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Rausch und traurige Poesie
Christoph Roos. Bild: LTT
LTT-Premiere

Rausch und traurige Poesie

Christoph Roos inszeniert Horváths Volksstück „Kasimir und Karoline“. Am morgigen Freitag kommt die Produktion heraus.

27.04.2017
  • st

Ödön von Horváth gilt als Erneuerer des sozialkritischen Volksstückes. Über „Kasimir und Karoline“ sprach mit Regisseur Christoph Roos die Regiehospitantin Severine Rauch, Studierende der Soziologie und Medienwissenschaften im 4. Semester.

Severine Rauch: Wieso fiel Ihre Wahl auf „Kasimir und Karoline“?

Christoph Roos: Das Tolle an dem Stück ist: es ist eine starke Liebesgeschichte. Es lässt sich erzählen, wie gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedingungen auch bis ins Privateste, in die Liebe, hineinwirken. Horvath schafft das, indem er das Emotionale erzählt, die Leidenschaften der Figuren aufgreift und diesen Aspekt mit der gesellschaftlichen Lage, der Weltwirtschaftskrise, verknüpft. Er zeigt, welch große Rolle diese Verflechtung spielt und dass sie auch bis zur Zerstörung der Liebe führen kann.

Kasimirs Leben ist nach der plötzlichen Arbeitslosigkeit erschüttert, zugleich liebäugelt seine Braut mit einem gesellschaftlichen Aufstieg. Gehen romantische Liebe und Pragmatismus Hand in Hand?

Karoline sagt am Ende: „Ich müsste so tief unter mich hinunter, um höher hinauf zu kommen.“ Und genau das will ich mit Horvaths Geschichte erzählen. Es ist für sie eine Illusion, durch eine Beziehung zu dem mächtigen Kommerzienrat Rauch aufsteigen zu können. Schließlich steht sie mit leeren Händen und desillusioniert da, weil die Gesellschaft so gebaut ist, dass es ein Oben und ein Unten, Reiche und Arme, gibt. Und ein gesellschaftlicher Aufstieg bedarf nicht nur eines Höchstmaßes an Pragmatismus, sondern geht auch mit Demütigung und Selbstverleugnung einher.

Wie viel Wiedererkennungswert haben die Figuren für das Publikum?

Ich hoffe einen sehr hohen! Die interessante Frage lautet dabei immer: Wie nah muss man die Figuren an das Heute heranholen? Wir haben uns der Gegenwart mit den Kostümen angenähert. Jedoch bin ich der Meinung, dass eine Geschichte, auch wenn sie über 70 Jahre alt ist und während der Weltwirtschaftskrise spielt, trotzdem ermöglicht, dass wir uns in ihren Figuren wiederfinden können.

Der Schauplatz ist ein Rummelplatz. Was erwartet uns im Bühnenbild?

Die Bühnenbildnerin Gesine Kuhn und ich haben uns für ein zentrales Element in Form einer Scheibe entschieden. Sie kann sich drehen und kippen, ist viel mehr als bloßer Platzhalter für ein Karussell. Das Drehen vermittelt den Rausch, doch kann die Fliehkraft einen auch von der Scheibe ziehen. Rennt man beispielsweise auf der rotierenden Scheibe, kommt man nicht vom Fleck und wenn sie dann auch noch zu schwanken beginnt, demonstriert sie die große Unsicherheit, welche die Figuren prägt.

Horvath mischt seinen hochdeutschen Dialog mit einer Art Kunst-Dialekt und fordert im Text viele „Stillen“

Die „Stillen“ geben dem Stück einen eigenen Rhythmus. Horvaths Stücke sind selten schnelle Stücke, die Geschichte rauscht nicht an einem vorbei, der Rhythmus pulsiert. Die „Stille“ ist immer auch ein Moment absoluter Aufrichtigkeit und Wahrheit in Horváths Figuren.

Zum Dialekt betonte Horvath selbst, dass er nie will, dass die Schauspieler Dialekt sprechen. Sie drücken sich in einer Kunstsprache aus, durchsetzt mit Dialekt. Dabei versuchen sie aber, hochdeutsch zu reden, und sogar manchmal auch, klüger zu reden, als sie es gelernt haben.

Es gleicht einem Zwang, dass man sich, um gehört zu werden, besonders klug artikulieren müsste. Dieser Versuch geht meist schief und die Menschen machen sich lächerlich. Und diese Bemühung, etwas zu geben, was man nicht ist, steckt auch im Stück und seiner Sprache.

Worum geht’s in „Kasimir und Karoline“?

Kasimir und seine Verlobte Karoline besuchen gemeinsam das Oktoberfest. Karoline will das Leben genießen und sich amüsieren, Kasimir dagegen ist frustriert, weil er gerade arbeitslos geworden ist. So kommt es unweigerlich zum Streit – und Kasimir lässt seine Freundin einfach stehen. Karoline macht zahlreiche andere Bekanntschaften, die ihr ein besseres Leben zu versprechen scheinen. Doch für diese Männer ist Karoline nicht viel mehr als ein billiges Vergnügen.

27.04.2017, 01:00 Uhr

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