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Mehr Zusammenschlüsse und weniger Bankfilialen
Können sich künftig mehr Kooperation bei gemeinsamen Geldautomaten vorstellen: Eberhard Heim, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Tübingen (links), und Christoph Gögler, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Tübingen, in der TAGBLATT-Redaktion. Bild: Sommer
Lokale Banken in der Niedrigzinsfalle

Mehr Zusammenschlüsse und weniger Bankfilialen

Kreissparkassen- und Volksbank-Chef im TAGBLATT-Gespräch über den schwierigen Job regionaler Geldinstitute in Zeiten von Niedrigstzins und Digitalisierung.

20.11.2016
  • Volker Rekittke

In den nächsten 10 bis 15 Jahren wird sich bei den Genossenschaftsbanken im Kreis Tübingen noch einiges tun“, ist sich der Tübinger Volksbank-Chef Eberhard Heim sicher. Es dürfte also weitere Zusammenschlüsse geben – und weniger Filialen. Vor einigen Wochen erst haben die Volksbanken Tübingen und Steinlach-Wiesaz-Härten ihre Fusion im kommenden Jahr kundgetan. Und wie stellt sich Heim die Zukunft der hiesigen Genossenschaftsbanken in 20 Jahren vor? „Wenn es mit den Niedrigzinsen und den Entwicklungen im Internet so weitergeht, könnte es in der Region nur noch eine einzige Genossenschaftsbank geben.“ Mit Region meint Heim in etwa das Gebiet des IHK-Bezirks – also die Landkreise Tübingen, Reutlingen und Zollernalb.

Keine Frage: Das Bankgeschäft wird immer schwieriger – auch für die Tübinger Platzhirsche Kreissparkasse und Volksbank.

Das liegt zum einen an der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, an der sich in den kommenden Jahren nichts ändern dürfte. Für die Nullzins-Strategie steht wie kaum ein anderer EZB-Präsident Mario Draghi, der noch bis 2019 im Amt ist. Doch auch sein Nachfolger dürfte – angesichts der hohen Verschuldung vieler EU-Länder – die Leitzinsen nicht allzu sehr anheben, prognostiziert Kreissparkassen-Vorstandsvorsitzender Christoph Gögler. Selbst Wolfgang Schäuble, immerhin Finanzminister des wirtschaftlich stärksten EU-Landes, dürfte angetan sein von den vielen Milliarden, die er jedes Jahr beim Schuldendienst spart, vermutet Gögler. Der Druck, etwas an der für Banken wie für Sparer immer kritischeren Situation zu ändern, sei deshalb nicht sehr groß.

Anders als Heim geht Gögler im TAGBLATT-Gespräch allerdings nicht davon aus, dass es in absehbarer Zeit zu einem Zusammenschluss seines Instituts etwa mit der Kreissparkasse Reutlingen kommen wird. „In den kommenden fünf bis 10 Jahren ist das sicher keine Perspektive.“ Und auch darüber hinaus gelte: „Das Ziel bleibt die Eigenständigkeit.“ Zumal die KSK Tübingen zu den bundesweit größten Sparkassen gehört – Platz 50 von 420.

Was sich allerdings ändern wird, sind die Gebühren. Die erhöhte die KSK zuletzt im Frühjahr für private, davor bereits für Geschäftskunden. Zuvor habe man die Gebühren zehn Jahre nicht angehoben, so Gögler: „Künftig werden wir sie öfter, dafür in kleineren Schritten erhöhen.“

Große Probleme bereitet beiden Kreditinstituten die von der EU kommende Flut an Vorschriften. Die Regulierungs-Kosten drücken das Betriebsergebnis bei beiden Banken um etwa 10 Prozent. Die wegen der Niedrigzinsen wegfallenden Einnahmen lassen allein bei der KSK das Ergebnis um ein Drittel einbrechen.

„Verrückt und völlig überdreht“ findet Gögler viele Regeln der europäischen Bankenaufsicht, die nach dem Beinahe-Crash 2008 erlassen wurden: „Wir haben andere Geschäftsmodelle als die Deutsche Bank.“ Doch die EU-Bürokratie behandele jede der 900 deutschen Genossenschaftsbanken und der 420 Sparkassen genauso, wie zockende Großbanken. „Wir haben die Chose nicht angerichtet, aber wir müssen sie jetzt ausbaden“, so Gögler: „Man lässt ein funktionierendes System sehenden Auges vor die Hunde gehen.“

Ein Beispiel für hausgemachte Regulierungswut gibt Heim: Bei der seit März gültigen Wohnimmobilienkreditrichtline sei der Bund sogar noch über EU-Vorgaben hinausgeschossen. Die Folge: Ein 65-jähriger Rentner, der im abbezahlten Eigenheim (Wert: 600 000 Euro) lebt und dort Heizung und Dach energetisch sanieren will, bekommt beim beantragten 75 000-Euro-Kredit Probleme. Heim: „Das ist eine Schande.“ Wie Gögler hofft auch er, dass die Politik den Missstand bald behebt.

