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Film-Liebhaber stehen an einem der Kassenhäuschen in den Potsdamer Platz Arkaden, um „Berlinale“-Karten zu kaufen. Foto: Paul Zinken/dpa




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18.02.2020

Von Mathias Puddig

Mehr als zehn Millionen Euro steckt der Bund in die Berlinale. Kein Wunder, dass der Bundestag da einen Blick drauf haben will. Katrin Budde (SPD), die Chefin des Kulturausschusses, findet das Geld gut investiert.

Frau Budde, die Berlinale hat noch nicht begonnen, da gibt es schon Ärger um den Jury-Präsidenten Jeremy Irons und seine frauenfeindlichen und homophoben Äußerungen.

Katrin Budde: Seine Ernennung war eine falsche Entscheidung. Irons hat seine Aussagen niemals richtig zurückgenommen. Deshalb hätte seine Einladung zurückgezogen werden müssen.

Vor Kurzem waren die neuen Festival-Chefs Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian zu Gast im Kulturausschuss, den Sie leiten. War das ein Thema?

Ja, und die beiden haben zwar gesagt, dass sie mit ihm geredet haben und er sich von seinen Äußerungen distanziert. Ich habe diese Distanzierungen aber nirgends gesehen. Es geht auch nicht um eine Kleinigkeit: Die Berlinale hat sich der Diversität verschrieben. Jeremy Irons gehört nicht auf die Berlinale.

Wie war sonst Ihr erster Eindruck? Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat ja gerade den hohen Erwartungsdruck angesprochen, der auf den beiden lastet. Können sie den erfüllen?

Sie wollen das auf jeden Fall. Ob das gelingt, können wir natürlich erst hinterher sagen. Beide haben sich aber im Kulturausschuss gut geschlagen. Und sie haben ja auch mit Problemen zu kämpfen, für die sie nichts können. Die Auseinandersetzung um die Nazi-Vergangenheit von Alfred Bauer überschattet diese Berlinale, aber das haben die beiden natürlich nicht verursacht. Sie müssen damit jetzt umgehen.

Haben sie das bisher gut gelöst?

Kann man das überhaupt gut lösen? Die Versäumnisse sind in den Jahrzehnten vorher gemacht worden. Man muss auch sehen: Beide kommen ursprünglich nicht aus Deutschland. Sie gehen deshalb im Zweifel mit dem Thema auch anders um. Sie wollen nun eine komplette, unabhängige Aufarbeitung. Mit dieser Expertise wollen sie dann an die Öffentlichkeit gehen. Das hört sich ein wenig nach Wegschieben an, ging aber in ihrer Situation gar nicht anders. Kosslick hätte damit nicht so umgehen können. Denn offenbar haben das alle vorher gewusst – und das ist das wirklich Schlimme daran.

Die Berlinale, ein internationales Festival, wird von ihren deutschen Wurzeln eingeholt.

Das zeigt uns ja, dass Erinnerungskultur extrem wichtig ist. Man darf das nicht zum Vogelschiss erklären. Wir müssen die Vergangenheit im Blick haben. Denn sie wirkt bis ins Heute. Wenn die AfD sagt – und das tut sie ja auch im Kulturausschuss –, dass jetzt mal ein Strich gezogen werden müsse, dann ist das offenbar falsch. Selbst ein Festival wie die Berlinale kann von den Folgen des Nationalsozialismus erreicht werden. Das ist die Besonderheit der deutschen Geschichte: Es kann keinen Schlussstrich geben.

Die Berlinale ist ohnehin immer ein sehr politisches Festival.

Genau, und das sieht man auch der Filmauswahl an. Es gibt einen Spannungsbogen zwischen politisch relevanten Fragen und der Orientierung am Publikum. Als ich dieses Jahr zum ersten Mal das Programmheft durchgeblättert habe, da kam mir die Auswahl sehr düster, sehr spannungsgeladen vor. Die großen Probleme der Welt werden thematisiert, vieles endet auch mit einem Abgrund. Da steckt wenig Hoffnung drin, wenig Perspektive. Es wird eine eher schwere Berlinale. Die politische Situation ist ja auch nicht leicht.

Ist Kino dafür die richtige Kunstform?

Ja, ich denke schon. Ich staune immer wieder, wie intensiv dieses Medium ist. Mir ist deswegen wichtig, dass viele der Festival-Filme auch das normale Kino erreichen. Nehmen Sie den Film „Systemsprenger“ aus dem vergangenen Jahr, der hatte sehr hohe Publikumszahlen. Der Vorwurf, dass die Menschen sich nur mit leichten Sachen beschäftigen wollen, ist unberechtigt. Natürlich gibt es daneben auch „Star Wars“ und die große Traumfabrik. Aber andere Filme haben auch einen gesellschaftlichen Auftrag.

