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Interview mit dem Psychiater Jan Kalbitzer über digitale Paranoia
Am 25. Januar, ab 20 Uhr zu Gast bei Osiander in der Wilhelmstraße: Jan Kalbitzer.Bild: Privat
Machen Smartphones dumm und depressiv?

Interview mit dem Psychiater Jan Kalbitzer über digitale Paranoia

Der Berliner Psychiater Jan Kalbitzer untersucht die Auswirkungen des Internets auf die Psyche der Menschen und warnt vor Panikmache. Am Mittwoch liest er bei Osiander.

22.01.2017
  • Ulrich Janßen

Mit seinem Buch „Digitale Paranoia“ erntete Jan Kalbitzer im vergangenen Jahr überraschend viel Lob in den Medien. „Kalbitzer“, schrieb der Spiegel, „ergründe erfreulich unaufgeregt unser Treiben im Netz“. Wir sprachen mit dem Berliner Psychiater.

Herr Kalbitzer, machen uns Smartphones wirklich dumm und depressiv, wie der Ulmer Hirnforscher Manfred Spitzer befürchtet?

Ich will mich zu Manfred Spitzer eigentlich nicht mehr äußern. Ich teile seine Meinung nicht und sehe für seine Hypothesen keine zureichende wissenschaftliche Grundlage. Wir stehen durch das Internet vor großen Aufgaben, die wir bewältigen müssen, und ich halte es deshalb nicht für gut, Menschen Angst zu machen. Das Internet wird nicht wieder weg gehen, ob uns das gefällt oder nicht. Wir müssen lernen, damit umzugehen, wir müssen experimentieren und werden sicher auch Fehler machen. Aber es hilft sicher nicht, sich zu verkriechen und sich alte Zeiten zurück zu wünschen.

Dass schon Dreijährige mit einem Wisch von Youtube-Video zu Youtube-Video hüpfen können, kann doch nicht gut sein.

Wir müssen unsere Kinder genauso ins Internet einführen und begleiten, wie wir sie in den Straßenverkehr oder in den Wald begleiten. Wir müssen mit ihnen darüber sprechen, was es dort gibt, und sie müssen lernen, sich darin zurechtzufinden. Wenn wir ihnen das beibringen, dann ist es doch ganz wunderbar, dass man mit einem Wischen auch mal gemeinsam tolle Videos anschauen kann.

Aber kann man noch geduldig an nicht so tollen Aufgaben dran bleiben, wenn jederzeit so viele tolle Videos als Ablenkung bereit stehen?

Über die Wirkung des Internets auf die Nutzer gibt es aus meiner Sicht noch zu wenig fundierte Daten. Was wir wissen, ist, dass bei Menschen, die dafür anfällig sind, möglicherweise die Frustrationstoleranz geringer werden kann und die Fähigkeit leidet, Gefühle auszuhalten. Das macht mir Sorge. Aber man darf auch nicht vergessen, dass jede neue Technik dazu führt, dass bestimmte Fähigkeiten verloren gehen. Schließlich tut Autofahren unseren Beinmuskeln auch nicht gerade gut. Und wir müssen uns dann bewusst entscheiden, welche Fähigkeiten wir weiter brauchen und welche nicht.

Und was ist mit den sozialen Fähigkeiten? Wenn Sie mit ihren Freunden ständig per Whatsapp in Verbindung stehen, wenn Sie dauernd posten, was sie gerade tun, verlieren sie dann nicht die Fähigkeit, ein reales Gespräch zu führen? Oder auch die Fähigkeit, mal allein und für sich sein zu können?

