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Herz über Kommerz
Der Klub mit der familiären Atmosphäre: Vor dem Heimspiel gegen Nürnberg wurden im Stadion An der Alten Försterei die Spieler Collin Quaner (links) und Sören Brandy verabschiedet und Betreuerin Elvira Henschke, die bereits seit 1988 für Union im Einsatz ist, ausgezeichnet. Foto: Imago
Fußball

Herz über Kommerz

Der Zweitligist 1. FC Union Berlin könnte zum ersten Mal in seiner über 50jährigen Geschichte in die Bundesliga aufsteigen. Die Eisernen versuchen einfach locker zu bleiben.

04.04.2017
  • DOROTHEE TOREBKO

Wenn der 1. FC Union Berlin ein Organismus ist, dann sitzt das Herz des Fußballvereins an diesem Frühlingstag in einem Restaurant am Berliner Alexanderplatz. Vor Bier- und Saftgläsern und einem Schnitzelteller hocken Kaffee-Kay, der so heißt, weil er das schwarze Gold früher umsonst im Stadion ausschenkte, Schmidte, der so ziemlich jeden Union-Spieler mal fotografiert hat, sowie Jörg und Schwadten, die sich die Hände blutig geschippt haben beim Aufbau des Stadions. Die vier Männer um die 50 erzählen von ihrer großen Liebe. Sie berichten vom Leiden, das im Wort Leidenschaft steckt. Und vom Warum. Warum Union Berlin?

Union ist anders, sagen sie. Man geht nicht zum Fußball, man geht zu Union, lautet ein Leitsatz. „Der Verein“, sagt Kaffee-Kay, der eine Tischlerei besitzt, „ist Gemeinschaft, Einheit, Zusammenhalt.“ Union ist eine Haltung. Doch die vier wissen, es könnte sich einiges ändern in ihrem Klub. Wenn das Unaussprechliche passiert, der Aufstieg in die erste Fußball-Bundesliga. Es wäre der größte Erfolg für den Klub, der einst vor der Insolvenz stand. Was passiert dann mit dem Wertekodex? Weicht der Kult dem Kommerz? Und: Was hält die Männer eigentlich zusammen?

Schmidte, der den Verein seit 1993 als Fotograf begleitet und wie die anderen am liebsten mit seinem Spitznamen angeredet wird, klappt sein Laptop auf. Zig Ordner, in denen Fotos aus mehreren Jahrzehnten lagern, ploppen auf. Darunter einer mit Bildern vom Stadionausbau 2009. Der Deutsche Fußball-Bund forderte als Grundlage für die Zweite Liga, die maroden Ränge zu sanieren. Geld hatten die Köpenicker nicht. Also beschlossen sie, selbst anzupacken.

Einzigartiger Zusammenhalt

„Kiek mal da“, sagt Schmidte und zeigt auf ein Foto, auf dem eine Frau die Arme in die Hüfte stemmt und zwei Männer mit Bohrern bewaffnet den Beton der Ränge zum Bersten bringen. „Kennste die noch? Dit is doch die Kuchen-Mutti.“ Seine Kollegen nicken und lächeln. „Damals haben die Frauen, die fürs Catering zuständig waren, ihre Urlaubspläne aufeinander abgestimmt, damit sie helfen können“, erzählt Jörg. Statt eines Monats wurde über ein Jahr lang geschippt, gehämmert, gestrichen.

Nachts übernahmen sie die Schichten, damit keiner das Werk verwüstet oder die Maschinen klaut. 2000 Menschen halfen mit, investierten auch Eigenkapital. Schwadten besorgte die Schrauben, die Schleifer und Bohrer. Bis heute wird im Andenken an die Stadionbauer in der Halbzeit angesagt, wenn einer von ihnen gestorben ist. „Dit is Familie“, sagt Kaffee-Kay. „Dit is Union.“

„Es macht die Köpenicker aus, dass sie die Umstände nicht einfach hinnehmen. Bis heute wehren sie sich gegen gesellschaftliche Zwänge. Das wird die Bundesliga überdauern“, sagt Jochen Lesching. Das Aufsichtsratsmitglied ist seit den 1990ern, als er das Stadionheft herausbrachte und verkaufte, mit dem Klub verwoben. „Bei uns zählt der ganze Mensch“, sagt er und meint damit die soziale Verantwortung. Mithilfe von Geldern der Stiftung „Union vereint“ können zum Beispiel gehandicapte Fans gemeinsam zum Auswärtsspiel fahren. Im Herbst 2015 brachte der Verein Flüchtlinge in einem ursprünglich für Fans gedachten Haus unter.

