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Noch nie fuhren so viele Fahrgäste zwischen Tübingen und Herrenberg
Die Ammertalbahn ist bis ans Limit ausgereizt

Noch nie fuhren so viele Fahrgäste zwischen Tübingen und Herrenberg

Fahrgastaufkommen, Verspätungen, S-Bahn-Anschluss in Herrenberg und Regionalstadtbahn – der Zweckverband hatte einiges zu diskutieren.

19.11.2016
  • Moritz Hagemann

Noch nie hatte die Ammertalbahn auf den 21,4 Kilometern von Tübingen nach Herrenberg so viele Fahrgäste wie 2015: 8795 waren es pro Werktag, ein Plus von 3,1 Prozent zum Jahr 2014. Das ergab das Reisenden-Erfassung-System der Deutschen Bahn. Gestern Morgen traf sich der Zweckverband ÖPNV im Ammertal (ZÖA) im kleinen Sitzungssaal des Tübinger Landratsamtes – und gab Antworten auf Fragen, die auch Fahrgäste beschäftigen:

Kommt dauerhaft der dritte Wagen? Klare Aussage: nein! Obwohl die Nachfrage insgesamt zunimmt, kann die Bahn nicht genügend Fahrzeuge stellen. Zu Stoßzeiten sind die Züge komplett überfüllt. „Die Ammertalbahn ist ausgereizt bis ans Limit“, sagte Bernd Schlesier, Leiter für Planung und Betriebsmanagement im Regionalverkehr Alb-Bodensee. Denn Strecke und Fahrplan seien so nur mit der VT-650-Baureihe zu meistern. Die wird aber nicht mehr produziert und in Tübingen stehen nur rund 40 Fahrzeuge dieser Reihe zur Verfügung. Dass mehrere davon zudem Korrosionsschäden aufweisen, die nur im Berliner Werk repariert werden können, schränkt die Zahl weiter ein. „Ein Dilemma“, sagte Landrat Joachim Walter, „wir stecken in einem Teufelskreis.“

Gibt es Alternativen zur Fahrzeugbesetzung der Strecke? Die Bahn ist bestrebt, Fahrzeuge der VT-650-Baureihe auf anderen Strecken einzusparen. Das ist aber schon das Maximum. „Man müsste in die Entwicklung der Fahrzeuge gehen, um geeignete zu finden“, sagte Walter. Aber: „Selbst wenn wir Geld in die Hand nehmen, wir bekommen es nicht hin.“ Die auf der Ammertal-Strecke eingesetzten Züge beschleunigen schneller als andere mögliche Modelle. Außerdem sind die Türen breiter, so dass ein schneller Ein- und Ausstieg möglich ist. Auch das Gewicht spielt eine Rolle. Nur so kann der Fahrplan eingehalten werden.

Wie wichtig ist der S-Bahn-Anschluss in Herrenberg? Andreas Steinacker, stellvertretender Bürgermeister Ammerbuchs, sieht darin „den wunden Punkt“. Der Verkehrs- und Tarifverbund (VVS) hat die S-Bahn-Abfahrtszeiten in Herrenberg so verändert, dass nur fünf statt wie zuvor sechs Minuten zum Umsteigen bleiben. Auf dem Streckenabschnitt von Entringen nach Herrenberg ist die Fahrgastentwicklung im Jahr 2015 erstmals seit 2011 wieder rückläufig gewesen – im Gegensatz zur Gesamtentwicklung. Steinacker warnte: „Das ist ein Vertrauensverlust, der sich einschleicht.“ Auch Walter hat angekündigt, dass er „auf die Barrikaden gehen“ werde, um für die S-Bahn-Anbindung zu kämpfen.

Warum beeinflussen Un- und Ausfälle die Abfahrtszeiten so massiv? Fällt ein Zug kurzfristig aus, braucht es 40 bis 50 Minuten, bis ein neuer Zug fahrbereit wäre. Dass witterungsbedingte Gründe bei den Fahrgästen als Grund kaum ziehen, bekräftigte Ammerbuchs Bürgermeisterin Christel Halm: „Gefühlt ist es ja Jahr für Jahr dasselbe.“ Schlesier nennt eine weitere Ursache: Nach einem Leichenfund hat die Bundespolizei neun Fahrzeuge der Bahn binnen zwei Tage zur Kontrolle angefordert. Das Tatfahrzeug wird gesucht. Das beeinträchtigt die fehlende Fahrzeug-Kapazität zusätzlich. Hinzu kommt, dass von Entringen bis Herrenberg nur ein Gleis führt.

