Eutingen · Wirtschaft

Kein Mangel an Auszubildenden

Willi Pfeffers Schreinerei in Eutingen hat keine Nachwuchsprobleme, fast ein Viertel des Personals sind Azubis. Der Lehrlingsmangel ist aber trotzdem spürbar.

03.03.2020

Von Hermann Nesch

Die beiden Schreinermeister Willi Pfeffer und Pascal Schmitt (hinten links und rechts) mit ihren jetzigen und künftigen Auszubildenden (einer fehlt auf dem Bild). Bild: Hermann Nesch

Das Handwerk hat goldenen Boden“, heißt ein altes Sprichwort und ist als Empfehlung für die Berufswahl zu verstehen. Doch gilt das auch heute noch? Landauf, landab wird händeringend nach Lehrlingen gesucht. Die Gründe für den stetig zunehmenden Mangel an Fachkräften und Lehrlingen sind vielfältig, wie die beiden Schreinermeister Willi Pfeffer und Pascal Schmitt unserer Zeitung gegenüber schilderten.

Ursachen sind unter anderem der demografische Wandel, die zum Teil vernachlässigte Bereitstellung von Ausbildungsplätzen und der verstärkte Drang zum Studium durch höhere Schulbildung. Das Problem sei aber auch gesellschaftlich bedingt. Viele wollen im sozialen Umfeld mit ihrer Berufswahl punkten – da habe das Handwerk schlechte Karten. Zudem stammten immer mehr Jugendliche aus Elternhäusern, die keine Verbindung zum Handwerk haben und von ihren Kindern das Abitur oder einen Hochschulabschluss erwarten. Also auch eine Frage des Prestiges und des Images. Folglich würden viele nicht mehr an eine Ausbildung im Handwerk denken und wüssten kaum Bescheid. Dass das „Handwerk goldenen Boden“ habe, wird offensichtlich nicht mehr so gesehen.

Willi Pfeffer jedoch kann nicht klagen. Sein Betrieb hat genügend Auszubildende. Er geht neue Wege über die sozialen Medien. Zum Schuljahr 2020/21 stellt er bereits drei weitere Lehrlinge von acht Bewerbern ein – sogar einen mehr zu den meist üblichen zwei „als ideale Größe“ je Jahrgang. Dann sind es bei 30 Mitarbeitern sieben Azubis, rund ein Viertel also, und somit der bisherige Höchststand. Die Neuen sind Hannes Lang (Ergenzingen), Simon Schall (Eckenweiler) und Nico Putz (Horb). Fürs Jahr darauf liegen auch Bewerbungen vor.

Willi Pfeffers „Rohdiamanten“

Fragt man sie, warum sie sich für die Ausbildung zum Schreiner entschieden haben, dann ist es der Werkstoff Holz, mit sie arbeiten wollen und woran sie ihre Freude haben. Alle drei haben bereits im Betrieb ein Praktikum absolviert und fühlen sich in ihrer Berufswahl bestätigt. Solche Praktika seien für beide Seiten wichtig, so Pfeffer. Man habe damit beste Erfahrungen gemacht. Dabei verwies er auf die Kooperation der früheren Haupt- und Werkrealschule in Eutingen.

Er und sein Ausbildungsmeister Pascal Schmitt, die beide die Auflösung bedauern, könnten sehen, wie sich die Jugendlichen anstellten und ob der Wille erkennbar sei. Daher würden möglichst alle Wünsche auf ein Praktikum erfüllt, könne man doch manchen „Rohdiamanten“ unter den Praktikanten entdecken. Zudem garantiere dies Sicherheit für beide Seiten.

Solche „Rohdiamanten“ gab es schon viele bei Willi Pfeffer. Sein Betrieb kann eine hohe Dichte an Innungssiegern, darunter ein Förderschüler, und Preisträgern vorweisen. In Kürze kehre ein früherer Innungssieger zurück, nun als Techniker mit dreijähriger Berufserfahrung als Meister.

Wichtig sei also nicht nur sporadisch auszubilden, sondern kontinuierlich. Das sei die einzige Chance, auch danach genügend Fachkräfte zu haben. Sicher bedarf es eines großen Zeitaufwands mit den Lehrlingen und den vielen Formalitäten und Unwägbarkeiten mit der Schule. Doch die Mühe lohne sich. „Nicht klagen, sondern handeln“, laute seine Devise.

Pfeffer und Schmitt bestätigen, dass die Qualität der Bewerber steigt. Auch Abiturienten sind darunter – früher eher eine Ausnahme. Andererseits gebe es auch Bewerber, bei denen die Einstellung zu lax sei. Es würde, so Schmitt, den Jugendlichen oft auch zu bequem gemacht, wenn sie nach zehn Schuljahren ohne Abschlussprüfung und dem FSJ die Fachhochschulreife zugesprochen bekämen.

Aufstiegschancen und Gehälter

Aber wenn Wille und Potenzial übereinstimmen, die Jungen mit dem Herzen dabei sind, klappe es auch mit einer erfolgreichen Ausbildung. Vom Lehrlingsmangel ist der Betrieb indirekt aber doch betroffen. Aufgrund der geringen Anzahl von „Azubis“ mussten schon Ausbildungsklassen an den Berufsschulen geschlossen werden, sodass für die Jugendlichen die Wege zu den Schulstandorten wesentlich weiter und zeitaufwändiger seien, für sie zum Beispiel Freudenstadt anstelle von Nagold.

Wichtig ist für beide, die „Azubis“ von Anfang an komplett in die Arbeitsprozesse einzubeziehen, sie nicht nur zu überwachen, sondern sie zu begleiten, sie zu fordern und zu fördern sowie den Kontakt mit den Eltern zu pflegen. Diese seien erstaunt, welch enorme Entwicklung ihre Sprösslinge am Ende genommen hätte. Ein wichtiger Aspekt sei eh, die Eltern bei der Berufswahl besser aufzuklären.

Schließlich stünde auch im Handwerk der Weg nach oben mit der Meisterprüfung, dem Studium oder der Eigenständigkeit mit einer Betriebsübernahme oder einer Neugründung – und somit als Unternehmer offen. Auch sei das Einkommen ähnlich gut wie nach einem Studium. Willi Pfeffer selbst hat auch nur den Hauptschulabschluss, kann aber ein renommiertes Unternehmen vorweisen, das schon für „Boss“ und den DFB gearbeitet hat. Handwerk hat also doch goldenen Boden.

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Erstellt:
3. März 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
3. März 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. März 2020, 01:00 Uhr

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