Lesching begleitete die Eisernen durch eine der tiefsten Krisen der Vereinsgeschichte. Als die Köpenicker 2004 kurz vor der Insolvenz standen, gründeten elf Unternehmer den Wirtschaftsrat. Ein Gremium war das, das den Klub finanziell stabilisierte. Allerdings wollten die elf nicht nur die Geldbeschaffer sein, sondern auch die Fans einbeziehen. Und so kam es zur bis dato einmaligen Aktion in der Geschichte des Fußballs. Fans spendeten Blut, um ihren Verein zu retten.

Die vier Männer gaben ebenfalls. Einige spendeten Geld, andere wie Schmidte gingen ins Krankenhaus, um Blut abzuzapfen. Später wurde aus „Bluten für Union“ eine bundesweite Aktion, bei der sich weitere Clubs wie St. Pauli – dieser andere Kult-Club – engagierten. „Da wurden T-Shirts bedruckt in Schalke-Blau oder Werder-Grün. Auf einigen stand dann ,Saufen für Union‘“, erinnert sich Jörg und lacht. 1,4 Millionen sammelten sie.

Zusammen mit dem Geld eines Münchner Sponsors und dem cleveren Management des Wirtschaftsrats und des Präsidiums unter Dirk Zingler steht Union derzeit so gut da wie noch nie. Von vier Millionen ist der Umsatz auf derzeit 40 Millionen gestiegen, sagt Lesching. Bei einem Bundesliga-Aufstieg könnte er auf 60 Millionen wachsen.

„Gelitten haben die Unioner genug“, sagt der Regisseur Jörg Steinberg. Der gebürtige Köpenicker schrieb zwei Theaterstücke über seinen Herzensklub. Der Prolog des ersten Stücks dröhnt vor jedem Heimspiel der Köpenicker über die Boxen, während Tausende Fans andächtig lauschen. Sein Prolog gehört ebenso zur Tradition wie das Weihnachtssingen in der Alten Försterei, das der Verein seit 2003 am 23. Dezember organisiert.

Nur der Schein von 20 000 Kerzen erleuchtet das Stadion dann. Bevor die Fans „O du fröhliche“ anstimmen, durchbricht die raue Stimme der Punkerin Nina Hagen die Stille der Nacht. Sie krächzt die Hymne ins Mikro: „Wer spielt immer volles Rohr? Wer schießt gern ein Extra-Tor?“ Und die Fans antworten: „Eisern Uniooooon, immer wieder Eisern Uniooooon. Immer weiter. Ganz nach vorn.“ Der eine oder andere hat Gänsehaut. Und wenn Nina Hagen dann fragt: „Wer lässt Ball und Gegner laufen? Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?“, überschlagen sich die Unioooon-Rufe beinahe.

Kein Großinvestor in Köpenick

Die Befürchtung einer Verkapitalisierung ihres Klubs, der Untergang der Fankultur und das Aufgehen in der Marketing-Maschinerie eines auf Profit ausgerichteten Fußballbundes huscht wie ein Gespenst durch die Fan-Reihen. Auch das Präsidium verwehrt sich dem Gehorsam und dem Ausverkauf der Union-Werte. „Bei uns wird kein Investor Zugriff auf unseren Namen haben“, sagt Aufsichtsratsmitglied Lesching. „Wir bleiben wir“, betont Präsident Zingler, das Motto der Bayern aufgreifend. Heißt, der Stadionname bleibt und kein Großinvestor rückt in Köpenick ein. „Wir benötigen niemanden, der uns befiehlt, was wir tun“, sagt Lesching fast trotzig.

Damit fegt er auch die Angst vom Tisch, dass mit dem schnellen Bundesliga-Geld teure Spieler verpflichtet würden, die bei einem Abstieg nicht mehr zu bezahlen wären. Union operiert mit Kapital, das da ist, investiert es, will keine unnötigen Risiken eingehen. Aber: „Wir sind Unternehmer. Wir wissen: Sobald wir die Hände in den Schoß legen, geht es nach hinten los“, sagt Lesching.

Wenn es am Ende nur für eine Saison in der Eliteliga reicht, auch egal. „Fährste hin zu den Bayern, koofste dein Bierchen, kiekste dir dit Spiel an, fährste wieder nach Hause“, berlinert Jörg Steinberg. „Bisschen Urlaub.“ Den haben sich die Unioner nach all der Arbeit auch verdient.

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04.04.2017, 06:00 Uhr

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