Wie pünktlich fährt die Ammertalbahn generell? 97,1 Prozent der Züge fahren pünktlich, sagte Schlesier: „Damit ist die Ammertal-Bahn die pünktlichste in Baden-Württemberg.“ Nach dieser Aussage ging ein Raunen durch den Sitzungssaal.

Sind für die Fahrgäste Neuerungen geplant? Am Tübinger Westbahnhof ist bereits eine elektronische Fahrgastinformation installiert. Das soll im Sommer 2017 an allen Bahnhöfen entlang der Strecke geschehen. Geplant seien mehrfarbige und mehrzeilige Bildschirme, die Verspätungen anzeigen und auf Busanschlüsse hinweisen. Auch die Wartehallen sollen erneuert werden, zudem sind Lautsprecher-Durchsagen an den Bahnhöfen geplant. Das sagt Hans-Jörg Rapp, Geschäftsführer der Beratungs- und Gestaltungsfirma „4R form & funktion“. Der will die Ausschreibung nun auch aufsplittern, damit kleinere, regionale Firmen mitwirken können.

Gibt es im Jahr 2017 Sperrzeiten? Ja, in den Sommerferien (31. Juli bis 9. September). In den ersten beiden Wochen ist die Strecke von Tübingen nach Herrenberg komplett gesperrt. Für die verbleibenden vier Wochen soll der Zug zwischen Tübingen und Pfäffingen normal verkehren, der Rest der Strecke bleibt jedoch die kompletten sechs Wochen dicht. Einen Schienenersatzverkehr soll es aber geben. Bild: Metz

Finanzierungsantrag beim Land wird gestellt

Für die Regionalstadtbahn von Herrenberg nach Bad Urach (Modul 1) wird der Zweckverband ÖPNV im Ammertal einen Finanzierungsantrag beim Land stellen. Das ergab die Versammlung am gestrigen Vormittag. Der Kreistag hatte den Zweckverband am Vortag ermutigt, diesen Antrag zu stellen. Die Bearbeitungszeit für diesen beträgt ein bis eineinhalb Jahre, aus einem Bewilligungsbescheid ergibt sich jedoch keine Bauverpflichtung. Sollte Mitte des Jahres 2018 ein positiver Förderbescheid eingehen, wäre Ende 2018 oder Anfang 2019 ein Baubeginn. Die Ammertalbahn würde um zwei Doppelspurinseln und die Elektrifizierung erweitert werden. Dadurch sollen die Geschwindigkeit erhöht und die Verspätungen verringert werden.

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19.11.2016, 01:00 Uhr

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20.11.2016

10:06 Uhr

RabeHugo schrieb:

Liebe Redaktion,

danke für diesen Artikel.
Die darin beschriebenen Zustände sind doch skandalös: Die Region zwischen dem Großraum Stuttgart und Tübingen ist nur noch von Autostaus gekennzeichnet, und gleichzeitig steht nicht genügend Transportkapazität auf der Schiene bereit. Im Fall der Ammertalbahn würde eine Verdopplung der Waggons sich vermutlich durch die höheren Fahrgastzahlen selbst finanzieren. Der zusätzliche Kapitaleinsatz ist bei den niedrigen Zinsen wohl auch kein Thema...
Frage an die Redaktion: Wer ist denn politisch für diesen Zustand verantwortlich?

Meine Vermutung: Ich habe die Diskussion über die Stilllegung des Bahnhofs verfolgt. Die Entscheidung wird hier nicht politisch sondern rein wirtschaftlich nach einen Kosten-Nutzen-Index (KNI) gefällt. Diesen KNI berechnen Kaufleute eines externen Beratungsunternehmen, die weder von den lokalen Verhältnissen noch von der Berechnungsmathematik eine Ahnung haben ... damit die Lokalpolitiker keine Verantwortung übernehmen.



 

 

 
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