Tübingen · Konzert

One by One: Ganze Alben statt Hits und Playlists

„Why go home?“ – die Tübinger Musiker von One by One spielten vor 400 Zuhörerinnen und Zuhörern im Tübinger Sudhaus Stücke der amerikanischen Band Pearl Jam und überraschten mit einer Zugabe in Albumlänge.

22.12.2019

Von Marco Keitel

One by One spielt komplette Alben-Klassiker und schickt das Publikum so auf eine Zeitreise. Bild: Ulrich Metz

One by One spielt komplette Alben-Klassiker und schickt das Publikum so auf eine Zeitreise. Bild: Ulrich Metz

Scheinwerfer tauchten den großen Saal im Sudhaus am Samstagabend in rotes Licht. Ein Beamer projizierte eine rote Gitarre auf eine Leinwand hinter der Bühne. In der Ecke war ein Merchandise-Stand, an dem schwarze T-Shirts mit Aufdrucken der Cover berühmter Platten und Rotwein aus Seattle verkauft wurden. Aus Seattle kommt auch die amerikanische Rockband Pearl Jam, und das Cover ihres berühmten Debutalbums „Ten“ war unter den T-Shirt-Motiven am Merchandise-Stand im Sudhaus. Mit dem ersten Titel dieses Albums, „Once“, kam die Band One by One pünktlich um halb neun unter Jubel auf die Bühne. Die Lichtshow unterstrich jedes laut geschriene „Once!“ Im Refrain des Liedes mit einem kurzen Aufleuchten aller Scheinwerfer. Gerade im visuellen Bereich versuche die Band sich kontinuierlich weiterzuentwickeln, sagt Schlagzeuger Marcel Benk.

Der Saal war mit 400 Menschen gut gefüllt. Viele der Zuschauerinnen und Zuschauer waren 1991, als „Ten“ erschien, jugendlich. Manche zeigten ihre Liebe für die gecoverte Band mit ihrer Kleidung. Ein Mann trug etwa eine Pearl Jam-Truckermütze. Unter den Gästen waren aber auch einige Kinder sowie Erwachsene, die ihre Jugend Anfang der neunziger Jahre schon hinter sich hatten. Weiter ging es, genau entlang der Titelliste von „Ten“, mit den Klassikern „Even Flow“ und „Alive“. Die beiden Lieder brachten Bewegung ins Publikum, und spätestens ab „Alive“ war auch Mitsingen ausdrücklich erwünscht: „Der nächste Song ist der Song einiger Leute, die hier versammelt sind, und ich hoffe wir singen ihn alle zusammen – ich höre über meine Kopfhörer sehr gut, wie ihr mitsingt“, kündigte Sänger Hagen Lefarth den Hit an. Vorher konnten die Gitarristen Stephan Gutermann und Jonathan November zusammen mit Bassist Walter Schlay während einer langen Instrumentalpassage bei „Even Flow“ unter Beweis stellen, dass sie ihre Kunst beherrschen. Am Anfang des vierten Songs „Why Go“ konnte wiederum Schlagzeuger Marcel Benk mit einem Solo sein Können zeigen, bevor Lefarth im Refrain fragte: „Why go home?“

Nach den ersten Liedern gab es bis zum letzten Song des Albums, dem zehnminütigen, epochalen „Release“, keinerlei Ansagen mehr von der Band. Die Musik stand im Vordergrund. Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen über Streaminganbieter nur noch bunt zusammengewürfelte Playlists hören, will One by One mit dem Spielen ganzer Alben ein musikalisches Lebensgefühl vergangener Zeiten erhalten.

Die Idee zu diesem Konzept kam Lefarth 2012. Damals wollte er das Album „King for a Day … Fool for a Lifetime“ der Band Faith No More in voller Länge nachspielen: „Da wechselt sich Metal mit Funk und Bossa Nova ab – man hört sich das Album an und es wird nie langweilig“, so der Sänger. Zu dieser Zeit hatte Lefarth aber auch einen längeren Aufenthalt in Brasilien geplant. „Als Abschiedsfeier haben wir das Projekt dann durchgezogen, bevor ich gegangen bin“, sagt der Tübinger. Das Konzept One by One war geboren.

Auf ihre Herangehensweise bekomme die Band durchweg positive Reaktionen, auch wenn sie für manche erst mal gewöhnungsbedürftig sei: „Die Leute sind manchmal verstört, weil so ein Album dann 14 Lieder hat und viele vorher nur den Hit kennen“, so Lefarth. Auch am Samstag freute sich das Publikum über Pearl Jam-Musik in Albumlänge. „Ich finde das Konzept super. Dadurch bekommt man mal den ganzen Kontext mit“, sagte etwa Thomas Klemm aus Pliezhausen. Das Konzept gefiel auch Sabrina Letsche aus Gomaringen – sie war schon Anfang des Jahres im Sudhaus, als One by One Alben von System of a Down spielte. Klemm mochte vor allem den zweiten Teil des Abends: Nach „Ten“ spielte die Tübinger Band Lieder aus dem Soundtrack des Films „Into the Wild“ – komponiert von Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder.

Im Film, der auf einer Reportage von Jon Krakauer basiert, geht es um den 22-jährigen Aussteiger Christopher McCandless, der nach dem College-Abschluss Karriere und wohlhabende Familie hinter sich lässt und zu einer zweijährigen Reise durch die USA aufbricht. Die Musik wurde etwas ruhiger und gefühlvoller als vorher bei „Ten“. Stephan Gutermann wechselte dafür von E- auf Akustikgitarre. Trotzdem blieben die Lieder tanzbar, wie die Reaktion des Publikums zeigte, das weiterhin in Bewegung blieb und sich von Lefarth nicht zweimal bitten lassen musste, an den passenden Stellen mitzuklatschen.

Während der Tübinger von der Verrücktheit der Gesellschaft sang, zeigte die Leinwand hinter ihm Schauspieler Emile Hirsch, der im Film McCandless verkörpert, beim Trampen am Straßenrand, einsam in der Wildnis, oder beim Erklimmen von Berggipfeln. Wie vorher bei „Ten“ standen auch bei „Into the Wild“ Lefarths Stimme und die verschiedenen Instrumente der Band abwechselnd im Mittelpunkt.

Auf diese Zugabe folgte eine Überraschung. Die Band kam nach der zweiten Pause nochmal auf die Bühne und machte mit dem Lied „Go“ weiter. Gitarren-Riffs und Schlagzeugmelodien waren auf ein Mal wieder wesentlich härter und lauter. Pearl Jam-Fans merkten da schon: „Go“ ist der Anfang eines weiteren Albums der amerikanischen Grunge-Band. Tatsächlich spielte One by One bis Mitternacht noch alle zwölf Lieder von „Vs.“. Zugaben in Albumlänge – auch das ist laut Schlagzeuger Benk mittlerweile ein Markenzeichen der Band.

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Erstellt:
22.12.2019, 19:10 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 39sec
zuletzt aktualisiert: 22.12.2019, 19:10 Uhr

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