST PRESSE-Gespräch meint die Geschäftsführerin, dass Unitex bei entsprechend hoher Nachfrage im Dreischicht-Betrieb bis zu 30 Mitarbeiter beschäftigen könnte. Aktuell arbeiten im Betrieb fünf bis sieben Personen.

Dafür könnte sie auch räumlich expandieren. Schon vor fünf Jahren wollte Burkhardt eine weitere Halle aufbauen, jetzt sei das Potenzial da, um diese zu realisieren.

Zukunftsmusik – „Jetzt stehen wir am Anfang, gerade sind die ersten Großbestellungen eingetrudelt, nächste Woche geht es los mit der Produktion“, ist sich die 47-jährige sicher.

Den Vertrieb will die Empfingerin über ihre Partner regeln: „Die Marge wäre beim Direktvertrieb größer, aber uns ist es jetzt wichtig, dass die Produkte schnell zu denen gelangen, die sie brauchen“, erklärt Burkhardt. Dabei kann sie teilweise auf ihr bestehendes Netzwerk zurückgreifen. Der Umsatz sei erst einmal zweitrangig. Sie freue sich, mit ihrer Leidenschaft zur Versorgung der Gesellschaft mit einem aktuell so wichtigen Gut beizutragen: „Früher haben wir Staub gefiltert, jetzt filtern wir auch noch Viren. Es kommt eigentlich auf das Gleiche raus: Es geht immer um die Gesundheit“, erklärt die Unternehmerin.

Sandra Burkhardt

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Erstellt:
2. April 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
2. April 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. April 2020, 01:00 Uhr

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