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Ohne Kasse ein Buch kaufen
So könnten die Buchhändlerinnen bei Osiander künftig Kunden beraten – mit einem Tablet statt einem stationären PC. Bild: Metz
Buchhandel: Osiander will digitaler werden

Ohne Kasse ein Buch kaufen

Das Tübinger Familienunternehmen Osiander schlägt ein neues Kapitel der Digitalisierung auf und kauft den Regionalfilialisten Herwig.

04.04.2017
  • Gernot Stegert

Die Osiandersche Buchhandlung steigt auf das Computersystem SAP um. Was zunächst nach interner Organisation klingt, wird für die Kunden große Folgen haben, sagt Geschäftsführer Christian Riethmüller dem TAGBLATT. Seine Überzeugung: „Vor einigen Jahren hat man gesagt, der Standort entscheidet im Handel, heute sagen viele: Es ist die Technik.“ Seine Vision: Verkäufer beraten und verkaufen zugleich – mit Tablet oder Smartphone. Kunden müssen nach der Entscheidung für ein Buch nicht mehr zur Kasse gehen, sondern per App wird das Geld automatisch abgebucht. „Einkaufen muss bequem sein“, lautet Riethmüllers Credo. Selbstscanner-Kassen in manchen Branchen seien nur ein Übergangsschritt.

Die SAP-Einführung koste einen einstelligen Millionenbetrag und sei „die größte Investition, die wir je gemacht haben“. Zusammen mit der Mayerschen Buchhandlung als Partner soll die Umstellung Mitte 2018 erfolgen. Dann sind die Tage des „handgestrickten eigenen Systems Osi 2000“ gezählt, so Riethmüller.

Die Digitalisierung treibt Osiander in vielen Bereichen voran. Eine App soll langfristig die Funktion der Kundenkarten übernehmen – mit Informationen zu Büchern, aber auch Links zum Bestellen. Newsletter sollen personalisierbar sein, zum Beispiel mit Tipps der Lieblingsbuchhändlerin oder zu bestimmten Buchgenres.

All das sind Antworten auf „dramatische Umsatzrückgänge“ im Handel, auch bei Osiander. Das Weihnachtsgeschäft sei nicht so gut wie erwartet gelaufen, der Jahresanfang noch schlechter. Im Januar und Februar 2017 sei der Umsatz gegenüber den Vorjahresmonaten um 8 Prozent gesunken, berichtet Riethmüller. In den vergangenen 15 Jahren habe es allein in Tübingen in den Ladengeschäften einen Rückgang von 18 Prozent gegeben.

Das Tübinger Familienunternehmen reagiert seit Jahren mit Digitalisierung, Kundenfreundlichkeit und Expansion. Für den Service überprüft die Porsche Consulting derzeit „alle Arbeitsprozesse“, damit die gut ausgebildeten Buchhändler mehr Zeit für die Beratung haben. Auch die Markenstrategie überarbeiten die Riethmüllers, es betrifft die Gestaltung der Läden und die Zusammensetzung der Sortimente. Zum Beispiel könnte es mehr Spiele oder DVDs geben.

Osiander setzt aber auch seinen Expansionskurs fort, um interne Kosten zu sparen und höhere Rabatte beim Zwischenbuchhandel zu erreichen. Neuester Coup: Die Tübinger Buchhändler übernehmen zum 24. September vier der fünf Buchhandlungen des Regionalfilialisten Herwig mit einem Jahresumsatz von 8 Millionen Euro. „Damit stößt Osiander in neue Dimensionen vor, denn noch nie hat Osiander einen Regionalfilialisten übernommen“, sagte Riethmüller.

Neben der Neueröffnung des Osiander-Hauses am Marktplatz in Stuttgart auf 600 Quadratmetern Anfang Juni und einer 500 Quadratmeter großen Buchhandlung in Bad Kreuznach Mitte Juni kommen mit den Herwig-Buchhandlungen in Aalen, Schwäbisch Gmünd, Heidenheim und Göppingen die Buchhandlungen 42 bis 45 in das Filialnetz von Osiander dazu. Herwig stehe wirtschaftlich und konzeptionell bestens da, so Riethmüller. Doch der 59-jährige Till Herwig hatte keinen Nachfolger in der Familie gefunden.

In Aalen ist Osiander bereits präsent. Mit der Übernahme der Herwig-Filiale wird die eigene im Herbst geschlossen werden. Die Mitarbeiter aus Aalen werden dort und in den umliegenden Städten einen Arbeitsplatz erhalten. Auch übernehmen die Tübinger alle 55 Herwig-Mitarbeiter an den vier Standorten. Herwigs fünfte Buchhandlung in Ulm wird Ende des Jahres von Herwig geschlossen, nachdem schon länger klar sei, dass der Mietvertrag ausläuft, so Riethmüller.

Zahlen und Daten zum Unternehmen

Die Buchhandlung Osiander macht in bisher 40 Buchhandlungen einen Jahresumsatz von knapp 80 Millionen Euro und ist damit Deutschlands fünftgrößte Buchhandlung, In den letzten drei Jahren wurde Osiander in der deutschlandweiten Umfrage zum „Händler des Jahres“ in den Kategorien „Bücher“ und „Service“ jeweils auf den ersten Platz gewählt. Aktuell beschäftigt Osiander auf volle Köpfe gerechnet 400 Mitarbeiter/innen, darunter über 60 Auszubildende. In der Regel werden alle übernommen. Trotz leichter flächenbereinigter Umsatzrückgänge im Jahr 2016 und bisher deutlichen Rückgängen im Jahr 2017 hat Osiander im vergangenen Jahr Gewinne erzielt: 2,3 Millionen Euro vor Steuern. Osiander zahlt an alle Mitarbeiter Ende April einen Jahresbonus von 1000 Euro. „Wir zahlen fast 25 Prozent unserer Gewinne an die Mitarbeiter aus“, sagt Christian Riethmüller. Porsche zahle zwar absolut mehr (9111 Euro), aber das seien „nur“ 5 Prozent.

Digitales: Seit zwei Jahren ist Osiander Partner in der Tolino-Allianz und verkauft den Tolino-E-Reader mit großem Erfolg. So stieg der E-Book-Umsatz 2016 um über 65 Prozent, der Umsatz mit den Lesegeräten um über 40 Prozent. Der Anteil am Umsatz beträgt insgesamt etwas über 1 Prozent. Seit 1996 betreibt Osiander einen eigenen Webshop, der 8 Prozent des Umsatzes ausmacht und 2016 um das E-Book-Wachstum bereinigt über 6 Prozent zulegte.

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04.04.2017, 01:00 Uhr

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