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Kunst und Abwrackprämie

Künstler Björn Voigt: Viel zu schade zum Verschrotten

Der Künstler Björn Voigt braucht seine Zugmaschinen auf zwei Rädern, um damit einen kleinen Maschinenpark zu transportieren. Und was wäre er ohne die Schrauberei in Jugendjahren? Sicher kein Zirkusdirektor geworden.

08.11.2016
  • Ulla Steuernagel

Für 13 Zweitakter, so vermeldete die Stadt Tübingen, wurden bisher von ihren Besitzern Anträge auf eine Abwrackprämie gestellt. 30 Anfragen gab es, aber nicht alle Fahrzeuge sind prämientauglich. Ist die Abwrackprämie für Mopeds, Motorroller und Mofas ein Erfolgsmodell? Nicht jeder freut sich über diese Maßnahme zur Luftreinhaltung. Dem Tübinger Künstler Björn Voigts gefällt die vom Tübinger Gemeinderat ausgelobte Prämie überhaupt nicht. Ihn regt sie sogar auf.

Herr Voigt, täusche ich mich oder sieht man Sie nicht ständig mit Fahrrad in der Stadt?

Ja, die meisten kennen mich wohl als Radfahrer. Ich bin alles: Radfahrer, Moped- und Mofafahrer und Autofahrer.

Wozu brauchen Sie denn so einen großen Fuhrpark?

Ich besitze ein NSU Quickly Mofa Mobylette AV 142 und ein Mofa Moby M 1, das ist etwas leichter. Ich benutze beide als Zugmaschine für meinen Zirkus. Als
allererste Zugmaschine hatte ich eine Velo Solex, (1,1 bis 1,4 l Benzin auf 100 km) eine der letzten, die Trautwein damals verkauft hat.

Moment, das müssen Sie erklären! Wie groß ist denn Ihr Zirkus?

Der Zirkus besteht aus verschiedenen Maschinchen, die alle mit Solarstrom angetrieben werden. Er passt gerade in einen Anhänger und wiegt 40 bis 50 Kilo. Als Künstler, der viel Straßenkunst macht, muss ich die Sachen oft hin und her transportieren. Mit einem E-Bike könnte ich das nicht. Die kann man schon nicht richtig
beladen, weil sie keinen gescheiten Ständer haben. Die meisten E-Bikes haben ihren Motor unten, und da bringst du gerade mal
einen schrägen Ständer hin, einen anderen kannst du gar nicht hinschrauben.

Sind solche praktischen Erwägungen nicht vorgeschoben? In Wirklichkeit sind Sie doch einfach ein großer Liebhaber von Mopeds!

Für meine Arbeit sind sie einfach wichtig. Eine Musikerin in Marseille fand meine Idee so gut, dass sie jetzt auch mit Moped-Zugmaschine unterwegs sein will. Ich bin nicht so der klassische Moped-Liebhaber, ich bin an keine bestimmte Marke gebunden. Ich hatte zum Beispiel mal ein Quickly Vespa Boxer ...

Hätten Sie das jemals gewinnbringend verschrottet?

Nein, um Gottes willen, ein Quickly verschrottet man nicht. Die Dinger sind immer noch sehr gesucht. Aber für meine Zwecke wog es zu schwer, da habe ich es stillgelegt. Danach habe ich mir eine sehr viel leichtere Moby gekauft. Die hat auch ein wesentlich angenehmeres Fahrgeräusch, einen tieferen Sound: b-b-b-b-b. Während das Quickly viel höher klingt, man empfindet es daher als viel lauter. Ich muss ja oft mit meinem Zirkus in die Innenstädte hineinfahren und brauche eben eine Zugmaschine.

Gut, aber sonst gibt es doch nur sehr wenige Zirkusdirektoren wie Sie auf der Welt. Alle anderen könnten doch auf E-Bike umsteigen.

Wenn du in der Altstadt wohnst, hast du keinen Platz für ein E-Bike. Du kannst es doch nicht mit aufs Zimmer hochschleppen. Diese Räder wiegen oft um die 25 Kilogramm.

