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Der Rauch war überall

Nach dem Feuer in der Mössinger Paulinenstraße: Rauch und Ruß sind in jede Ritze gekrochen

Husam Amer hat einen gewissen Galgenhumor entwickelt. „Ich muss ja nur lüften“, sagt er ironisch, während er durch ein stinkendes Treppenhaus in den ersten Stock steigt. Die Tapete hängt in pechschwarzen Fetzen von den Wänden.

15.11.2016
  • Gabi Schweizer

Auf dem Holz der Stufen haben sich große Blasen aufgeworfen. Obwohl Amer gefegt hat, um nicht zu stolpern, hat das Ruß sich wie ein Film über den Boden gelegt. Das erste Fenster ist geborsten und mit einem Holzbrett vernagelt, durch das zweite geht ein Riss. Von den Kleiderbügeln im Garderobenschrank sind nur ein paar Metallteile übrig geblieben.

Wie berichtet, hatte es am 2. November in der Mössinger Paulinenstraße gebrannt. Das Feuer war in der Küche der Erdgeschosswohnung ausgebrochen. Anwohner halfen dem Bewohner, einem 88-jährigen Mann, auf die Straße. Er kam mit einer leichten Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. Sein Stockwerk ist derzeit nicht mehr bewohnbar. Im Obergeschoss allerdings, so lautete die Auskunft der Polizei gegenüber dem TAGBLATT, müsse man nur lüften, dann könne der Bewohner wieder einziehen. Eine Fehlannahme, wie sich nun herausstellte. „Die polizeiliche Besichtigung des Brandortes beschränkte sich hauptsächlich auf die Küche im Erdgeschoss“, erklärt Sven Heinz von der Polizei-Pressestelle, wie es zu dieser falschen Einschätzung kommen konnte. Die Polizei sei zudem darauf angewiesen, dass auch nachträglich erkannte Schäden bei ihr und nicht nur bei den Versicherungen gemeldet würden.

Amer las mit Verwunderung, dass er zurück könne. Drei Experten hätten ihm das genaue Gegenteil versichert. Dass im TAGBLATT eine Polizei-Aussage zitiert war, die nicht stimmt, ist für Amer sehr ärgerlich, weil zig Freunde und Bekannte ihm WhatsApp-Nachrichten schickten und zum glücklichen Ausgang des Brandes beglückwünschten.

„Ich würde keinem empfehlen, sich länger dort aufzuhalten, geschweige denn, dort zu wohnen“, kommentiert Stephan Wagner von der Mey Generalbau in Tübingen den Zustand im Gebäude. Er ist Bauleiter im Bereich Schadenssanierung und war nach dem Brand vor Ort – für die Gebäudeversicherung und Amers Hausratsversicherung schreibt er nun ein Angebot. Im Erdgeschoss sei das Haus „nicht mehr wirklich sicher“, die Treppe beschädigt, Dämpfe und Gase seien reizbar. Es genüge nicht, Amers Wohnung instand zu setzen. Man müsse zunächst beginnen, im Erdgeschoss die verbrannten Teile zu entfernen, gründlich zu reinigen und Gerüche zu neutralisieren.

Auch für den Sachverständen Jürgen Rogge, der ein Gutachten für die Hausratsversicherung anfertigt, ist Amers Wohnung ganz klar nicht bewohnbar. Wer sie betritt, glaubt ihm sofort. Es riecht verbrannt – immer noch und deutlich. Das Feuer wütete hier zwar nicht, aber der Rauch und das Ruß sind durch alle Ritzen gekrochen, sogar bis hoch ins Schlafzimmer im zweiten Obergeschoss und in den Kleiderschrank. Klamotten für drei Wochen hat Amer eingepackt – er ist für eine Weile bei Verwandten untergekommen. Die Sachen habe er „sechs Mal gewaschen, bis ich den Geruch nicht mehr drin hatte“. Mit einem Industriestaubsauger hat er versucht, dem Ruß Herr zu werden – vergebens. Der Holzboden im Schlafzimmer war frisch geschliffen – nun sind die Dielen mausgrau, ebenso die Stufen der Wendeltreppe. Durchs Badfenster geht ein Riss. Herzlich gerne würde Amer einfach für ein paar Tage die Fenster aufreißen und wieder einziehen, aber daran ist nicht zu denken: „Ich kann hier nicht wohnen, obwohl ich es gerne würde.“

Wo auch immer er einen Gegenstand anhob, zeichneten sich die Umrisse auf rußigem Grund ab. Ob er seinen Laptop oder die Kaffeemaschine noch benutzen kann, weiß er nicht. Bücher, CDs – alles hat gelitten. Wasser und Strom sind auf unbestimmte Zeit abgestellt. Die Wohnungstür ist notdürftig geflickt – die Feuerwehr hat sie während des Brandes aufbrechen müssen.