Es ist immer die Frage, womit sie einen aktuellen Zustand vergleichen. Wird wirklich alles schlechter? Gab es die Idylle, die wir so oft beschwören, wirklich? War es tatsächlich besser, als sich die Leute hinter einem Buch verkrochen haben? Und haben sie sich überhaupt verkrochen? Es gibt Zahlen, die darauf hinweisen, dass heute viel mehr gelesen wird als früher. Und mein Eindruck ist, dass die soziale Kompetenz in den letzten zwei Jahrzehnten eher zu- als abgenommen hat. Die Leute sind im direkten Kontakt oft höflicher und kommunizieren mehr. Ich glaube, die Wirkung sozialer Netzwerke ist zwiespältig. Sie können sicher Depressionen verstärken, wenn sich die Erkrankten völlig ins Internet zurückziehen. Aber genauso können etwa schüchterne Menschen davon profitieren, dass sie im Internet leichter ins Gespräch kommen. Oder denken Sie an Menschen, die isoliert in einem Dorf leben: Sie finden im Internet endlich Gleichgesinnte.

Momentan wird viel darüber diskutiert, dass sich Leute in kleinen Gemeinschaften radikalisieren. Über „Filterblasen“, also etwa Googles personalisierte Suche, versorgen sie sich mit einseitigen Informationen, die dann unter Gleichgesinnten in „Echokammern“ enorm verstärkt und verzerrt werden.

Problematisch ist aus meiner Sicht, dass sich Menschen schneller polarisieren, wenn sie sich bedroht fühlen, wenn sie etwa per Internet den Eindruck bekommen, dass sie sich in einer gefährlichen Umgebung befinden. Und der Eindruck, dass die Umwelt bedrohlich ist, wird verstärkt, wenn viele Menschen ihre Gefühle und Ängste sofort ins Netz posten. Das löst dann weitere Polarisierungen aus und so entwickelt sich ein Teufelskreis. Leider sind die großen kommerziellen Internet-Unternehmen offenbar an polarisierenden Statements interessiert, weil sich damit mehr Umsatz auf den Seiten erzielen lässt. Ich bin deshalb dafür, dass der Staat soziale Medien bereitstellt und dort auch für Rechtssicherheit und Transparenz sorgt. Natürlich birgt auch das Risiken, aber sie scheinen mir geringer, als wenn kommerzielle Unternehmen die Kommunikation steuern. Den Staat kann man zwingen, seine Algorithmen öffentlich zu machen, ein privates Unternehmen nicht.

Kennen Sie Boris Palmer?

Natürlich.

Der Tübinger Oberbürgermeister ist berühmt für seine intensive Facebook-Kommunikation. Was halten Sie als Psychiater davon?

Ganz allgemein finde ich es super, wenn Politiker über soziale Medien das Gespräch mit vielen einzelnen Menschen suchen und sie so am öffentlichen Diskurs beteiligen. Aber sie sollten sich aus meiner Sicht, insbesondere wenn sie in der Öffentlichkeit sehr präsent sind, auch souverän verhalten und mit ihrem gesellschaftlichen Einfluss – gerade in Zeiten wie diesen – Besonnenheit vorleben und den Teufelskreis der negativen Emotionalität und Polarisierung nicht weiter anheizen. Zum Beispiel indem sie nicht nachts um halb eins impulsiv auf jeden beleidigenden Kommentar reagieren.

Sie selbst tragen gerade testweise eine Smartwatch. Ein gutes Gefühl?

Das ist schon sehr anders. Man liest jede Mail sofort und bekommt ständig Informationen darüber, was gerade im eigenen Körper passiert. Wie schnell das Herz schlägt zum Beispiel oder dass man zu wenig geschlafen hat. Ich lese eine Mail, die mich ärgert, und sehe sofort, wie mein Puls in die Höhe geht. Das ist schon komisch, sich so nahe zu sein. Ich stelle auch fest, dass es mich aus der gewohnten Zeitstruktur herausholt, ich fühl mich kalendermäßig nicht mehr so gebunden. Aber man muss auch sagen, dass das eher ein Argument ist, nicht dem „künstlichen“ Internet ein „natürliches, analoges“ Leben gegenüber zu stellen. Die Dinge so abzuarbeiten, wie sie kommen, und sich den Reaktionen des Körpers bewusster zu sein, ist sicher ursprünglicher, als das Leben nach einer festen Agenda.

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22.01.2017, 17:50 Uhr

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