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Nicht alle wandern ab: der Schwäbische Albverein und sein Tübinger Gau-Vorsitzender Walter Weihing
Gast der Woche: Der Chef des größten deutschen Wandervereins

Nicht alle wandern ab: der Schwäbische Albverein und sein Tübinger Gau-Vorsitzender Walter Weihing

Den Weg zum Schwäbischen Albverein finden immer weniger Menschen, sagt der Tübinger Gau-Vorsitzende Walter Weihing. Ein Lichtblick: Fünf Ortsgruppen halten im Kreis die Fahne hoch.

22.10.2016
  • Christine Laudenbach

Im Grunde liegt das Ziel des größten deutschen Wandervereins auch nach 127 Jahren voll im Trend: Bewegung draußen in der Natur – den Naturschutz fest im Blick. Dennoch laufen ihm reihenweise die Leute davon. Rund 100 000 Mitglieder hat der Schwäbische Albverein landesweit momentan, „vom Schwarzwald nach rechts bis an die bayerische Grenze“. Im Tübinger Gau etwa 2800. Neuzugänge? Kaum, sagt Walter Weihing, der als Vorsitzender die 15 Ortsgruppen betreut. Ein bis höchstens zwei Neue pro Jahr, mehr könnte kaum eine Gruppe verbuchen.

Verantwortlich dafür macht der Rottenburger im wesentlichen zwei Punkte. Zum einen habe man verschlafen, aktive Jugendarbeit für den schwäbischen Verein zu machen, der ohnehin nicht groß mit einem jugendlichen Image punkten kann. Das Alter der meist 15 bis 30 aktiven Mitglieder pro Ortsverband liegt im Gau bei 65 aufwärts, sagt der 69-Jährige – der in der Sektion Wurmlingen-Hirschau den Altersschnitt keineswegs in die Höhe treibt. Vom Verbandsvorsitz in Stuttgart kämen schon immer wieder Ideen, junge Menschen zu umwerben. Mit mäßigem Erfolg. Auch die Ferien-Zeltlager auf der Alb sind meist gut gebucht, sagt Weihing. Mitglieder brächten sie jedoch ebenfalls kaum.

Ein Selbstläufer ist die Aufforstung im Wanderverein offenbar nicht mehr. Früher sei die ganze Familie gemeinsam zur sonntäglichen Tour auf die Alb oder in den Schönbuch aufgebrochen. Die Kinder brachten irgendwann ihre Kinder mit. Heute hingegen schlagen Fußballclub und Tennis-Court den Wanderverein – und das liege nicht nur daran, dass sich die Interessen der Jugendlichen verschoben haben. In den Vereinen mache „heute niemand mehr das, auf was er sich besonnen hat“. Besonders die älteren Semester täten sich oft zusammen und organisierten Wanderungen und Radtouren in Eigenregie. Eine Mitgliedschaft im Albverein sei da schlicht überflüssig.

Weihing selbst ist durch seinen Schwiegervater zum Wandern gekommen. Ganz klassisch, über eben jene Familienausflüge. „Dann hat mich das Wandern nicht mehr losgelassen“, sagt er. In seiner Jugend in Sindelfingen hat er sich im CVJM engagiert und Zeltlager betreut. Als Weihing 1972 nach Rottenburg zog, um dort am Aufbau des Fernmeldezeugamts (FZA) mitzuarbeiten, blieb für solche Aktivitäten nicht mehr viel Raum. Bis zum Ruhestand war der Fernmeldehandwerker dort für Computerwesen und Logistik zuständig. Im FZA sei er einer der Ersten gewesen, erzählt Weihing, und im Grunde auch einer der Letzten. Als die DHL, die das ehemalige Zeugamt zwischenzeitlich von der Telekom übernommen hatte, die Niederlassung 2008 aufgab, war er kurz vorher in den Ruhestand gewechselt.

