Bundestags-Kandidatur

Aynur Karlikli (Die Linke): Kämpferin für Gerechtigkeit

Aynur Karlikli aus Stuttgart tritt für Die Linke an. Die 56-Jährige setzt sich für Bildung, Migranten und mehr sozialen Wohnungsbau ein.

17.08.2021

Von Cristina Priotto

Seit 1971 lebt Aynur Karlikli in Deutschland und engagiert sich unter anderem für Integration. Zur Partei Die Linke stieß die Deutsch-Türkin im Jahr 2015. Bild: Cristina Priotto

Als Kind von Gastarbeitern zog Aynur Karlikli mit den Eltern im Jahr 1971 aus der Türkei nach Deutschland. Die Familie lebte zunächst in der Nähe von Nagold, später in Dormagen bis zu Karliklis 15. Lebensjahr, anschließend in Stuttgart und dann in Eutingen im Gäu. Seit 40 Jahren wohnt die jetzt 56-Jährige wieder in Stuttgart.

Mitglied bei Die Linke wurde Aynur Karlikli 2015. „Ich habe sehr lange mit einem Beitritt geliebäugelt“, erzählt die Kandidatin bei einem Treffen in Sulz. In der Türkei hatte die gebürtig aus Ankara Stammende bereits bei der „Halkların Demokratik Partisi“ (HDB) mitgearbeitet, die sich unter anderem für die Rechte der kurdischen Minderheit einsetzt, der Karliklis Familie angehört. „Viele Werte zwischen der Linken und der HDB sind ähnlich“, findet Aynur Karlikli, die sich zuvor auch die Grünen näher anschaute.

Weitere politische Erfahrung sammelte die Bundestags-Bewerberin im Bezirksbeirat Nord in Stuttgart, ebenfalls bei der Fraktion Die Linke. Bereits bei der Landtagswahl im März war die Deutsch-Türkin für Die Linke angetreten und holte im Wahlbezirk Stuttgart III 4,8 Prozent der Stimmen. Für die Bundestagswahl wurde Aynur Karlikli Mitte Juli nominiert, nachdem der ursprünglich vorgesehene Kandidat die Bewerbung zurückgezogen hatte. „Ich hatte erst gar nicht vorgehabt, zu kandidieren“, räumt die Mittfünfzigerin ein. An der Ausarbeitung des Wahlprogramms war die Spätberufene daher nicht beteiligt und hatte bis zu diesem Treffen noch nicht alle 168 Seiten intensiv studiert. „Ich werde aber alle Punkte noch genau lesen“, versprach Karlikli.

Kostenlose Bürgerbeförderung

Zu dem Gespräch in Sulz ist die Wahl-Stuttgarterin mit dem Zug gekommen – aus Überzeugung für den ÖPNV, aber auch aus praktischen Gründen, denn Karlikli fährt nicht Auto. In der Großstadt könne man praktisch alles mit der S- oder U-Bahn erreichen. Um mehr für den Klimaschutz zu tun, spricht die Linke-Kandidatin sich für einen weiteren Ausbau des öffentlichen Personen-Nahverkehrs aus, um Alternativen zum Individualverkehr zu bieten. Die Bewerberin geht sogar noch einen Schritt weiter und fordert eine Gratis-Beförderung der Bürger.

Gerechtigkeit – das große Stichwort der Linken – möchte Aynur Karlikli auch im Bereich Wohnen umsetzen. Die eigenen Eltern konnten sich im Rentenalter die hohen Mieten in Stuttgart nicht mehr leisten und kehrten vor allem deshalb in die Türkei zurück. 250000 zusätzliche Sozialwohnungen im Jahr möchte die Partei bauen, und Karlikli kennt viele, die dringend auf günstigen Wohnraum angewiesen wären. Freiwerdende Gebäude sollten die Kommunen kaufen und eher Wohnbaugenossenschaften anstatt private Wohnbaugesellschaften fördern, fordert die Kandidatin. Die Deutsch-Türkin denkt die Nebeneffekte von mehr bezahlbaren Wohnungen weiter: „Sozialer Wohnungsbau fördert auch das Zusammenleben gesellschaftlich und sozial unterschiedlicher Menschen“, beschreibt die 56-Jährige. Reine Einfamilienhaus-Eigenheim-Siedlungen hingegen schüfen homogene Strukturen.

