Horb · Das Mittwochs-Interview

„Gesamtpaket fürs Karriere-Ende hat gepasst“

In einem weiteren „Plausch um Sieben“ hat Ex-Handball-Nationalspieler Martin Strobel über sein Karriereende, sein bald erscheinendes Buch und über seine größten Momente gesprochen.

22.07.2020

Von Sascha Eggebrecht und Milos Kuhn

Martin Strobel sprach im Zoom-Talk auch über die Einnahme von Schmerzmitteln. BIld: Sascha Eggebrecht

SÜDWEST PRESSE: Herr Strobel, im Herbst wird Ihr erstes Buch erscheinen. Ist es mit 34 Jahren nicht etwas zu früh für eine Biografie?

Martin Strobel: Das denke ich nicht. Das Buch ist ein Punkt eines Lebensabschnittes, der jetzt zu Ende geht. Außerdem ist es auch keine reine Biographie. Ich gehe auch auf bestimmte Ereignisse tiefer, auf Sachebene, ein, die ich mit den Menschen teilen möchte. Zum Beispiel geht es um Emotionen – was bedeuten Emotionen für mich? Wo waren sie in meiner Karriere wichtig?

Wann ist Ihnen das Bedürfnis
in den Kopf gekommen, ein Buch
zu schreiben?

Ich habe schon länger den Gedanken gehabt, weil ich gerne und viel lese. Vor allem viele Sachbücher, womit der Reiz sowas zu schreiben vorhanden war. Allerdings hat mir ein bisschen das nötige i-Pünktchen gefehlt. Die Erfahrung bei der Weltmeisterschaft 2019 und das Ende mit der Verletzung gaben dann den letzten Anstoß.

Ihr Buch soll ja eher ein Ratgeber sein. Haben Sie einen schwerwiegenden Fehler in Ihrer Karriere
gemacht?

Das ist schwer zu sagen. Man kann natürlich viel überlegen: Hätte man, hätte man nicht … Damals hatte man aber alle Fakten auf dem Tisch. Natürlich kann nicht immer alles gut laufen. Ich bin aber nicht nachtragend mit meinen Entscheidungen.

Herr Berrer, hätten Sie auch mal Lust, ein Buch zu schreiben?

Michael Berrer: Natürlich ist das eine tolle Sache, aber ich schrecke vor dem Aufwand ein bisschen zurück. Man muss sich außerdem extrem gut ausdrücken können.

Herr Strobel, wie haben
Sie das gemeistert?

Ich habe den Großteil schon selbst geschrieben. Allerdings wusste auch ich nicht alles rund um das Thema „Buch schreiben“ und habe eine Lektorin dazugenommen. Mit der Zeit entwickelt sich das dann. Es ist dann auch spannend, neue Dinge kennenzulernen und in die Thematik reinzuwachsen. Man startet dann mit der Gliederung und überlegt sich, welche Punkte in das Buch sollen. Über die Zeit ändert sich die Gliederung aber natürlich, man lässt beispielsweise etwas weg oder fügt etwas hinzu. Irgendwann spielt sich das ein.

Wie viele Stunden Zeit wurden
da investiert?

Ich habe nach der Weltmeisterschaft 2019 angefangen, ich sitze also knappe 1,5 Jahre daran.

Sie haben nun Ihre Karriere beendet. Weswegen?

Mit der Zunahme der Belastung auf mein Knie habe ich mir Ende des Jahres vorgenommen, mehr zu regenerieren. Ich habe das Knie immer stärker gespürt. Und das ist nicht meine Vorstellung, wie ich den Sport ausüben möchte: Von Montag bis Mittwoch pausieren, und nur Mobilitäts- und Stabilisationsübungen machen oder laufen gehen und dann nur zwei normale Trainingstage zu habe, war nicht das Richtige. Letzten Endes war das Gesamtpaket entscheidend, weil zusätzlich zur Verletzung der Zeitpunkt für das Beenden der Karriere und die Zukunftsperspektive gepasst haben.

Kürzlich hat André Schürrle für Aufsehen gesorgt: Mit erst 29 Jahren ist der Fußballer zurückgetreten und hat in diesem Zuge gesagt, dass er den Applaus nicht mehr braucht und sich oft einsam gefühlt hat – vor allem in sportlichen Tiefphasen. Können Sie das nachvollziehen?

Ich glaube schon. Jeder Mensch kann sich da frei entscheiden. Man muss auch dazu sagen, dass der Druck beim Fußball auch nochmal viel größer ist, das ist ein anderes Level. Für die Nationalmannschaft war der Weltmeisterschaftstitel 2014 natürlich das Nonplusultra. Dann gibt es einen Toni Kroos, bei dem es immer weiter nach oben geht und eben einen André Schürrle, der mit Rückschlägen kämpfen und sich entscheiden muss, wie es nun weitergeht.

