Film zur Schachnovelle

Philipp Stölzl: „Die Gnade der späten Sicht“

Philipp Stölzl bringt Stefan Zweigs „Schachnovelle“ ins Kino. Ein Gespräch über die Faszination des Spiels und warum „Dr. B.“ ein wenig Frieden verdient.

20.09.2021

Von Jana Zahner

Szene aus „Schachnovelle“: Der Vermögensverwalter Josef Bartok (Oliver Masucci, vorne rechts) tritt während einer Schiffsreise gegen den Schachweltmeister Czentovic an (Albrecht Schuch, vorne links). Foto: Julia Terjung/Studiocanal/Walker + Worm Film

München. Wien 1938. Die Gestapo foltert einen Notar mit monatelanger Isolation und Reizentzug. Seine Rettung: „Dr. B.“ stiehlt ein Schachbuch. Fortan erträgt er die Haft besser, doch verliert sich in dem Kosmos aus 64 Feldern. Endlich frei, tritt der Notar auf einem Schiff gegen den Schachweltmeister und innere Dämonen an. „Schachnovelle“ ist das letzte Werk des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig, der sich 1942 das Leben nahm. Philipp Stölzl bringt die Erzählung am 23. September ins Kino. Der Regisseur begann seine Karriere am Theater und inszenierte zuletzt in Bregenz die Oper „Rigoletto“. Im Interview spricht der 54-Jährige über das „Spiel der Könige“ und eine herausfordernde Vorlage.

Herr Stölzl, Stefan Zweig hat die wohl bekannteste Erzählung über Schach geschrieben, soll aber ein lausiger Spieler gewesen sein. Wie gut spielen Sie Schach?

Philipp Stölzl : Ich spiele total gerne mit meinem mittleren Sohn, aber im Vergleich zu den Vereinsspielern, mit denen ich für „Schachnovelle“ zu tun hatte, auch lausig. Mein verstorbener Opa hat mir einmal ein Schachbuch geschenkt und gehofft, dass ich sein Schachenkel werde, aber ich habe nie so richtig hineingefunden. Erst durch die Arbeit an „Schachnovelle“ habe ich verstanden, welche Dimension dieses Spiel hat. Das Schöne an Schach: Von ganz schlecht bis Weltklasse kann jeder Spaß daran haben.

Lange Partien realistisch und spannend für den Zuschauer darzustellen, ist schwer.

Da möchte ich widersprechen, es ist ein sehr filmisches Spiel. Zwei Leute sitzen sich gegenüber, projizieren ihre emotionale Kraft auf das Brett, man kann in die Mikrowelt der Figuren eintauchen. Ich war überrascht, wie gut das funktioniert. Schach ist beim Dreh eher eine organisatorische Herausforderung: Alle Partien im Film sind genau nachgestellt, alle Züge stimmen.

Schachnovelle“ ist Zweigs letztes und bekanntestes Werk, wurde aber kaum verfilmt – zuletzt 1960 mit Curd Jürgens und Mario Adorf. Wie kamen Sie zu dem Projekt?

Originellerweise auf dem Spielplatz. Tobias Walker, einer der beiden Produzenten, hat seinen Sohn in der gleichen Kitagruppe wie meine Tochter, und beim Abholen unserer Kinder haben wir uns nicht nur befreundet, sondern auch öfters über sein „Schachnovellen“-Projekt geplaudert. Irgendwann hat er dann einen Regisseur gesucht.

„Die Seitenzahl ist nicht entscheidend“

Die Reclam-Ausgabe der Novelle hat 80 Seiten. Wenig Material für einen abendfüllenden Spielfilm. . .

(lacht) Die Seitenzahl ist nicht entscheidend. Es gibt Werke mit 1000 Seiten, die nicht für einen Kinofilm taugen.

Welche Herausforderungen bietet die Vorlage noch?