Zu mehr Chancengleichheit trüge aus Aynur Karliklis Sicht zudem eine kostenfreie Bildung vom Kindergarten bis zur Universität bei. Bildung solle dabei unabhängig von der Wirtschaft sein, weshalb die Linke-Bewerberin Firmenbesuche in weiterführenden Schulen kritisch sieht. „Auch Vereine leisten wichtige frühkindliche Erziehungs- und Integrationsarbeit und sollten daher stärker gefördert werden“, meint Karlikli.

Aufgrund der eigenen Herkunftsgeschichte und als alleinerziehende Mutter von Zwillingssöhnen hatte Karlikli stets die Probleme junger Migranten im Blick. „Vereine fördern die Integration und nivellieren soziale, kulturelle und religiöse Unterschiede“, weiß die Kandidatin aus Erfahrung

Deshalb wünscht die Deutsch-Türkin sich auch mehr Weiterbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte im Bereich Integration und interkulturellem Umgang. Geht es um Bildung, wird Aynur Karlikli zur Kämpferin: „Für Rüstung und Wirtschaft wird in Deutschland mehr Geld ausgegeben als für Bildung, das ist rückständig“, echauffiert sich die Wahl-Stuttgarterin. Die vielen Mittel, die ins Militär und in die Unterstützung großer Firmen gesteckt werden, seien falsch genutzt, findet die Linke.

Dass Waffen und kriegerische Gewalt nötig sein sollen, um den Frieden zu bewahren, will der Pazifistin nicht in den Kopf, das sei widersprüchlich. „Frieden ist für mich ein sehr wichtiges Thema“, betont Karlikli, die in der Türkei viele Zerstörungen erlebt hat. Die Zahl der Arbeitsplätze möchte Aynur Karlikli nicht als alleiniges Gegenargument für einen Umbau gelten lassen. Zu deren genauer Zahl in Deutschland gib es ohnehin unterschiedliche Angaben: Dem Verband der deutschen Rüstungsindustrie (BDSV) zufolge, sind in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie mehr als 130000 Menschen beschäftigt. Laut einer Studie der „Stiftung Wissenschaft und Politik“ sind es hingegen nur 98000 Menschen. Karlikli ist überzeugt, dass ein Umbau möglich wäre.

Ein Transformationsprozess weg von klimaschädlicher Industrie auch im Bereich der Automobilhersteller hin zu sozial und ökologisch verträglicherer Infrastruktur wäre aus Sicht der Kandidatin dringend notwendig. Damit die in diesen Branchen Tätigen nicht ihre Arbeitsplätze verlieren, schweben Aynur Karlikli Umschulungen und Weiterbildungen vor. „So könnten die Angestellten von einem Umbau sogar profitieren“, ist die Mittfünfzigerin überzeugt. „Wir wollen eine sozial gerechte Transformation, bei der die Armen nicht auf der Strecke bleiben“, beschreibt die Bundestags-Kandidatin den Linke-Ansatz.

Gegen Zwei-Klassen-Medizin

Alles andere als gerecht ist aus Sicht der Bewerberin das bestehende Gesundheitssystem. Die Parallelität von gesetzlichen und privaten Krankenversicherungen sorge für eine Zwei-Klassen-Medizingesellschaft. Diese würde die Industriekauffrau am liebsten abschaffen, ebenso die Fallpauschale in Krankenhäusern. „Gesundheit sollte keine Ware sein“, formuliert Karlikli in Anlehnung an das Linke-Wahlprogramm, in dem eine solidarische Gesundheits- und Pflegevollversicherung das Ziel ist. Der Pflegenotstand ist aus Aynur Karliklis Sicht ein Ergebnis jahrelanger stiefmütterlicher Behandlung der Care-Berufe, was die Bezahlung angeht sowie etlicher Klinikschließungen.

Das Linke-Wahlprogramm ist mit dem Slogan „Zeit zu handeln“ überschrieben, und neben den darin enthaltenen Schwerpunkten auf sozialer Gerechtigkeit, Frieden und Klimagerechtigkeit sieht die Deutsch-Türkin auch noch an vielen weiteren Stellen Handlungsbedarf. Zum Beispiel bei der Gleichberechtigung: Dass Mann und Frau gleichwertig sind und die gleichen Rechte haben, kennt Aynur Karlikli aus dem Alevitentum, bei dem der Mensch im Vordergrund steht, unabhängig von der Herkunft und Eigenschaften.

