Freudenstadt · Soziales

Pandemie verschärft Probleme

NACOA-Woche erinnert an die „vergessenen Kinder“ aus Suchtfamilien. Ihre Perspektive hat sich durch die Kontaktbeschränkungen verschlechtert.

11.02.2021

Von Hannes Kuhnert

Bereiten das Programm für die NACOA-Woche vom 15. bis 20. Februar vor: Viola Hoevel und Christian Fai von Eigen-Sinn. Bild: Hannes Kuhnert

Man nennt sie die „vergessenen Kinder“. Nach einem knappen Jahr mit Corona könnte man sie die „ganz vergessenen Kinder“ nennen. So stark ist ihre Zahl, sind ihre Probleme während der Pandemie gewachsen. Auf Kinder aus Suchtfamilien macht die Gesellschaft NACOA (National Association for Children of Alcoholics) alle Jahre mit einer speziellen NACOA-Aktionswoche aufmerksam. In diesem Jahr ist sie vom 15. bis 20. Februar. Wie immer aktiv mit dabei ist die Kinderwerkstatt Eigen-Sinn in Freudenstadt.

Jedes 6. Kind betroffen

2,65 Millionen Kinder unter 18Jahren wachsen in Suchtfamilien in Deutschland auf. Das ist jedes sechste Kind. Das Problem zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. In fast 40 Prozent der Familien wird eingeräumt, seit Beginn der Pandemie mehr Alkohol zu trinken als vorher. Auslöser sind Einschränkungen, Stress, Zukunftsängste und fehlende soziale Kontakte. Für Kinder bedeutet die allgemeine Aufforderung „Bleiben Sie zu Hause“ eine andauernde Zeit höchster Anspannung. Gleichzeitig fallen Möglichkeiten der Entspannung weg, sind Schulen geschlossen, haben Vereine ihre Angebote eingestellt.

Wie NACOA mitteilt, haben die Kontaktbeschränkungen die angespannte Lage in den Elternhäusern noch verschärft. Das spiegle sich im deutlichen Anstieg von Beratungsanfragen verzweifelter Kinder und Jugendlicher wider.

Allein im März und April des vergangenen Jahres habe sich die Zahl der hilfesuchenden Mails bei NACOA sowie die Zahl der begleiteten Kinder und Jugendlichen um knapp 40 Prozent erhöht. Die ratsuchenden Kinder und Jugendlichen (siehe Infokasten) litten zuhause unter einer zunehmend aggressiven Atmosphäre, oft unter Gewalt und unter sozialer Isolation. Dabei führten Angst vor Infektionen und durchlebte Erkrankungen nicht selten zu schweren Depressionen.

Bedrückend ist die Perspektive, die Kinder aus Suchtfamilien haben. Etwa ein Drittel wird im Erwachsenenalter selbst abhängig, ein weiteres Drittel entwickelt psychische oder soziale Störungen und nur ein Drittel kommt halbwegs unbeschadet davon.

Die ungewöhnliche Belastung für Familien und Kinder durch die Pandemie bekommt auch die Kinderwerkstatt Eigen-Sinn in Freudenstadt zu spüren. Die 15Kindergruppen sind ausgebucht und haben lange Wartelisten. Es müssen weitere Gruppen gebildet werden. Der Beratungsbedarf steige täglich, sagt Sozialpädagoge Christian Fai von der organisatorischen Hausleitung: „Ich weiß nicht mehr, wie viele Anrufe von Eltern ich in den letzten Tagen bekommen habe.“

Fai befürchtet Langzeitfolgen

Offensichtlich hat sich herumgesprochen, dass die Kinderwerkstatt eine Einrichtung ist, die mit Familienproblemen professionell umgehen kann, mit allen Hilfs- und Beratungsstellen vernetzt ist und Problemfälle mit auffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen an die richtigen Stellen verweisen kann. Fai befürchtet, dass durch die Pandemie die Zahl der verhaltensgestörten Kinder zeitversetzt weiter wachsen werde. Er warnt vor Langzeitfolgen.

Covid-19 verhindert auch, dass die Kinderwerkstatt so wie in vorvergangenen Jahren während der NACOA-Woche zu öffentlichen Veranstaltungen einlädt. Dennoch haben Erzieherin Viola Hoevel als Leiterin der Seifenblasen-Gruppe sowie Christian Fai ein Programm ausgearbeitet, nach dem in allen Gruppen in Wort, Spiel, Aktionen und Projekten, beim Malen, Schreiben oder Basteln das Thema Sucht und die daraus hervorgehenden Gefahren behandelt werden können. „Auch ohne öffentliche Veranstaltung halten wir daran fest“, sagt Christian Fai und das klingt schon beinahe trotzig.

Ein Plakat der Kinderwerkstatt Eigen-Sinn, die zusagt: „Wir stärken Kinder“. Privatbild

Hilfe bei familiärer Sucht

NACOA Deutschland hält im Internet unter www.NACOA.de verschiedene Beratungsmöglichkeiten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene als auch Adressenlisten von professionelle Hilfen in den einzelnen Bundesländern bereit. Außerdem wird ausführlich über den Problemkreis Sucht in der Familie informiert.

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Erstellt:
11. Februar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Februar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2021, 01:00 Uhr

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