Interview

Wer übernimmt das Imperium?

Helmut Schlotterer ist der Kopf von Marc Cain. Er hat sich bei der Nachfolgeregelung seines Modeunternehmens für einen besonderen Weg entschieden: er legt es in die Hände seiner Mitarbeiter. Für den mittlerweile 78-Jährigen Firmenchef eine wohl überlegte Entscheidung, die für einiges Aufsehen in der Branche sorgt.

20.11.2023

Von Simone Maier

Helmut Schlotterer in der Firmenzentrale von Marc Cain in Bodelshausen. Bild: Unternehmen

Helmut Schlotterer in der Firmenzentrale von Marc Cain in Bodelshausen. Bild: Unternehmen

Mit einer fulminanten Feier und „Leo all over“ wurde der 50. Geburtstag von Marc Cain diesen Sommer gefeiert. So viele gut aussehende und sowohl verrückt als auch gut gekleidete Menschen tummeln sich selten im beschaulichen Bodelshausen. Kurz danach hatten wir Gelegenheit, mit Firmenchef Helmut Schlotterer darüber zu sprechen, wie er sich die Zukunft seiner Firma als Mitarbeiterstiftung vorstellt.

Herr Schlotterer, wann kam Ihnen der Gedanke, Ihren Mitarbeitern Ihr Unternehmen quasi zu schenken? Gab es einen besonderen Anlass oder die berühmte zündende Idee?

Seit Jahren wurde ich von Kaufinteressenten kontaktiert, ist ja auch nicht verwunderlich: ein älterer Unternehmer eines gut aufgestellten, erfolgreichen Unternehmens – ohne leibliche Erben – der wird wohl mal verkaufen.

Die Vorstellung, zu verkaufen war mir immer fremd, viel Geld zu bekommen – und dann zu verschwinden – unvorstellbar. Selbst mit 65 Jahren, dem klassischen Renteneintrittsalter, war das keine Option für mich. Zu interessant ist mein Beruf. Dazu kommt, dass die Modebranche sehr abwechslungsreich und emotional ist und gleichzeitig in allen Veränderungen und Krisen herausfordernd. Dazu kommt noch eine hohe emotionale Bindung zu der Belegschaft. Das Einzige, das ich vermisse, ist mehr freie Zeit.

Nachdem zwei frühere Geschäftsführer in Rente gingen, wollte ich alle Unternehmensbereiche mit neuen Geschäftsführern besetzen, mich aus der Tagesarbeit verabschieden und nur noch Inhaber und Aufsichtsrat sein.

Das mit den neuen Geschäftsführern ging gründlich schief, wie inzwischen hinlänglich bekannt. Diese Personen waren weder fachlich, intellektuell noch charakterlich geeignet. Es hat mich schwer getroffen, dass ich hier keine glückliche Hand hatte.

Aber wie testet man einen Charakter ausreichend in Bewerbungsgesprächen?

Inzwischen besetzen wir in der Regel intern – von unten nach oben – im Unternehmen. Das funktionierte, bis auf einen Einzelfall, bis dato sehr gut. Das Potential an fähigen Mitarbeitern auf allen Ebenen ist enorm. Erstaunlich ist, was für Fähigkeiten da freikommen, wenn man denn den Leuten die Chance dazu gibt.

Nachdem ich zu Beginn des Jahres, wiederholt einem Kaufinteressenten absagte, brauchte ich alsbald eine Lösung. Wer soll nach mir der neue Eigentümer werden, zumal bei mir die Uhr des Lebens tickt.

Tatsache ist, dass die erhebliche Geldsumme, die mir ein Verkauf einbringen würde, für mich in meinem Alter nicht mehr wichtig ist. Es wurde mir immer wieder gesagt: „Nehmen Sie das Geld, dann sind Sie alle Last los und genießen Sie Ihr Leben in vollen Zügen.“

Aber das Thema ist: Ich bin nicht auf der Flucht, ich sehe viel Sinn in meiner Arbeit und erfahre viel Zuspruch. Andererseits führe ich kein karges Leben, ich kann mir die Dinge leisten, die mir wichtig sind.

Da nicht absehbar ist, was ein fremder Eigentümer/Investor mit dem Unternehmen vorhat, sehe ich in den Mitarbeitern die beste Garantie für den Standort. In der Belegschaft sehe ich die legitimen Erben des Unternehmens. Diese hat mir geholfen, dieses wunderbare Unternehmen aufzubauen und zu dem zu machen, was es heute ist.

Hatten Sie Vorbilder von
Stiftungen?

Ich habe kein Modell, kein Vorbild für diesen Fall gefunden. Da es nicht möglich ist, alle Mitarbeiter als individuelle Person zu Gesellschaftern zu machen, braucht es eine Organschaft, die als Gesellschafter der GmbH, somit Eigentümer des Unternehmens, für die Mitarbeiter auftritt. Das Hauptproblem bei der Schenkung beziehungsweise Vererbung eines Vermögens ist der Steuersatz von 50 Prozent.

Das wäre ein Vermögensverlust im dreistelligen Millionenbereich, die das Unternehmen gefährden würde. Es gilt daher, mit der Mitarbeiterstiftung die steuerlichen Möglichkeiten auszuschöpfen, und so das Betriebsvermögen zu verschonen. An diesem Konstrukt arbeiten wir gerade. Ich denke, dass das ab Januar 2024 funktioniert.

Was ist Ihr Hauptwunsch
für die Stiftung?

Ich möchte, dass für die aktiven Mitarbeiter – als automatische Mitglieder der Stiftung – der Anreiz geschaffen wird, zusätzliche Einkünfte aus Gewinnausschüttungen zu generieren, eben eine weitere Einkunftsart zu schaffen.

Zusätzlich vertraue ich darauf, dass für die Mitglieder des Mitarbeiterrates (Gremium der Leitung der Mitarbeiterstiftung) der Anreiz geschaffen wird, unternehmerisch zu denken und zu handeln – und so eine anhaltende, gute Ertragslage zu erhalten.

Wir wird Ihre künftige Funktion dann bei Marc Cain aussehen?

Ich habe mich für das Verschenken zu Lebzeiten entschieden, zum Vererben muss man gestorben sein. (schmunzelt) Ich bin weiterhin der Vorsitzende der Geschäftsleitung (als Angestellter) und möchte das bleiben, solange es geht. Die Mitarbeiter bekunden mir immer wieder, dass ich dem Unternehmen noch lange erhalten bleiben soll.

Ich bin ein Coach und Moderator in allen Sachfragen. Ich höre gerne auch abweichende Meinungen. Wenn diese Substanz haben, schließe ich mich einer neuen Idee an. Ob es nach mir eines neuen CEO als meinen Nachfolger auf dieser Position bedarf, wird sich zeigen. Externe Berater meinen, es geht nicht anders.

Haben Sie denn schon Pläne für ein Leben „nach Marc Cain“?

Marc Cain wird mich immer begleiten. Ich konnte mir für mein Berufsleben nichts Besseres vorstellen. Was ich jedoch unbedingt tun sollte ist, an meiner Work-Life-Balance zu arbeiten. (lacht)

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Erstellt:
20.11.2023, 12:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 33sec
zuletzt aktualisiert: 20.11.2023, 12:00 Uhr

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