Der Wahlkampf gestaltet sich für die Kandidatin in dem riesigen und zudem ländlich geprägten Wahlkreis recht schwierig: Mit wenig Personal müssen auf einer großen Fläche erst Strukturen aufgebaut werden, um Die Linke bei den Wahlberechtigten stärker ins Bewusstsein zu rücken. „Ich werde das Machbare machen“, sagt Karlikli realistisch. Dazu gehören einige Präsenztermine und Online-Podiumsdiskussionen.

Eine eigene Homepage für alle Linke-Kandidatinnen und -Kandidaten muss die Landesgeschäftsstelle in Stuttgart erst noch erstellen. Derweil rührt Aynur Karlikli privat über die Facebook-Profilseite und den Instagram-Account die Werbetrommel für die Bundestagswahl. „Ich möchte Wahlberechtigte aus der türkisch-kurdischen Community mobilisieren“, sagt die Mittfünfzigerin. Denn zwar hat knapp jeder Dritte in Baden-Württemberg einen Migrationshintergrund, doch bei Wahlen gehen nur zehn Prozent der Zugewanderten zur Urne. Trotz allen Engagements für Menschen aus anderen Ländern möchte Karlikli „nicht in die Migrantenecke gedrängt werden“, denn die 56-Jährige ist überzeugt, dass die meisten Probleme nur gemeinsam von Einheimischen und Migranten gelöst werden können.

Die Aussichten auf ein Direktmandat im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen sind für die Kandidatin statistisch sehr gering: Bei der Bundestagswahl 2017 erzielte Die Linke bei den Erststimmen 3,9 Prozent. Die Frage „Rechnen Sie ernsthaft mit einem Direktmandat?“ beantwortet Karlikli sybillinisch: „Wir Kurden sind Frauen, die kämpfen“. Der eigentliche Berufswunsch sei Anwältin gewesen. Sollte es mit höheren Weihen als dem Stuttgarter Bezirksbeirat klappen, käme Aynur Karlikli diesem Ziel näher: „Als Politiker ist man ja Anwalt des Volkes“, beschreibt die Bewerberin ihr Verständnis von Politik – und blickt gespannt auf den 26. September.

Aynur Karlikli: Leben, Beruf, Politik, Ehrenämter/Mitgliedschaften und Familie

Leben: Aynur Karlikli wurde 1964 in Ankara geboren. Die Familie zog 1971 nach Deutschland, zunächst in die Nähe von Nagold, später nach Dormagen, dann nach Stuttgart und anschließend nach Eutingen. Nach dem Hauptschulabschluss besuchte Karlikli die zweijährige Berufsfachschule und legte die Mittlere Reife ab. Nach vier Jahren des Jobbens machte Aynur Karlikli eine Ausbildung zur Industriekauffrau bei einer Baufirma. Die 56-Jährige wohnt seit 1981

wieder in Stuttgart.

Beruf: Nach der Ausbildung war die Deutsch-Türkin etwa 30 Jahre lang bis 2020 bei den Technischen Werken Stuttgart angestellt. Im September beginnt Karlikli als Sachbearbeiterin im Bereich Kultur beim Kultusministerium.

Politik: Mitglied bei Die Linke wurde Aynur Karlikli 2015 und im Juli 2021 vom Kreisverband Rottweil-Tuttlingen als Bundestagskandidatin nominiert. Die Mittfünfzigerin ist seit 2020 im Bezirksbeirat Nord in Stuttgart Bezirksbeirätin bei der Fraktion Linke.

Ehrenämter: Karlikli ist Mitglied bei Der Linken und nahm mehrere Jahre lang im Prüfungsausschuss der Industrie- und Handelskammer Stuttgart mündliche Prüfungen für Kaufleute ab. Als Ersatzschöffin unterstützt Aynur Karlikli seit einigen Jahren das Jugendgericht Stuttgart. Zudem engagiert sich die Wahl-Stuttgarterin in der

Gewerkschaft, als Lesepatin beim Verein „Leseohren“ und bei „DaMigra“, dem Bundesverband der Migrantinnen in Deutschland für eingewanderte Türken.

Familie: Karlikli hat 28

Jahre alte Zwillingssöhne und lebt in Stuttgart.

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Erstellt:
17. August 2021, 12:20 Uhr
Aktualisiert:
17. August 2021, 12:20 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. August 2021, 12:20 Uhr

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