Deniz Aytekin

Lehren des Lebens

Der Sohn türkischer Einwanderer ist einer der beliebtesten Schiedsrichter in Deutschland. Nun hat er ein Buch geschrieben.

01.12.2021

Von Carsten Muth

Schiedsrichter aus Leidenschaft: Deniz Aytekin. Foto: Eibner/Jörg Niebergall

Ulm. Mai 2017. DFB-Pokal-Finale in Berlin. 75 000 Zuschauer bevölkern das Olympiastadion. Es ist ein Fußball-Fest und der bisherige Höhepunkt in der Karriere des Deniz Aytekin. Der Sohn türkischer Einwanderer führt die Finalteams Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt als Schiedsrichter aufs Feld. Wer sich die Bilder von damals anschaut, sieht einen lächelnden Schiedsrichter. „Das war ein bewegender Moment“, sagte der 43-Jährige kürzlich in einem mit dem Sender Sky geführten Interview.

Seit 2008 leitet Aytekin Spiele im Fußball-Oberhaus. Er hat viel erlebt, Höhen und Tiefen. Nun hat der gebürtige Nürnberger gemeinsam mit dem Journalisten Andreas Hock ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Respekt ist alles. Was auf und neben dem Platz zählt“ und erzählt die Lebensgeschichte eines Mannes, der es wahrlich nicht immer leicht hatte und heute eine angesehene Persönlichkeit ist.

„Ich habe viel Energie in meine Karriere gesteckt“, sagt Aytekin. Der 43-Jährige ist geschieden. Die vielen Reisen haben der Beziehung nicht unbedingt gut getan, ließ der fast zwei Meter große Hüne im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur durchblicken. Er sagte: „Ob ich das meinen Kindern und meiner damaligen Frau noch mal antun würde, weiß ich nicht.“ Und doch lässt Aytekin keinen Zweifel daran, dass er liebt, was er tut. „Ich freue mich wirklich auf jedes Spiel, ganz egal welche Teams ich pfeifen darf. Wenn ich keine Freude mehr habe, höre ich auf.“

Ans Aufhören denkt Aytekin nicht. Ein paar Jährchen darf er noch pfeifen bei den Profis. Die Altersgrenze hat der Betriebswirt noch nicht erreicht. Wenn der Schiedsrichter von seiner „Leidenschaft für den Fußball und den schönen Momenten, die ich erleben durfte“ spricht, glänzen seine Augen. Er betont: „Ich genieße es, Schiedsrichter zu sein.“

Respektvolles Miteinander

Aytekin wuchs im fränkischen Zirndorf auf. Die Eltern rackerten sich ab, das Geld aber reichte dennoch nur für eine überschaubare Wohnung, die sich auf Dauer als zu klein für die vierköpfige Familie erwies. Als Aytekin sechs war, schickte ihn sein Vater in die Türkei. Vier Jahre lebte der kleine Deniz bei Oma und Opa, kehrte dann nach Deutschland zurück, musste sich als Zehnjährige neu integrieren. Die Jahre in der Heimat der Eltern und die strengen Schulregeln dort haben Aytekin Respekt geprägt, wie er sagt. „Als ich das erste Mal in meiner deutschen Schule war, bin ich als einziger aufgestanden, als der Lehrer unser Klassenzimmer betrat. Ich war das so aus der Türkei gewohnt“, erinnert sich der 43-Jährige. Seine Mitschüler hätten sich da schon gewundert. Mehr Respekt – das wünscht er sich auch für Schiedsrichter, auch für jene im Amateurbereich.

„Ich habe das Gefühl“, sagt Aytekin, „dass der Schritt zur Respektlosigkeit angesichts unserer Schnelllebigkeit heutzutage noch leichter geworden ist. Darunter leiden nicht nur Schiedsrichter, sondern auch Politiker, Lehrer und Menschen aus allen anderen Teilen unserer Gesellschaft. Es braucht wieder ein respektvolleres Miteinander.“

Unparteiische hätten es heute deutlich schwer als die Schiedsrichter früherer Tage. Schließlich müssten sich die Spielleiter nicht nur mit der Kritik von Spielern, Trainer und Fans in den Arenen herumschlagen, sondern auch mit einer anonymen Öffentlichkeit, die sich oft ungezügelt via Social Media zu Wort meldet. Alles in allem gingen viele junge Kollegen heute selbstbewusst mit Kritik um. „Das bewundere ich sehr“, sagt Aytekin. „Und ich bin nicht sicher, ob ich, der in den ersten Profi-Jahren doch noch sehr unsicher war, im Alter von damals heute so zurechtkommen würde.“

Von ein paar Wochen hat der 43-Jährige, der für den TSV Altenberg pfeift, beim Spiel Borussia Dortmund in Mönchengladbach den Zorn von BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke auf sich zugezogen. Aytekin sei „wie ein Kapellmeister“ aufgetreten, schnaubte Dortmunds Fußball-Boss. Hintergrund: Der Schiedsrichter hatte BVB-Mittelfeldspieler Mahmoud Dahoud die Rote Karte gezeigt, Dortmund verlor nicht nur seinen Spieler, sondern auch das Spiel.

Derart in der Kritik steht Aytekin heute deutlich seltener als früher. Was auch an seinem Auftreten liegt. In den ersten Jahren ging Aytekin energisch vor. Ein Lächeln huschte dem Hünen selten mal übers markante Gesicht. Das hat sich geändert. Aytekin gilt als natürliche Autorität auf dem Platz. Er hat seine Lehren gezogen, ist nahbar geworden, für Spieler und Fans. Deshalb ist der Franke inzwischen einer der beliebtesten Schiris in Deutschland. Einer, der seine Erfahrungen gerne weitergeben möchte. Auch in Form eines Buches.

Schiri des Jahres 2019

Deniz Aytekin wurde am 21. Juli 1978 in Nürnberg geboren. Er ist gelernter Betriebswirt und seit 2004 DFB-, seit 2011 Fifa-Schiedsrichter. Der 43-Jährige hat bislang 174 Bundesliga- und 74 Zweitliga-Partien sowie 19 Länderspiele geleitet. Zudem kam er 38 Mal im Europapokal zum Einsatz. 2019 kürte der DFB Aytekin zum „Schiedsrichter des Jahres“.

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Erstellt:
1. Dezember 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Dezember 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Dezember 2021, 06:00 Uhr

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