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Mistel-Plage wird zur Gefahr für das Streuobst

Halbschmarotzer macht Apfelbäumen und Pappeln das Leben schwer / Birnbäume wissen sich zu wehren

Die Halbschmarotzer überwuchern mittlerweile die Pappeln am Neckarufer in Kirchentellinsfurt und auch schon so manchen Apfelbaum auf den Wiesen. Eine der Ursachen ist mangelnde Pflege.

15.04.2017
  • Manfred Hantke

Wer in Kirchentellinsfurt über die Triebstraßenbrücke zum Neckarufer läuft, sieht die Pappeln voller Misteln. Keine Pappel, die verschont geblieben wäre. Vor lauter Misteln sieht man kaum den Baum. Auch oben hinterm Dorf Richtung Industriegebiet, Altenburg und Degerschlacht hat sich der Halbschmarotzer bereits einiger Apfelbäume bemächtigt.

Walter Stoll vom Kirchentellinsfurter Obst- und Gartenbauverein hat sich die Feldflur auf der Hochebene angeschaut. „Die Ausbreitung der Mistel auf der gesamten Markung Kirchentellinsfurt“, sagt er, „hat ein für den Streuobstbau bedrohliches Ausmaß angenommen.“ Eine ganze Reihe Apfelbäume sind mehr oder weniger stark vermistelt. Und die Geschwindigkeit des Mistelbefalls scheint hoch. Noch im vergangenen Jahr fand Stoll an den eigenen Bäumen des Vereins eine Laubholzmistel, in diesem Jahr waren es schon drei.

Starker Mistelbefall ist für die Apfelbäume schädlich. Die Laubholzmistel entzieht ihrem Wirt durch die Saugwurzeln Wasser und Mineralien. Ist der Baum stark befallen, wächst er nicht mehr so gut, kann sogar absterben, wie der Naturschutzbund (Nabu) in einer Broschüre schreibt. Bei Apfelbäumen könne die Mistel Wucherungen und krebsartige Schäden hervorrufen.

Birnbäume hingegen haben keine Probleme mit dem Halbschmarotzer. Gelangt die Mistelbeere auf einen Birnbaum, wehrt der sich. Das Gewebe im Umkreis der Keimstelle stirbt ab – und damit auch die Mistel. Nicht so beim Apfelbaum. Wenn etwa die Misteldrossel nach ihrer Mistelbeeren-Mahlzeit den Schnabel am Apfelbaum abstreift oder dort ihren Kot hinterlässt, findet die Mistel beste Bedingungen, um sich in den kommenden Jahren tief ins Holz einzugraben und fortzupflanzen. Die Beeren der nachfolgenden Mistelgenerationen „tropfen“ dann auf die unteren Äste und Zweige. Ein Jahr dauert die „Anheftung an den Wirt“, so der Nabu, bald wachsen auch die Saugwurzeln ins Holz. Nach ein paar Jahren ist der Baum zugewuchert. Die Laubholzmistel steht laut Nabu nicht unter besonderem Schutz. Sie wird bis zu einem Meter groß und bis zu 70 Jahre alt. Im Herbst reifen die klebrigen Scheinbeeren heran, die einigen Vogelarten gut schmecken. Aber auch Insektenarten fühlen sich mit der Mistel sehr wohl.

„Die Mistel ist der Biber des Baumes“, sagt denn auch Joachim Löckelt, beim Tübinger Landratsamt im Naturschutz zuständig für die Obst- und Gartenbauberatung. Will sagen: ein, zwei Misteln sind in Ordnung, denn auch sie seien Bestandteil der Natur. Wenn die Misteln jedoch überhandnehmen, muss eingeschritten werden. Sind sie ein, zwei Jahre alt, können sie den Baum nicht schädigen, starker Mistelbesatz aber kann „Alt- und Jungbäume kaputt machen“, so Löckelt.

Der Gartenbauexperte führt den starken Mistelbefall in Kirchentellinsfurt (auch in Nehren wird die Mistel verstärkt wahrgenommen) auf mangelnde Pflege der Bäume zurück. Nicht der letzten Jahre, sondern der letzten Jahrzehnte.

So konnte sich die Laubholzmistel ausbreiten. „Je mehr der Bestand gepflegt wird, desto geringer ist das Problem“, ist Löckelt überzeugt. Er rät, zweigleisig zu fahren, also die Bäume ordentlich zu pflegen und „gleich am Anfang drauf“, wenn sich ein Befall zeigt. Misteln können zu jeder Jahreszeit aus den Bäumen entfernt werden, so der Nabu, am besten seien jedoch der Spätwinter und das Frühjahr. Über den starken Mistelbefall ist auch Bürgermeister Bernd Haug informiert. Ein Info-Abend mit Löckelt ist angedacht, einen Termin gibt es noch nicht.

Während die Äpfelbäume auf den Obstbaumwiesen in privaten Händen sind, ist für die Pappeln am Neckarufer das Regierungspräsidium (RP) zuständig. Laut Pressesprecher Simon Kistner schaut das RP danach. Kistner: „Die Kollegen haben’s im Blick.“ Nicht auszuschließen sei, dass die eine oder andere Pappel im Oktober gefällt wird.

Antworten der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage

Drei Unterarten gibt es: die Tannen- und Kiefernmistel sowie die Laubholzmistel. Für den Streuobstbau gefährlich kann die Laubholzmistel sein. Sie breitet sich seit den 1990er Jahren verstärkt in Süd- und Mitteldeutschland aus. Im Juni vergangenen Jahres bekam Landtagsabgeordneter Friedrich Bullinger (FDP) auf seine Kleine Anfrage die schriftlichen Antworten der Landesregierung. Danach bestätigte die Landesregierung in ungepflegten Streuobstbeständen teilweise zunehmenden Mis-

telbesatz. Gründe: mangelnde Kronenpflege von Obstbäumen, nicht vollständige Entfernung der Wurzeln (Haustorien) beim Ausschneiden (der Ast sollte Walter Stoll zufolge 50 Zentimeter unterhalb der Mistel abgeschnitten werden), ein erhöhter Befall durch stärkere Verbreitung der Laubholzmistel etwa auf Pappeln, höhere Temperaturen im Frühjahr und Sommer sowie Trockenstress der Bäume, mildere Winter (Zugvögel wie die Misteldrossel bleiben länger in der Region und tragen zur Verbreitung der Mistel bei). Finanzielle Unterstützung biete das Land etwa beim Baumschnitt oder als Ausgleichsmaßnahme.

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15.04.2017, 11:30 Uhr

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