Das dritte Mega-Thema ist die Digitalisierung. „Wir müssen unsere digitalen Hausaufgaben erledigen. Wir sind noch lange nicht so weit beim Thema Digitalisierung, wie andere Branchen“, sagt Heim. „Perspektivisch werden wir andere Modelle brauchen“, ist auch Gögler überzeugt. „Heute hat doch jeder die Bankfiliale in der Hosentasche – sein Smartphone fürs Onlinebanking.“ Das bisherige Modell habe noch einen weiteren Nachteil: „Unsere Filialen sind offen, wenn die meisten unserer Kunden arbeiten – und wenn sie Zeit haben, machen wir die Filialen zu.“

Nach vorheriger Vereinbarung bieten sowohl Volksbank wie auch Kreissparkasse bereits heute Beratungstermine bis 20 Uhr an. Heim: „Bei jedem guten Friseur muss man mittlerweile einen Termin vereinbaren – dann sollte das auch bei einer Baufinanzierung gehen.“ Außerdem wird in beiden Instituten überlegt, die Filialzeiten anders zu gestalten.

Gögler kündigt zudem einen neuen Internet-Auftritt der Kreissparkasse für Mai 2017 an. Getestet werden sollen auch Chat-Angebote und Video-Beratung. Das Ziel, so Gögler: „Es muss uns gelingen, die guten Beziehungen zum Kunden in die digitale Welt mitzunehmen.“

Doch bei allen virtuellen Geschäften: „Bargeld bleibt ein Thema“, so Heim. Landkreisweit zahlt die KSK an 60 Stellen über Automaten und Schalter Bargeld aus – an demnächst acht Standorten auch in Kooperation mit mittlerweile drei Genossenschaftsbanken. Mit der Volksbank Tübingen gemeinsam betrieben werden bereits zwei Geldautomaten.

Der dritte Kombi-Automat in Hagelloch, wo beide Institute ihre Schalter bereits geschlossen haben (KSK) oder zum Jahresende schließen (Volksbank), könnte sofort kommen. Doch die Denkmalschützer im Tübinger Rathaus prüfen immer noch, ob das ein zu großer Eingriff an der Fassade des Hagellocher Rathauses wäre. Das Baugesuch liege der Stadt längst vor, betonen beide Bank-Chefs: „Wir stehen in den Startlöchern.“ Das gilt auch für künftige Kooperationsprojekte in Gegenden, in denen weitere Filialen geschlossen werden.

Die jüngeren Bankkunden kommen immer seltener in die Filialen

Eine aktuelle Untersuchung darüber, auf welchem Weg die Kunden die Angebote der Kreissparkasse nutzen, ergab: In der „Generation Y“, das sind die heute 18- bis 35-Jährigen, sind zwei Drittel Onlinekunden, sie nutzen ausschließlich das Internet für ihre Bankgeschäfte. Rund ein Drittel sind „Multikanalkunden“, sie besuchen die Kreissparkasse sowohl im Internet wie auch die Filialen. Die Zahl der ausschließlichen Filialnutzer tendiert in dieser Altersgruppe gegen Null.

Lediglich bei den wenigen Kunden, die 80 Jahre oder älter sind, dominiert noch klar die Filialnutzung. Doch schon bei den unter 80-Jährigen (Jahrgänge 1937 bis 1950) gibt es mehr reine Online- als Filialkunden. Zwei Drittel sind in dieser Gruppe Multikanalkunden.

Laut Volksbank-Chef Eberhard Heim kommt ein Kunde im Durchschnitt nur noch einmal pro Jahr persönlich in eine Filiale – während er im selben Zeitraum etwa 500 Mal die übrigen Angebote der Volksbank nutzt: Geldautomat, Kontoauszugsdrucker, das telefonisch erreichbare Service-Center und vor allem das Online-Banking über den heimischen Computer oder das Smartphone. Fast die Hälfte der Volksbank-Kunden wickelt die Geldgeschäfte mittlerweile übers Online-Konto ab, bald zwei Drittel der Geldeinzahlungen finden am Automaten statt – und sogar 90 Prozent aller Auszahlungen.

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20.11.2016, 05:00 Uhr

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