Die Polizei hat den Gesamtschaden schon mal nach oben korrigiert, von 100 000 auf 150 000 Euro. Das sind aber nur Schätzungen. Die genauen Zahlen ermitteln derzeit die Gutachter, die im Auftrag der Versicherungen arbeiten. Es wäre nicht das erste Mal, dass sichein Brand wegen des Rauchgases als deutlich folgenschwerer herausstellt als im ersten Moment angenommen.

Gutachter Jürgen Rogge weiß aus Erfahrung, dass es günstiger sein kann, etwas neu anzuschaffen, als es umständlich reinigen zu lassen. Nach Bränden sei eine Reinigung prinzipiell „möglich, aber immer eine Frage des wirtschaftlichen Nutzens“, bestätigt Stephan Wagner. Ein Rußfiltersauger könne beispielsweise Bücher vom Brandgeruch befreien. Dauert das zu lange, werden neue angeschafft. Anders sehe es bei Fotoalben aus: „Da versuchen wir zu reinigen, sofern möglich. In den meisten Fällen gelingt das auch.“

Wagner ist zuversichtlich, das meiste Inventar aus Amers Wohnung wieder sauber und geruchsneutral zu kriegen, im Vergleich zur Erdgeschosswohnung sei sie viel leichter verrußt. Letztlich müsse ein Spezialist aber von Fall zu Fall entscheiden, ob sich das lohne. Beispiel Kaffeemaschine: „Wenn der Kaffee immer noch verbrannt schmeckt“, dann wäre das Teil besser ersetzt worden. Noch kann Wagner nicht abschätzen, wie lange Amer außerhalb wohnen muss. Nur so viel: „Es ist ein erheblicher Aufwand, diese vielen Kleinigkeiten zu reinigen.“

Amer hat seinen Teil des Hauses vor 17 Jahren gekauft und teilweise auch selbst renoviert. Heimwerken ist nicht unbedingt seine Lieblingsbeschäftigung. Aber er möchte so schnell wie möglich zurück und würde sofort selbst anfangen, die Tapete abzukratzen und seine Freunde zum Putzen zusammentrommeln, wenn das ginge. „Aber das darf ich nicht.“ Denn momentan seien die Versicherungen noch damit beschäftigt, Gutachten zu erstellen und Angebote einzuholen.

Trotz allem ist der 46-Jährige dankbar, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Er war schon bei der Arbeit, als das Feuer ausbrach: „Ich wär‘ nicht mehr rausgekommen“, glaubt er. Als die Feuerwehr eintraf, war nicht klar, ob Amer noch in seiner Wohnung war. Mit Atemschutzgeräten durchsuchten Helfer das gesamte Haus. Amer ahnte nichts Böses, als er an jenem Tag eine WhatsApp-Nachricht öffnete. Ein Bekannter hatte ihm den Feuerwehrbericht geschickt. Es dauerte eine Weile, ehe er realisierte: „Das ist ja mein Haus!“

Wofür welche Versicherung zahlt

Für die Schäden am Haus gibt es eine Gebäudeversicherung. Diese, so erklärt Gutachter Jürgen Rogge das in solchen Fällen übliche Prozedere, komme wie auch die Hausratsversicherung zunächst für die Schäden auf, stelle aber Regressforderungen, falls erwiesen ist, dass ein Mensch den Schaden verursacht hat oder ein Produktfehler vorlag. Dann müsste die Haftpflichtversicherung oder der Hersteller bezahlen – im schlimmsten Fall eine Privatperson, wenn sie nicht versichert ist. Die Polizei sieht einen mobilen Gasofen als Brandursache an. Jener, so vermutet sie, sei fahrlässig zu weit an einen brennbaren Gegenstand herangerückt worden (wir berichteten). Wer bei einem Brand seine Wohnung verloren hat, bekommt von der Hausratsversicherung ein Hotelzimmer oder eine Mietwohnung bezahlt. Für wie lange und wie teuer das sein darf, das hänge von der Versicherung und der Prämie ab, erklärt Rogge. Wenn jemand bei Freunden oder Verwandten unterkommt, gewähren manche Versicherungen eine Tagespauschale, beispielsweise 10 Euro pro Person und Tag. Dieses Geld sei aber nicht einklagbar.

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15.11.2016, 01:00 Uhr

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