Wie gehen Sie damit um, dass das Rampenlicht nach der Karriere
langsam erlischt?

Das sind Themen, die mich nicht so extrem tangieren. Klar, ich war während meiner Karriere häufig im Fokus, aber auch nicht immer ganz oben dabei. So oder so, das Leben bietet viel mehr. Jeder kann sich neu erfinden – auch nach der Karriere.

Im Handball wird auch mal schnell ne Pille gegen den Schmerz eingeworfen. In einer ARD-Doku kam heraus, dass rund 62 Prozent der Handballer mit Schmerzmitteln vollgepumpt sind. Wie sind Sie mit Tabletten
umgegangen?

Klar, das war definitiv ein Thema. Ich glaube allerdings, dass das die letzten Jahre besser geworden ist. Ich habe das so gehandhabt, dass wenn es sich verhindern hat lassen, ich nichts genommen habe. Entweder ich komme fit ins Spiel und kann in meinen Körper reinhören, oder ich pausiere für ein Spiel oder gar für einige Wochen.

Haben Sie Angst vor körperlichen Spätfolgen?

Natürlich kann es sein, dass mein Knie, der Knorpelschaden, oder etwa die Schulter Probleme machen. Aber man kann natürlich dagegen steuern, zum Beispiel bestimmte, gelenkschonende Übungen trainieren, um Probleme vorzubeugen. Und das mache ich.

Mit dem DHB-Team haben Sie bei Olympia 2016 Bronze gewonnen. Ist das Ihr größter Titel?

Das Jahr 2016 war allgemein ein Wahnsinnsjahr. Die Europameisterschaft im Januar war nämlich auch super. Allein aber eben die Olympiaspiele. Das Ganze zu erleben ist einmalig und dann mit einer Medaille nach Hause zu kommen ist natürlich das Allergrößte.

Nahezu jeder Sportler träumt von Olympia. Was hat Sie am meisten in Rio fasziniert?

Jeder geht dort seiner Leidenschaft nach, egal, woher man kommt, wie gut man ist oder wie man aussieht. Jeder gibt auf seine Art und Weise sein Bestes. Das war sehr faszinierend.

Europameister sind Sie geworden. Mit dem Olympiasieg und dem
WM-Titel hat es nicht geklappt.
Trauern Sie den verpassten
Möglichkeiten nach?

Natürlich wird Erfolg in der Karriere an Titeln gemessen, ich hätte gern auch andere Sachen gewonnen. Aber was man sagen muss: Ich habe viel erlebt, viele tolle Menschen kennengelernt und Erfahrungen gesammelt. Und das war viel mehr wert.

Herr Berrer, wären Sie auch gern mal bei Olympia mit dabei gewesen?

Michael Berrer: Selbstverständlich. Da trauere ich ein bisschen nach, dass ich nicht dabei
sein konnte. Das ist etwas ganz Besonderes.

Was war ihr schönster Moment
in der Karriere?

In den ganzen Jahren gibt es viele Momente, die einem tolle Erfahrungen schenken. In Wimbledon vor so vielen Leuten zu spielen, prägt einen einfach.

Herr Strobel, was war Ihr prägendster Moment in der Karriere?

Frühzeitig ein Länderspiel zu haben, definitiv. Das ist etwas ganz Besonderes. Aber auch dann eben die letzten Jahre, gerade die Weltmeisterschaft im eigenen Land. Mit 20 000 Zuschauern in schönen Hallen, das war brutal und eine Riesenerfahrung.

Sie sind in Rottweil aufgewachsen, haben jahrelang für Balingen-Weilstetten gespielt. Im Jahr haben Sie den Verein in Richtung Lemgo
verlassen. Wie schwer ist Ihnen der Weggang gefallen?

Damals war das schon schwer, das muss man schon sagen. Man hat sich mit dem Verein mitentwickelt. Als 16-Jähriger habe ich mittrainiert und bin letztlich in die erste Mannschaft gekommen. Dann sind wir von der dritten in die zweite und von der zweiten in die 1. Liga aufgestiegen. Ich musste dann aber einen weiteren Entwicklungsschritt machen. Das war unabdingbar, aber wie gesagt: Es war schwierig, Freunde und Familie zu verlassen.

War das Ausland nie ein Thema?

Nicht wirklich. Ich denke, im Handball hat Deutschland einfach die stärkste Liga. Sie hatte eben immer das richtige Standing, volle Hallen und ein
tolles Publikum. Es läuft als
Profi einfach rund hier, auch finanziell. Vom Gesamtpaket her einfach eine super Liga. Das Ausland war also zwar relevant und interessant, aber es war nie
so, dass ich kurz davor stand, nach Frankreich oder Spanien zu wechseln.