Den sieht die Koalition ja auch bei kleinen Kinos im ländlichen Raum. Warum brauchen die eigentlich Förderung?

Kinos auf dem Land spielen eine elementare Rolle. Oft werden sie von Vereinen oder Genossenschaften betrieben und sind richtig gute kulturelle Anker. Das geht weit über den Film hinaus, da finden Ausstellungen statt und Gespräche, die arbeiten auch mit Schulen. Das wird auch sehr gut angenommen. Das Kulturangebot in der Fläche ist ja nicht so stark. Kino hat deshalb heute noch einen viel höheren Stellenwert als vor 20 oder 25 Jahren. Die brauchen aber Unterstützung bei der Infrastruktur, bei der Bestuhlung, bei der Technik und bei der Vermarktung. Dafür haben wir ein Kinoförderprogramm initiiert.

Müssen diese Kinos dann eigentlich „Systemsprenger“ zeigen, oder ist auch „Star Wars“ erlaubt? Ist die Förderung ans Programm gekoppelt?

Nein, es muss immer eine Mischung geben. Wichtig ist der Ort und die Größe, nicht das Programm. Wir wollen in die Fläche gehen. Und die müssen dann auch „Star Wars“ zeigen – auch wenn der letzte Teil enttäuschend war und mir am besten daran noch die Nachos mit Käsesauce gefallen haben. Aber das ist ja nicht die Landeszentrale für politische Bildung!

Wieso reicht es eigentlich nicht, endlich ordentliches Internet in die Fläche zu bringen, damit jeder Netflix sehen kann?

Kultur kann man nicht vereinzelt erleben. Wenn Sie mit 100 anderen im Kino sitzen, ist das etwas völlig anderes als allein zu Hause vorm Laptop. Kultur ist ein tolles Mittel, der Vereinzelung in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Kinos sind Treffpunkte, wo man sich austauscht, Gleichgesinnte findet und auch welche, an deren Meinungen man sich reibt.

Das gilt ja im Großen auch wieder für die Berlinale.

Ohja, wenn man mit Hunderten in der Schlange steht, entsteht ein großes Gemeinschaftsgefühl.(lacht) Aber im Ernst: Der Berlinale gelingt es, weltweit durch anspruchsvolle Filme Anerkennung zu finden und gleichzeitig die breite Masse anzusprechen. Ihr Konzept hat sich durchaus bewährt.

Mit viel Geduld und Ausrüstung für Tickets anstehen

Nach stundenlangem Anstehen vor den Ticketschaltern haben am Montagmorgen Filmfans die ersten Karten für die 70. Berlinale ergattert. Zum Teil harrten sie, ausgestattet mit Campingstühlen, heißen Getränken und Schlafsäcken, die ganze Nacht aus. „Ich bin seit gestern Abend hier und war die Erste auf dieser Seite des Verkaufsschalters“, sagte eine Berlinerin, für die das Übernachten in den Potsdamer Platz Arkaden bereits Tradition hat. Sie sei zum 30. Mal dabei, erzählte die 50-Jährige. „Wir hatten auch schon Jahre, da war ich die Zweite in der Reihe und es gab keine Karten mehr für den Wettbewerb, wenn das tolle Filme mit tollen Schauspielern waren.“ In diesem Jahr habe sie jedoch Glück gehabt und Tickets für den Friedrichstadt-Palast und den Generation-Wettbewerb erhalten. „Das Warten hat sich gelohnt.“

Für die Vorführungen gibt es Tickets immer drei Tage vorher in den Arkaden, im Kino International und in der Audi City am Kurfürstendamm. Auch online, an den Theaterkassen und mit etwas Glück an den Tageskassen der Spielstätten können Besucher Tickets kaufen. In der Regel werden 13 Euro fällig, für Wettbewerbsfilme 16 Euro.

Ausgenommen von der Frist sind der Berlinale-Publikumstag am 1. März, der Friedrichstadt-Palast, das HAU Hebbel am Ufer und die Sonderreihe Berlinale Goes Kiez. Für diese Vorstellungen sind Tickets bereits ab Montag erhältlich.

Bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin (20. Februar bis 1. März) laufen in diesem Jahr rund 340 Filme. Eröffnet wird das Festival am Donnerstag mit der Romanverfilmung „My Salinger Year“. dpa

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Erstellt:
18. Februar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. Februar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2020, 06:00 Uhr

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