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US-Wahl

Hass und Angst haben gewonnen

Die Amerikanerin Elizabeth Hejl lebt seit vier Jahren in Bildechingen. Für sie war der Ausgang der Wahl in den Vereinigten Staaten ein Schock.

10.11.2016
  • Benjamin Breitmaier

Es ist definitiv kein normaler Morgen für sie. Der Zeiger ging am Tag gegen 1 Uhr. Die US-Präsidentschafstkandidatin Hillary Clinton lag noch im Rennen, es sah knapp aus, aber Elizabeth Hejl ging ohne große Sorge ins Bett. „Sie wird das schon machen“, dachte sie sich.

In den frühen Morgenstunden des 9. Novembers schaltet sich Hejls Radiowecker ein. Die ersten Worte, die sie hört, handeln von einstürzenden Börsen, davon wie der mexikanische Peso in den Keller rast. Die in Bildechingen lebende Amerikanerin ist hellwach. „Ich bin aus dem Bett gesprungen, ich war fassungslos. Das hätte ich nicht geglaubt. Gestern habe ich gedacht, das kann nicht sein. Meine Landsleute machen das nicht. Hass und Angst haben gewonnen, ich bin froh, dass ich hier bin“, erklärt die Deutsch- und Englischlehrerin, die derzeit einen Kurs für Flüchtlinge am Hermann-Hesse-Kolleg unterrichtet.

Während Hejl in einen für sie fast traumatischen Tag im Schwarzwald startet, machen sich ihre Eltern gerade daran, ins Bett zu gehen. Sie leben auf der anderen Seite des Atlantiks, in Sheboygan, einer 50000-Einwohner-Stadt im US-Bundesstaat Wisconsin – einem der so wichtigen „Swing-States“. Seit Jahrzehnten haben Hejls Eltern die Republikaner gewählt. Aber dieses Mal nicht. Auch für sie war die Persona Trump einfach zu viel.

Bevor Hejls Vater nach einem langen Wahlabend ins Bett geht, schickt er noch eine E-Mail an seine Tochter Elizabeth in Bildechingen. Darin steht nur ein Wort: „Scheiße!“ Ihre alte Heimat hat anders gewählt, zehn Wahlmänner für den Mann mit der Toupé-Frisur. „Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagen wir ja. Aber das ist vorbei, ich hab keine Ahnung, wie es weitergeht. Das Land ist so gespalten“, erklärt Hejl.

Ihre eigene Stimme hat die Bildechingerin bereits vor Wochen abgegeben. Das Prozedere war nicht einfach. Denn, um per Briefwahl aus dem Ausland wählen zu dürfen, muss ein anderer amerikanischer Erwachsener als Zeuge dienen. Im Kreis Freudenstadt ist das nicht einfach. Laut Statistischem Landesamt liegt von den 43 Stadt- und Landkreisen in Baden-Württemberg Freudenstadt auf dem drittletzten Platz bei Bewohnern mit US-amerikanischer Staatsbürgerschaft – gerade einmal 68 Personen.

Hejl ist eine davon. Darüber scheint sie gerade heute, an diesem schicksalsträchtigen 9. November, mehr als glücklich. Vier Jahre lebt sie nun mit ihrem Mann hier. Die erwachsenen Kinder blieben in den Staaten. Ihre Tochter studiert in Philadelphia.

Mit einem Geschäftspartner hat sich ihr Mann in Bildechingen eine Softwareentwicklungsfirma aufgebaut. Kennengelernt haben sich die beiden über ein Schüleraustauschprogramm. Die Heirat folgte im Jahr 2006. Das Leben als Amerikanerin in Bildechingen hält Hejl in einem eigenen Blog fest, in dem sie über ihre Erlebnisse rund um das Leben in Bildechingen schreibt.

Wählen konnte Elizabeth Hejl am Ende. In Breisach hörte sie einen Amerikaner, den sie spontan ansprach, ob er ihren Briefwahlzettel bezeugen könnte.

Es ist ein schwieriger Tag für die Bildechingerin. In ihrer Stimme schwingt eine Kaskade an Emotionen: „Es ist einfach peinlich, ich bin froh, dass ich heute zuhause bleiben kann, ich will mit niemandem sprechen. Ich lass mir ein bisschen Zeit“, erklärt sie. „Ich kann nur sagen, er ist verrückt. Erst war es ein Witz, dann war es nicht mehr lustig, und jetzt ist es eine Katastrophe.“

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10.11.2016, 01:00 Uhr

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12.11.2016

13:16 Uhr

Mrs.Farmer schrieb:

Ich leide mit meiner "fellow American abroad" hier in Bildechingen mit. Ich selber bin schon seid 23 Jahre in Deutschland.

Ich bin selber sehr sehr enttäuscht über mein Land und wie es sich entschieden hat. Erschreckend! Enttäuschend! Unglaublich! Beängstend! Ich glaube selber denen ist es nicht klar was sie sich selber an tun mit diesem Präsidenten.

Mir tut meine Familie drüben sehr leid. Ich habe auch ein bisschen Sorge um sie.

Aber bin selber froh hier in Deutschland zu leben...obwohl Deutschland wird auch diesen nächsten Präsident spüren zu bekommen.

Dieser Trump ist für mich kein Mensch. Er ist zu egoistisch, dass er wirklich das Land auf dem Herzen hat. Er denkt nur an sich. Und ist unberechenbar und hat zwei Gesichter.

Ich persönlich erkenne ihn nicht als mein nächster Präsident an!

Mir tut mein noch Präsident Obama sehr sehr leid.

Wie peinlich für USA!

Not terribly proud to be an American right now.



 

 

 
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