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Trauer

Nicht jammern, aber klagen!

Der Verlust wird ein Teil des Lebens: In seinem Buch beschreibt der Öschinger Pfarrer Stefan Lämmer, wie er nach dem Tod seiner Tochter Dorothee mit dem Schmerz umging.

20.10.2016
  • Susanne Wiedmann

In der Nacht klingelte das Telefon. Am Apparat meldete sich Stefan Lämmers Schwiegersohn. „Dorothee hatte einen Tauchunfall. Sie wurde reanimiert und ins Krankenhaus eingeliefert.“ Noch am Nachmittag hatte Stefan Lämmer mit seiner ältesten Tochter geplaudert. Da hatte sie angekündigt, tauchen zu gehen. Jetzt lag sie im Krankenbett, an Apparate, Monitore, Infusionsschläuche angeschlossen und an das Gerät zur künstlichen Beatmung. Stefan Lämmer bangte und betete. Doch am folgenden Tag stellten die Ärzte bei Dorothee Hatwig den Gehirntod fest.

Erst zehn Monate zuvor hatte sie geheiratet. Und sie hatte erfolgreich ihr Pharmaziestudium abgeschlossen. Aber ihren 30. Geburtstag würde sie nicht mehr feiern. Als Dorothee in ihrem bunten Lieblingspullover im Sarg aufgebahrt war, begann ihr Vater langsam die Endgültigkeit des Todes zu begreifen.

Die Familie stürzte in tiefes Leid. „Können wir unseren anderen Kindern gerecht werden, wenn die Trauer so schwer auf uns lastet? Gibt es noch ein normales Leben?“, fragte sich Stefan Lämmer. Und als Theologe zweifelte er: „Können wir weiter glauben?“

In seinem Buch „Neue Hoffnung finden“ beschreibt der Öschinger Pfarrer, wie er den unfassbaren Schmerz erlebte, wie er aus der Ohnmacht, Verzweiflung, der existenziellen Krise zu neuem Lebensmut fand.

Am Anfang seines Trauerweges stand die Klage. „Für mich haben sich die Klagepsalmen, die mich seit dem Studium beschäftigen, von Neuem bewährt.“ Der evangelische Theologe weist sogleich darauf hin, dass Klagen nicht als Jammern missverstanden werden dürfe. „Wer nur ziellos jammert, begnügt sich mit der Opferrolle.“ Aber die Klage als Ausdruck lebendigen Glaubens erwarte von Gott Hilfe. Zugleich kritisiert er, dass die Gebete vieler Christen „müde geworden“ und „wohltemperiert“ seien – „manchmal voller Phrasen und ohne das Rufen aus der Tiefe“. Gewiss wollten die Trauernden aufschreien: „Gott, warum?“ Doch eine „mahnende Stimme“ halte sie zurück: „Beuge dich unter Gottes Willen!“ Davon hält der Öschinger Pfarrer nichts. „Fromm schlucken viele ihre Klage runter und beten anständig“, erzählt er. „Doch unhörbar knirschen sie mit den Zähnen. Manche setzen ihr strahlendes Christenlächeln auf, aber es ist nur eine fromme Maske. Die Wut brodelt hinter der Fassade.“

Ohne die Klage drohe der leidende Mensch innerlich aufzugeben. Ohne den Schrei nach Hilfe sei er in Gefahr, an seiner Not zu zerbrechen. Zu klagen war für Stefan Lämmer wie ein Ventil zu öffnen: „Was mich fast zum Platzen bringt, die Wut über diesen schrecklichen Tod, wird ausgesprochen.“ So wirkte die Klage befreiend, ja geradezu heilsam. Und noch etwas: Der grübelnde Gedankenkreisel wurde dadurch unterbrochen. Wer seine Trauer unterdrücke, erleide eine innere Lähmung. Wer aber klage, kämpfe. Und das Leid verändere sich, weil es in Worte gefasst werde. „Klage als eine Form der Trauer ermöglicht es mir, dass ich mich aktiv mit meinem Verlust auseinandersetze.“

Im Buch sind Gedichte, Liedverse und Bibelworte aneinandergefügt. Bereichert mit Betrachtungen des trauernden Vaters, in denen er psychologische und theologische Hintergründe ausleuchtet. Nur wenige Monate nach dem Tod seiner Tochter, noch im Jahr 2011, begann Stefan Lämmer einzelne – wie er sagt – für sich tröstliche Gedanken aufzuschreiben. Obgleich er in den ersten Wochen und Monaten kaum wusste, wie er den Alltag bestehen sollte. Er zog sich zurück. „Irgendwie musste ich den heftigen inneren Schmerz überstehen. Irgendwie musste ich überleben.“

Stefan Lämmer schloss sich einer Trauergruppe an, die er als große Hilfe empfand. Hier fühlte er sich verstanden, während Freunde und Bekannte das Gespräch über den Tod gerne meiden würden. Nur wenige wagen es, auf Trauernde zuzugehen. „Viele Trauernde fühlen sich wie Ausgestoßene.“ Wie sehr „das oberflächliche Trostgerede“ schmerzt, hatten alle Teilnehmer der Trauergruppe erlebt. Was Stefan Lämmer zusätzlich irritiert, dass die Trauer manchmal ausgelegt werde, als sei es eine Phase, die es zügig zu überwinden gelte. Nein, widerspricht er, sie müsse zugelassen werden.

Nach drei Jahren verabschiedete sich Stefan Lämmer aus der Trauergruppe. Langsam konnte er das Unabänderliche annehmen. Und trotzdem erlebte er seine Gefühle mitunter wie „ein verworrenes Wollknäuel“: Nach dem Schock, der ihn unvermutet traf, ein Gefühl der Minderwertigkeit. „Mir wurde etwas genommen, das zum Wertvollsten unseres Lebens gehörte.“ Und nicht zu vergessen: Die Wut! Einerseits auf die Tochter, die einen solchen Sport ausübte. Andererseits, mehr noch, spürte er eine Wut auf Gott, der die Katastrophe zugelassen habe. „Ich gebe zu, offene Fragen bleiben. Die Frage nach dem Sinn eines schlimmen Unglücks erfahre ich wie eine offene Wunde.“

Und die Auferstehungshoffnung? Sie widerspreche allem, was er auf dem Friedhof erfahre. „Am Grab sehe ich einen kalten, abgebrochenen Stein, der mir die Endgültigkeit des Todes vor Augen führt. Am Grab tröstet mich kein kirchliches Dogma. Am Grab helfen keine auswendig gelernten Glaubenssätze.“

Und doch wuchs allmählich auch ein Gefühl der Dankbarkeit. Manchmal erlebt er es als schön, Musik zu hören, die an seine Tochter erinnert. Ein anderes Mal schmerzt es ihn. „Die Trauer findet kein klares Ende. Der Verlust wird vielmehr zu einem Teil des eigenen Lebens. Der große Verlust wird zu einer prägenden Lebenserfahrung.“

Stefan Lämmer möchte mit seinem Buch Trauernden Hoffnung und Trost schenken. Die eindrückliche Offenheit und persönlichen Erfahrungen machen das Buch lesenswert – auch für diejenigen, die nicht kirchennah und religiös sind.

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20.10.2016, 01:00 Uhr

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