Das gilt aber doch auch für Mopeds oder Mofas.

Ja die wiegen oft viel mehr, wenn es nicht gerade eine Solex oder eine Moby ist. Die anderen Marken bringen bis zu 60 Kilogramm. Aber Mopeds werden bestimmt nicht so oft gestohlen wie Räder, denn du brauchst dafür eine Versicherung und einen Führerschein.

Man muss jedoch zugeben, ein E-Bike ist insgesamt viel umweltfreundlicher als ein Mofa.

So umweltfreundlich, wie immer getan wird, sind auch die E-Bikes nicht. Wenn sie Scheibenbremsen haben, dann geben die auch Feinstaub ab. Aber es kommt noch etwas anderes hinzu: An einem Mofa kannst du schrauben, an einem Pedelec oder E-Bike nicht. Wenn da etwas kaputt ist, brauchst du gleich ein neues Teil oder du musst schon ausgebildeter Mechatroniker sein, um was zu reparieren. Und so ein Akku hält auch nicht lange, dann benötigt man einen neuen und das Lithium darin gibt es auf der Erde auch nicht mehr in rauen Mengen. Noch 30 Jahre und dann ist es damit vorbei.

Insgesamt ist die Ökobilanz eines Elektro-Rads aber doch besser als die der stinkenden Zweitakter. Das können Sie nicht bestreiten. Ihnen scheint es noch um etwas anderes zu gehen.

Ja, Mofas und Mopeds können sich auch arme Schlucker leisten. Strom ist vielleicht billiger als Benzin, aber man braucht auch nicht viel Sprit für einen Zweitakter, nicht mehr als drei Liter auf 100 Kilometern. Außerdem kann man sie gebraucht kaufen, gebrauchte E-Bikes sind dagegen nur wenige im Angebot und wenn, dann ist der Akku auch schon halb hin. Ohne Mofas und Mopeds hätte ich zum Beispiel nicht so viel über Mechanik und Motoren gelernt. Vieles von dem, was ich in meiner künstlerischen Arbeit gebrauchen kann.

Warum sagen Sie nicht: Okay, jeder soll es so machen wie er will. Was ärgert Sie so an der Abwrackprämie?

Mich ärgert, dass man damit die Radfahrer gegen die Mofa- oder Mopedfahrer hetzt. Mich ärgert aber auch die Haltung hinter der Abwrackprämie. Ein Moped oder Mofa fährt man anders als ein E-Bike oder Pedelec. Viele sind auf den Zweitakter angewiesen oder können sich nur damit auch mal etwas leisten. Ich kenne jemanden, der ganz wenig Geld hat, und mit seiner Vespa im Herbst nach Portugal fährt, um da zu überwintern. Ich erinnere mich auch noch gut, wie wir früher mal zu viert und mit einem Hund mit Mofa und Anhänger von Tübingen nach Entringen gefahren sind.

Das war sicher lustig, aber verboten. Geben Sie doch zu, Sie haben was gegen E-Biker!

Manchmal regt es mich auf, wenn die an mir vorbeischießen und auch noch rummotzen, weil ich ihnen im Weg bin. Man müsste ihnen außerdem so Drahtschnepper zwischen die Speichen machen, damit man sie hört, wenn sie sich nähern. Denn die sind viel zu leise, da wären mal die Klangdesigner gefragt.

Aus Ihnen sprechen aber auch soziale Vorbehalte gegen die Fahrer von E-Bikes.

Ich sehe das mittlerweile so: Die Leute kaufen sich alle sieben Jahre ein neues Auto, sanieren ihre Häuser energetisch. Die Energiewende ist aber was für Reiche, für Ärmere ist sie nur ein Ärgernis, denn die Mietwohnungen werden damit immer teurer. Nur noch das Klima zählt, für die Kunst zum Beispiel wird nichts mehr ausgegeben. Die Tübinger kaufen nix. Die haben in der Studierzeit das Sparen gelernt, dann ihre Häuser gekauft und dann alles in die Energiewende gesteckt.

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08.11.2016, 01:00 Uhr

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