In Lemgo haben Sie große Erfolge
gefeiert und unter anderem 2010 den EHF-Pokal geholt. 2013 sind Sie aber wieder nach Balingen
gewechselt. Hatte sich dort in der Zwischenzeit etwas verändert?

Das war schon anders. Man denkt, alles bleibt gleich, aber klar: Die Leute ändern sich nach fünf Jahren und du selbst änderst dich auch. Ich war trotzdem davon überzeugt, dass wir uns weiterentwickeln können. Aber dann kam eben auch zum Beispiel der Abstieg, den wir uns so nicht vorgestellt hatten. Trotzdem bin ich geblieben, weil ich nicht wegen der Komfortzone kam, sondern um meine Leistungsfähigkeit erreichen zu können.

Ungewöhnlich war es ja auch, dass Sie als Nationalspieler mit Balingen dann in der 2. Liga gespielt haben. Kam die Anfrage überraschend?

2016 hatte ich bei den Olympia das letzte Länderspiel, dann kam besagter Abstieg. Aber trotzdem war das gut, ich habe die Ruhephase wegen einer Verletzung an der Achillessehne gebraucht. Es war dann schon eine Überraschung. Der Reiz war so riesig, das zu machen und mich durchzusetzen, das ich das auch machen musste. Man muss übrigens auch sagen, dass wir für die 2. Liga auch eine sehr gute Mannschaft hatten.

Kam ein neuer Wechsel weg
von Balingen nicht infrage?

Nein. Klar, man macht sich Gedanken, aber ich will lieber etwas mitentwickeln, gerade, wenn ich von der Sache überzeugt bin.
Wir haben im Personal rotiert und ich war überzeugt, dass wir wieder aufsteigen – was auch der Fall war.

Nach Ihrer Karriere wird Ihnen nicht langweilig. Das Buch hatten wir ja schon angesprochen. Nun wollen Sie im Bereich Teamentwicklung in
Wirtschaft und Sport durchstarten. Können Sie Ihr neues Aufgabenfeld mal genauer beschreiben?

Funktionieren soll das Ganze hauptsächlich über Workshops und Seminare. Ich würde gerne die Erfahrungen, die ich im Studium und während meiner Karriere gesammelt habe, zusammenlegen. Kopf, Strategie und Analyse - drei Begriffe, die mich in beiden Fällen sehr geprägt haben.

Ihr Bruder Wolfgang, mit dem Sie auch jahrelang in Balingen zusammengespielt haben, ist nun Geschäftsführer bei Ihrem Ex-Verein. Wie können Sie mit Ihrem neuen
Steckenpferd dem Verein und Ihren Bruder auch helfen?

Ich sage es mal so: Vereine wie Balingen haben begrenztere Mittel für Personal und operative Geschäfte. Man ist zwar gewachsen, trotzdem können solche Vereine nicht mit der Bundesliga verglichen werden. Wenn ich einen Beitrag leisten könnte, ist es, wie man mit bestimmten Charakteren und dem Verein als Unternehmen selbst umgeht. Wie stellt man sich beispielsweise das Bild des Vereins vor? Wo liegen die eigenen Werte? Wie sieht es um bestimmte Strategien aus?

Herr Berrer, Leistungssportler sind diszipliniert und auch zielstrebig. Wie hat Ihnen der Profisport
geholfen, in Ihrem neuen
Aufgabenfeld erfolgreich zu sein?

Ich glaube, wir Sportler sind es gewohnt, unter Druck zu arbeiten. Wir müssen widerstandsfähig sein und uns schneller auf Herausforderungen einstellen können. Man hört von uns aber auch schnell. Wenn man ein bisschen was vorzuweisen hat, dann hast du nämlich auch schneller Aufmerksamkeit.

Martin Strobel: Ja, das ist schon so, dass du ein anderes Bild von dir gibst. Wenn du zehn oder mehr Jahre im Profibereich tätig warst. Du kannst von Insides oder Themen berichten, die gut zu transportieren sind.

Zur Person

Martin Strobel ( 5. Juni 1986 in Rottweil) ist ein ehemaliger deutscher Handballspieler, der zuletzt für den Bundesligisten HBW Balingen-Weilstetten spielte. Martin Strobel begann das Handballspielen beim SV Hausen. Der Rückraumspieler gelangte über die JSG Balingen-Weilstetten zu HBW Balingen-Weilstetten. Von 2008 bis 2013 spielte er beim TBV Lemgo. Zur Saison 2013/14 kehrte er zum HBW Balingen-Weilstetten zurück. Im Sommer 2020 beendete er seine Karriere. Zu seinen größten Erfolgen gehören der EM-Titel mit der Nationalmannschaft und der Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 2016.

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Erstellt:
22. Juli 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juli 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2020, 01:00 Uhr

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