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Wiesenstetten · Kultur im Pfarrhaus

Hintersinnige Texte vor ausverkauftem Haus

Pius Jauch gastiert beim schwäbisch-alemannischen Mundart-Abend am Samstag in Wiesenstetten auf Einladung des Orgelbaufördervereins St. Stephanus Wiesenstetten.

03.12.2019

Von Adelinde Hellstern

Schwäbischer Hintersinn, vorgetragen mit und ohne GItarre: Der Bösinger Pius Jauch unterhielt die Zuhörer bei seinem Auftritt in Wiesenstetten blendend. Bilder: Adelinde Hellstern

Vorsitzender Thomas Wiechert freute sich über ein ausverkauftes Haus. Es ist ein Herzensanliegen von Thomas Wiechert und der Erfolg gibt ihm Recht: Die Kultur im Pfarrhaus auf der „Kleinkunstbühne“ steht hoch im Kurs bei den Gästen.

Der schwäbisch-alemannische Künstler Pius Jauch aus „Baisenga“, also Bösingen bei Rottweil fühlte sich sofort pudelwohl in Wiesenstetten und im heimeligen Pfarrhaus. „So ein schöner Ort und obacha romantisch“ schwärmte Jauch ernstgemeint und hatte das Publikum damit auf seiner Seite.

Blitzschnelles Switchen von Schwäbisch auf Hochdeutsch

„Baisenger“ Schwäbisch und nach blitzschnellem Switchen in astreinem Hochdeutsch, auch mal auf Italienisch, zu allen Themen des Lebens, feinsinnig mit hintersinnigen Texten, temperamentvoll und ausdrucksvoll, sorgten für einen entspannten Samstagabend für die Gäste. Pius Jauch ist Liedermacher, kein „singer song writer“, und er schwätzt und singt mit Vorliebe schwäbisch, wie er es beim „Ehne“ (Großvater) gelernt hat. Ein altbachenes Schwäbisch mit vielen zwischenzeitlich fast nicht mehr verwendeten Wörtern wie „Hergoless“ oder „Heibandsechser“. Bei der Oper versteht man schließlich auch nichts!

Jauch bedauert das geringe Ansehen des Schwäbischen. Dabei brauche es fürs Schwäbisch-Schwätzen eine ganz andere Muskulatur im Gesicht. Die Nasal-Laute könne gar nicht jeder! Junge Leute übersetzen dann „dem Kälble den Schoppen geben“ mit einer „Shopping-Tour mit einem Kuhbaby“.

„Kialobe“ (Kuhwarme) Milch und ein Schwarzbrot mit Gsälz sind ebenso böhmische Dörfer für viele Leute.

„A fürnehme Bagasch“ und das „Waldlied“ beschreiben das Verpöntsein des Schaffens mit den Händen zum Beispiel bei der Waldarbeit.

Viel lieber macht man es heute wie die Rabenvögel, „die Herren in schwarze Fräck, d’Schnäbel älleweil offa und d’Händ in da Hosesäck“. Auch die Streitkultur, gerne vorkommend an Weihnachten mit der Familie, die sich ja keiner raussuchen kann, hat sich in Richtung Sticheln verändert, also „henda rom“. Effektiv wie eine Zeitbombe, quasi platziert in der Handtasche, die es erst daheim verreißt. Die wichtige Funktion der Mehrzweckhalla in den kleinen Dörfern besingt er ebenso wie den „verteilten Kuchen“. Kurioserweise wissen immer manche, wo der verteilt wird! Die Vorteile des Daheimbleibens und der „Wandervogel“ lassen die Frage aufkommen: warum verreisen die Leute soviel, wie sieht es wohl bei denen daheim aus? Von seinem persönlichen Italienaufenthalt brachte Jauch „oa gotzige Schneeflocke“ mit und zog durchaus Parallelen zu Rottweil.

Da ist wenig los – trotz Turms (gemeint war der Rottweiler Thyssen-Krupp-Testturm) und so trug er die Ode seines Zechers in der Nacht an sein Städtle vor. Am Rande verriet er, dass die Rottweiler bereits im 16. Jahrhundert den Weinanbau aufgegeben haben, er war sehr sauer! Ins „dreifache Hoch auf den Bau“ stimmten auch die Gäste ein, bevor sie mit Jauch „da Neckar na“ schifften und batschnass wurden. „Clicks sind die neue Währung“ wusste Jauch und verwies auf das Smartphone, das quasi als Zauberspiegel wie früher im Märchen fungiert.

Älles dreht sich um mich, sang er auf Hochdeutsch, weil er sich und dem Publikum sein Französisch ersparen wollte. Der Löwenzahn (auch Bettseicher oder Sonnenwirbel) hat unglaublich viel mit den Menschen gemeinsam: blond in der Jugend, grau im Alter und schließlich vom Winde verweht. Postkarten mit „dummen Sprüchen“ gab’s als „Krämle vo belder“ (Kromets= Mitbringsel von früher) zum Mitnehmen „omasuscht“ (also umsonst) für die Gäste ebenso wie die Zugabe, da die Schwaben etwas wollen für ihr Eintritts-Geld, wie Jauch sehr wohl weiß. Mit sechs Jahren lernte er das Geigespielen und war viel in Kirchen unterwegs, bis er mit zwölf Jahren eine Gitarre kaufte. Fortan träumte er davon, Lieder zu schreiben, und zwischenzeitlich konnte er sich seinen großen Wunsch erfüllen und als Hauptberufler davon leben. Kleinkunstbühnen in ganz Baden-Württemberg, von Basel/Lörrach bis Heilbronn oder eben im Wiesenstetter Pfarrhaus, sind seine zweite Heimat.

Mit lang anhaltendem Beifall verabschiedete das Publikum nach zwei Stunden feinsinniger Unterhaltung mit herzlichem Lachen, Musikgenuss und nachdenklichen Texten als Balsam für die Seele diesen besonderen Künstler wieder nach Rottweil.

Die Plätze waren voll besetzt bei „Kultur im Pfarrhaus“ in Wiesenstetten.

Schwäbischer Hintersinn, vorgetragen mit und ohne GItarre: Der Bösinger Pius Jauch unterhielt die Zuhörer bei seinem Auftritt in Wiesenstetten blendend. Bilder: Adelinde Hellstern

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Erstellt:
3. Dezember 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Dezember 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Dezember 2019, 01:00 Uhr

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