Das Buch hat eine sehr literarische Geschichte-in-der-Geschichte Struktur, mit einer Rahmenhandlung, die auf dem Schiff spielt und einer großen Rückblende, in der Dr. B. von seiner Gestapo-Haft und seinem Weg zum Schachspiel berichtet. Das ist eine Struktur, die für einen Film eher langweilig ist. Und: Wie es Dr. B. in der monatelangen Isolationshaft geht, wie er zermürbt wird und dem Wahnsinn verfällt, kann ein Text natürlich erstmal besser erzählen als ein Film, der äußere Bilder dafür finden muss. Diese Hürde wiederum ist aber gleichzeitig Herausforderung – es hat mich total gereizt, dafür eine Lösung zu finden.

Sie haben sich für die Verfilmung eine günstige Zeit ausgesucht: Die Ende 2020 veröffentlichte Netflix-Serie „Das Damengambit“ nach dem Buch von Walter Tevis hat kürzlich einen Schach-Boom ausgelöst.

Absolut. Ich wusste, dass die Serie gedreht wird, wir haben in Berlin eine ganze Menge Requisiten von ihr übernommen. Es freut mich, dass „Damengambit“ so gelungen ist und den Fokus auf Schach lenkt. Gleichzeitig bin ich froh, dass die Serie total anders ist als „Schachnovelle“, die nur an der Oberfläche von dem Spiel handelt und mehr von der unfassbaren Barbarei dieser sehr dunklen Zeit.

Distanziert gegenüber den Figuren und schnörkellos

Sie ändern einige Stellen der Handlung ab. . .

Die Zweig-Novelle ist eigentlich ganz schön distanziert gegenüber ihren Figuren. Sie hat eine sehr schnörkellose Sprache, die mich an Franz Kafka erinnert. Das Konzept unserer Verfilmung: Der Zuschauer soll sich emotional an die Hauptfigur binden, mit ihr diese furchtbare Einzelhaft erleben. In einigen Punkten haben wir uns deshalb künstlerische Freiheit genommen: Der Held hat eine Ehefrau, ein früheres Leben, zu dem er zurückkehren möchte. Er hat etwas, das ihm einen Grund gibt, sich nicht aufzugeben.

Und Dr. B., in ihrem Film Josef Bartok, hat einen konkreten Gegner: Den Gestapo-Mann Franz-Josef Böhm, gespielt von Albrecht Schuch.

Philipp Stölzl. Foto: Christoph Soeder/dpa

Bei Zweig gibt es nur anonyme Verhöre, man weiß nicht genau, was die Gestapo von B. will. Bei uns ist der Kniff, dass Schuchs Figur, mit Hannah Arendt gesprochen, ein banaler, etwas parfümierter Bürokrat ist, unter dessen Maßanzug sich ein Schlächter verbirgt. Schuch spielt auch den Schachweltmeister, gegen den Josef Bartok auf dem Schiff antritt. Das Duell beim Verhör spiegelt das Duell auf dem Brett.

Bartok erleidet etwas, das Zweig eine „Schachvergiftung“ nennt. Wie interpretieren Sie diese Krankheit?

Bei Leuten, die hunderte von Zügen wie ein menschlicher Rechner visualisieren, liegt es nahe, dass die psychische Gesundheit Schaden nehmen kann. Bei Zweig spielt die Hauptfigur die Partien aus dem Schachbuch im Kopf nach, immer schneller, eine rasende Schleife von Informationen. Oft liegt man ja selber wach im Bett, weil einen viele Dinge beschäftigen. Wenn man sich das ins Extreme gesteigert vorstellt, landet man bei dem, was Zweig „Schachvergiftung“ nennt.

Der Film verspricht ein wenig Erlösung für die gequälte Hauptfigur.

Zweig hat 1942 „Schachnovelle“ in den Briefkasten gesteckt und sich wenig später umgebracht. Die Erzählung wurde von einem Autor geschrieben, der glaubte, dass der Zweite Weltkrieg schlecht ausgehen wird, deswegen ist das Ende so deprimierend. Wir als Nachgeborene haben die Gnade der späten Sicht, wir wissen, dass die Dunkelheit in Deutschland verschwunden ist. Deswegen hatte ich das Gefühl, dass ein etwas versöhnlicher Ausklang für den Film folgerichtig ist.

Zum Artikel

Erstellt:
20. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. September 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen