Sulz · Soziales

Mit offenen Ohren gegen Einsamkeit

Das Projekt „Plauderdäschle“ der Diakonischen Bezirksstelle, der Stadt Sulz und von „Gieb“ will Menschen über das Telefon zusammenbringen – nach Corona idealerweise auch im richtigen Leben.

09.12.2020

Von Cristina Priotto

Sabine Ludi hat sich als erste Zuhörerin bereiterklärt. Archivbild

Die Idee geht auf den Vorschlag für eine Telefonkette zurück, die der Lenkungskreis Engagement-Strategie bereits zu Beginn der Corona-Pandemie im April hatte. In einer Videokonferenz erklärten die Projektbeteiligten am gestrigen Dienstag, wie das Projekt „Plauderdäschle“ funktioniert.

Da reale soziale Kontakte derzeit stark eingeschränkt sind, greifen die Diakonische Bezirksstelle und die Stadt Sulz als Träger auf das altbewährte Medium Telefon zurück. Projektkoordinatorin Silvia Gmelin von der „Gieb“ als Kooperationspartnerin nannte als dessen Vorteile die einfache Technik, die günstigen Kosten und dass jeder über diese Ausstattung verfüge. „Der Zugang soll niederschwellig sein“, sagte Gmelin.

Das Angebot richtet sich ganz allgemein an Menschen mit Gesprächsbedarf im Raum Sulz
– und zwar egal welchen Alters, ob mit oder ohne Handicap, Berufstätige ebenso wie Senioren.

Als erste Zuhörerin hat Sabine Ludi sich bereit erklärt, anderen Menschen ihr Ohr zu leihen. Die blinde Frau hat bereits Erfahrung mit einer Telefonkette der Stiftung Sankt Franziskus Heiligenbronn. „Viele Menschen sind einsam, nicht nur Ältere“, weiß Ludi. Gerade jetzt in der Corona-Zeit, wenn viele das Haus aus Angst vor einer Ansteckung, wegen Quarantäne oder einer Vorerkrankung kaum noch verlassen, um Kontakte zu pflegen, seien Gespräche sehr wichtig. Dabei müssten es gar nicht unbedingt besondere Gesprächsthemen sein. „Oft sind Alltagsdinge ein guter Einstieg“, berichtete Sabine Ludi, die als Zuhörerin auch mal die Lektüre eines Buches oder Handarbeiten empfiehlt. Es sei wichtig, die Gesprächspartner überhaupt zu motivieren. „Das macht Spaß und gibt einem selbst eine Menge“, erzählte die erfahrene Zuhörerin.

Kerstin Safian von der Projektgruppe sieht im „Plauderdäschle“ eine Möglichkeit, aktiv zu werden, etwas Neues auszuprobieren und aktiv Kontakte zu suchen. „Ich bin überzeugt, dass das vielen Menschen gut tut“, sagte Safian.

Aus Sicht von Hans-Ulrich Händel, dem städtischen Beauftragten für Bürgerengagement und -beteiligung, passt das Projekt damit ideal zur Ausrichtung, Menschen auf allen Kanälen anzusprechen, um Gemeinschaft zu erleben. „Es geht darum, diese Möglichkeit zu schaffen“, erklärte Hans-Ulrich Händel, der gespannt ist auf die Resonanz.

Voraussetzung Schweigepflicht

Sabrina Haller, Geschäftsführerin der Diakonischen Bezirksstelle im Evangelischen Kirchenbezirk Sulz, hofft nicht nur auf Menschen, die sich anrufen lassen, sondern auch auf ehrenamtliche Zuhörer. „Jeder kann sich als Gesprächspartner melden“, betont Haller. Letztere werden zunächst in einem Erstgespräch auf Eignung geprüft und müssen unterschreiben, Schweigepflicht und Datenschutz einzuhalten. Eine Begleitung durch Austausch und Fachvorträge für die Zuhörer soll später folgen.

Das „Plauderdäschle“ sei jedoch keine Krisen-Hotline wie die Telefonseelsorge, sondern nur montags bis freitags erreichbar. An den Wochenenden schaltet sich ein Anrufbeantworter ein.

Nadine Haase-Ade und Sabrina Haller werden die Anrufe entgegennehmen und dann an Zuhörer weitervermitteln. Der Rückruf soll spätestens innerhalb von zwei Tagen erfolgen, betonte Händel. Anhand von Hobbys sollen passende Menschen zusammengebracht werden. Im Idealfall könnten sich daraus später Treffen im richtigen Leben ergeben. Zunächst einmal aber soll jeder anrufen können, der das Bedürfnis hat, mit jemandem zu reden. Der Name „Plauderdäschle“ impliziert, dass es in erster Linie darum gehe, ein „Schwätzle“ zu halten.

Das Land Baden-Württemberg unterstützt das Vorhaben mit rund 2000 Euro, zudem stehen Mittel des Vereins „Netzwerk Streuobst und nachhaltiges Sulz“ aus dem Verkauf der „Sulzer Mauldäschle“ zur Verfügung.

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Erstellt:
9. Dezember 2020, 12:30 Uhr
Aktualisiert:
9. Dezember 2020, 12:30 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Dezember 2020, 12:30 Uhr

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