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Thomas Helmer über Spitzenspiel, Himmelsstürmer und Wackelkandidaten

„Köln kann Bayern ärgern“

Erste Zwischenbilanz: Thomas Helmer analysiert die Klubs der Bundesliga – von Ancelotti, dem neuen Trainer der Münchner, bis zu den strauchelnden Schalkern.

01.10.2016
  • ARMIN GRASMUCK

Gut einen Monat nach Saisonstart präsentieren sich einige Klubs bereits in beachtlicher Form. Waren Sie überrascht, wie frech Borussia Dortmund in der Champions League Real Madrid attackierte?

THOMAS HELMER: Das ist der Stil der Dortmunder. In der Offensive sind sie super besetzt. Sie haben da viele neue, auch junge Leute. Ich fand es richtig, dass sie angriffen. So kannst du Real, das ja ebenfalls seine Stärke im Angriff hat, sicher am besten kriegen. Erst recht mit 80 000 Zuschauern im Rücken.

Ist es gerade gegen routinierte und qualitativ hochwertige Mannschaften kein zu hohes Risiko, bedingungslos auf Offensive zu setzen?

HELMER: Das habe ich mir zwischendurch auch gedacht. Wenn du so hoch stehst, fast an der Mittellinie, und läufst in so einen Konter mit Madrids schnellen Stürmern hinein – das war schon sehr mutig.

War es zu erwarten, dass die Dortmunder mit der neu formierten Mannschaft in dieser Saison so schnell in die Spur finden?

HELMER: Vielleicht war das Spiel in Leipzig, das sie 0:1 verloren, sogar ein Weckruf. Danach haben sie eine Schippe draufgelegt und sind richtig ins Laufen gekommen. Das habe ich in dieser Form nicht erwartet. Gerade der Abgang von Mats Hummels war ein schwerer Verlust. Er war wertvoll als Innenverteidiger, aber auch als Mann, der das Spiel von hinten heraus gestalten konnte.

Kann der BVB noch einmal eine Bilanz wie in der vergangenen Saison erreichen oder sogar den Bayern gefährlich werden?

HELMER: Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Natürlich werden sie in den nächsten Wochen zeigen müssen, was wirklich in ihnen steckt. Das gilt übrigens auch für die Bayern. Wenn wir ehrlich sind: Die Bayern haben in der Liga bis jetzt gegen die Mannschaften gespielt, die in der Tabelle ganz unten stehen. Es wird interessant, wie sie gegeneinander spielen.

Stichwort Bayern: Carlo Ancelotti ist seit drei Monaten im Amt. Ist seine Handschrift schon zu erkennen?

HELMER: Von den Ergebnissen ist es ernüchternd – für die nationale Konkurrenz. Acht Spiele, acht Siege, das hat vor ihm noch keiner geschafft. Das 0:1 bei Atlético Madrid hat gezeigt, dass sie es auf europäischem Niveau schwerer haben. Es ist deutlich zu erkennen, dass Ancelotti eine andere Art Fußball spielen lässt als sein Vorgänger Pep Guardiola. Für die Individualisten wie Ribéry oder Robben ist es unter Ancelotti einfacher, wenn sie mehr Freiheiten haben. Auch für Thomas Müller, den sollte man nicht in ein festes Schema pressen. Es muss immer irgendwo wuseln, damit er seine Stärken einbringen kann. Die Defensive ist im Moment noch schwierig zu beurteilen. Hummels und Boateng haben im Klub noch nicht zusammengespielt. Martinez macht es gerade sehr gut.

Ist es Ancelottis größtes Problem, den mit Weltklassespielern gespickten Kader bei Laune zu halten?

HELMER: Solange sie gewinnen, sind alle Spieler bei bester Laune. Aber im Ernst: Es ist kein neues Problem. Bei uns war es damals noch etwas anders. Als der Trainer anfing zu rotieren und Stammspieler zu schonen, hat der eine oder andere schon etwas komisch geguckt. Heute sind die Spieler, gerade auf diesem Niveau, daran gewöhnt. Wichtig ist, dass sie sich auf den Trainer verlassen können. Wenn er sagt, du bleibst am Mittwoch draußen, aber am Samstag bist du wieder drin, dann muss er es auch einhalten. Egal wie gut der Konkurrent auf dieser Position gespielt hat. Sonst ist der Ärger vorprogrammiert.