Rund 20 Jahre sollte es dauern, bis Walter Weihing nach den Ausflügen mit Schwiegervater, Frau und Kindern auf Umwegen zum Verein fand. Nebenberuflich organisierte er in den 90er-Jahren gemeinsam mit einem Busunternehmen Wander-Ausfahrten. In die Dolomiten, oder ins Kleinwalsertal. Als die Firma aufgab, suchte sich Weihing einen neuen Partner und schwenkte um auf Rad-Touren. „Das mach‘ ich heute noch“, sagt er. Dabei tüftelt der Ruheständler rund acht Mehrtagestouren pro Jahr aus. Auf einer seiner frühen Reisen lernte der private Wanderwart Albvereinsmitglieder aus Wurmlingen kennen und wurde überzeugt, bei ihnen mitzumachen.

Das tut er bis heute sehr engagiert. Im Tübinger Gau, der im Kern den alten Landkreis Tübingen mit Neckar- und Ammertal samt Schönbuch umfasst, wurde Weihing 2010 zum Wanderwart ernannt. Zwei Jahre später übernahm er den Vorsitz seiner Heimatsektion und den Posten des Internetbeauftragten. Seit 2014 kümmert er sich an der Spitze des Gaus um die einzelnen Ortsgruppen. Bei Problemen ist Weihing der Ansprechpartner der Vorstandsriege. Auch wenn sich einzelne Gruppen nicht halten können und mit benachbarten fusionieren – wie etwa im vergangenen Jahr, als Tübingen sich mit Derendingen zusammentat. Oder ganz aktuell in Kirchentellinsfurt. Wo ein Zusammenschluss mit Kusterdingen oder Wannweil im Raum stand. Am Ende platzten beide Versuche. Der junge Vorstand auf den Härten erbat sich zwei Jahre Schonfrist, bevor die Kirchentellinsfurter aufgenommen werden könnten. Die Wannweiler hätten die gut 100 Mitglieder zwar gleich genommen. Die Vorstandsarbeit für die Neuen sollte jedoch weiter von Kirchentellinsfurt aus gemacht werden. So löst sich die traditionsreiche Gruppe (mit 114-jähriger Geschichte) am Ende des Jahres auf – und der Albverein verliert wieder gut 30 Mitglieder. Immerhin: Je ein Drittel wandert künftig unter Wannweiler oder Kusterdinger Regie.

Aber: Auch im Tübinger Gau gibt es das kleine gallische Dorf, das sich wacker gegen Widrigkeiten stemmt. Im Falle des Albvereins sind es sogar fünf: Kilchberg-Rottenburg, Kusterdingen, Pfrondorf, Dusslingen und Dettenhausen. Hier wandern die Mitglieder nicht ab, sondern eher zu. Warum? Ein wichtiger Faktor sei, dass diese Ortsgruppen ein Vereinsheim haben. Dort könnten Treffen stattfinden und Feste, Bastelnachmittage… Und irgendwie funktioniere dort doch immer noch das Familienmodell. Dem Vorstand macht das Mut: „Ich setze auf diese Fünf!“, sagt Weihing.

Der Schwäbische Albverein liegt Walter Weihing am Herzen. Ich hab‘ das Ding angefangen, am Ende möchte ich einen Verein sehen, der wächst“, sagt er fast kämpferisch. Beirren lässt sich der Gau-Vorsitzende nicht dabei, auch wenn seine Ideen öfter mit „ach Walter, das bringt doch nichts!“, abgebügelt werden. Kleine Erfolge geben ihm Recht: Das Modell „Wandern und Kultur“ käme gut an, sagt er.

Bei allem organisatorischen Engagement: Wo ist der Vorsitzende im Kreis Tübingen am liebsten unterwegs? Eine tolle Strecke sei für ihn nach wie vor der Spitzberg-Weg von Wurmlingen bis zum Tübinger Schloss. Zurück durch die Hirschauer Weinberge. Wie oft geht er sie? „Ich kann gar nicht mehr wandern“, sagt Walter Weihing. Der Rücken, leider. Präsent ist er bei den vom ihm organisierten Touren dennoch: „Ich fahr‘ mit dem Auto zum Treffpunkt, später zur Mittagspause und zum Ziel.“

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22.10.2016, 01:00 Uhr

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