Wie hat es Joshua Kimmich, im Gegensatz zu vielen anderen Talenten in den vergangenen Jahren, geschafft, sich in dieser Auswahl von Elitespielern zu etablieren?

HELMER: Es hat ihm natürlich gut getan, dass er in der vergangenen Saison immer wieder zu seinen Einsätzen kam. Das Gegenbeispiel ist Renato Sanches. Er hat noch Probleme, da merkt man schon, dass er noch nicht den Rhythmus hat, sich noch akklimatisieren muss.

Im November wird Uli Hoeneß voraussichtlich von den Mitgliedern wieder zum Präsidenten des Rekordmeisters gewählt. Wie sehr hat er den Bayern gefehlt?

HELMER: Ich denke, er hat uns allen gefehlt. Gerade den Fans, in der Außendarstellung, man verbindet den FC Bayern einfach mit Uli Hoeneß. Was den Verein betrifft: Die Bayern sind mittlerweile so gut aufgestellt, da geht es immer weiter.

Wird sich Hoeneß wieder mit der ihm eigenen Leidenschaft in das Tagesgeschäft einbringen oder eher zurückgezogen agieren?

HELMER: Wenn es etwas zu sagen gab, dann hat er es mit voller Überzeugung vertreten. Es ist eine seiner größten Stärken. Ich glaube nicht, dass er das einbüßt. Wenn es etwas zu meckern gibt, oder wenn es darum geht, den Klub zu verteidigen, dann wird er sich bestimmt äußern.

Heute kommt der 1. FC Köln zum Spitzenspiel nach München. Wie ist der aktuelle Höhenflug der Geißböcke einzuschätzen?

HELMER: Sie haben mich auf jeden Fall überrascht, genauso wie Hertha oder Frankfurt. Ich finde das Führungsduo der Kölner, Trainer Peter Stöger und Sportchef Jörg Schmadtke, echt stark. Sie haben eine gute Mannschaft zusammengestellt, die sie ständig weiterentwickeln, das ist beeindruckend.

Können sie den Bayern zumindest in diesem Spiel gefährlich werden?

HELMER: Wie ich Stöger einschätze, wird er auch in München versuchen, etwas zu holen. Sicher können sie die Bayern ein wenig ärgern.

War es zu erwarten, dass die Leipziger mit ihrem Hochgeschwindigkeitsfußball auf Anhieb punkten?

HELMER: Rund um diesen Klub wird ja viel geredet, rein sportlich finde ich absolut bemerkenswert, was sie leisten. Bei Ralf Rangnick und Ralph Hasenhüttl merkt man, dass sie einen klaren Plan haben. Junge Spieler, die viel laufen und ein wahnsinniges Tempo gehen. Es ist akribische Arbeit, die funktioniert, das sieht man. Sie haben als Aufsteiger noch kein Spiel verloren, das sagt doch alles.

Warum findet dagegen der traditionsreiche Hamburger SV einfach keine Ruhe und Konstanz?

HELMER: Die Turbulenzen der vergangenen Tage haben wieder einmal deutlich gezeigt, dass der HSV ein Führungsproblem hat. Didi Beiersdorfer, der Vorstandsvorsitzende, hat da kein gutes Bild abgegeben. Was in Hamburg an Trainern und Sportdirektoren verschlissen wird, ist abenteuerlich.

Schalke beklagt einen historischen Fehlstart. Fünf Niederlagen in fünf Spielen – so starteten im vergangenen Jahr auch Gladbach und Stuttgart. Die Borussen erreichten danach die Champions League, der VfB musste absteigen ...

HELMER: Christian Heidel, der neue Manager, hat bereits klargemacht, dass die Champions League gerade nicht das wichtigste Thema ist. Wenn sie das Heimspiel am Sonntag gegen Gladbach nicht gewinnen, wird es eng. Auch für Markus Weinzierl, den ich für einen guten Trainer halte. Schalke hat offenbar noch nicht den richtigen Geist in der Mannschaft. Da hast du nicht das Gefühl, dass sich einer für den anderen den Hintern aufreißt.

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01.10.2016, 06:00 Uhr

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