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Rechtschaffenes Leben nicht in die Wiege gelegt
Landgericht Tübingen. Symbolbild: Sommer
Letztes Urteil im Enkeltrick-Prozess gesprochen

Rechtschaffenes Leben nicht in die Wiege gelegt

Das Tübinger Landgericht verurteilte am Mittwoch den dritten Bruder eines Betrüger-Clans zu sechs Jahren und drei Monaten Haft.

02.11.2016
  • Hans-Jörg Schweizer

Im letzten Akt der Tübinger Enkeltrick-Prozessreihe drehte das Landgericht am Mittwoch eine Ehrenrunde. Erneut brauchten Rechts- und Staatsanwälte Verhandlungspausen, um vielleicht einen neuen Deal einzufädeln. Am Ende musste der 27-jährige Angeklagte aber den Verständigungsvorschlag von Richter Thomas Geiger akzeptieren. Den hatte er vor zwei Wochen noch abgelehnt, während seine beiden älteren Brüder sich darauf einließen: Sie gestanden einige Taten und kassierten Freiheitsstrafen von vier Jahren und zehn Monaten sowie einem Jahr ohne Bewährung.

Ihr jüngerer Bruder war laut Anklage wohl an fast allen der ursprünglich verhandelten zehn Fälle banden- und gewerbsmäßigen Betrugs beteiligt. Deshalb drohte ihm eine Gesamtstrafe von bis zu sieben Jahren, während die Brüder glimpflicher davonkamen. Drum wollte sich ihr Mandant auch erst nicht auf den Deal einlassen, so Rechtsanwältin Anke Stiefel-Bechdolf: Er tue sich schwer mit der „familieninternen Binnengerechtigkeit“.

Tatsächlich bezweifelt kaum ein Prozessbeteiligter, dass am Tübinger Landgericht gerade mal die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs verhandelt wurde. Die Brüder waren womöglich an vielen weiteren Enkeltrick-Betrugsfällen beteiligt. Und wie viele andere Banden noch mit der gleichen Masche gutgläubige und meist wehrlose ältere Leute um ihre Ersparnisse bringen, bleibt im Dunkeln.

Bei den Tübinger Prozessen wurde aber klar, dass die Enkeltrick-Betrüger mit sehr raffinierten Methoden arbeiten, so Richter Geiger. Die Drahtzieher im Ausland finden zum Beispiel mit ausgeklügelten Fangfragen am Telefon heraus, ob ihr Opfer die Polizei eingeschaltet hat. Den Ermittlern geht so üblicherweise allenfalls mal ein Geldabholer ins Netz. Nur selten wird eine ganze Bande geschnappt wie im Tübinger Fall.

Mit dem Ziel, auch aus Geständnissen mehr über das Vorgehen solcher Banden zu lernen, rechtfertigte Staatsanwalt Tobias Freudenberg den Versuch einer neuen Verständigung mit den Verteidigern. So schlugen Rechts- und Staatsanwälte am Mittwoch also ihren neuen Deal vor, bei dem der jüngste der drei Brüder etwas weniger Taten zu gestehen und etwas weniger Freiheitsstrafe zu erwarten gehabt hätte. Richter Geiger stellte aber klar, dass er sich darauf nicht einlassen werde. Er müsse auch bei einer Verständigung darauf achten, dass das Strafmaß in einem plausiblen Verhältnis zur Schwere der Tat steht. Angeklagter und Anwälte stimmten also zähneknirschend dem richterlichen Vorschlag von vor zwei Wochen zu. Demnach gestand der 27-Jährige schließlich fünf verbliebene Taten und zwei gescheiterte Betrugsversuche und wurde dafür zu sechs Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Dadurch blieb es immerhin den ohnehin traumatisierten Opfern erspart, auch noch vor Gericht auszusagen.

Zu Lasten des Angeklagten führte Richter Geiger an, dass dieser schon 2009 in Stuttgart wegen des gleichen Delikts verurteilt wurde. Außerdem betonte Geiger den „hohen Sachverstand bei der Tatbegehung“, anders formuliert „die hohe kriminelle Energie“. Strafmildernd nannte Geiger neben dem Geständnis die „schwere Kindheit“ des Angeklagten: „Er kommt aus einer Familie, in der rechtschaffenes Leben nicht in die Wiege gelegt wird.“ Wie seine Brüder habe der 27-Jährige weder Schulabschluss noch jemals ernsthaft gearbeitet. „In dieser Familie waren die Weichen so gestellt, dass man sich das Geld auf anderem Weg besorgt“, so Geiger.

„Versuchen Sie, Ihren Kindern eine bessere Startchance zu geben“, redete der Richter dem Verurteilten ins Gewissen. Dessen Frau nach Roma-Recht und Mutter der Söhne im Alter von einem und neun Jahren nahm es im Zuschauerraum zur Kenntnis.

Die Masche der Enkeltrick-Betrüger

Keiler heißen im Jargon Betrüger, die vom Ausland aus mit Wegwerf-Handys ältere Leute anrufen, sich als Verwandte in Geldnot ausgeben und ihre Opfer dazu bringen, zigtausend Euro Bargeld herauszugeben. So genannte Logistiker koordinieren parallel dazu telefonisch die Läufer, die das Geld bei den Opfern in Deutschland abholen. Eine solche Läuferin schnappte die Polizei 2014 in Tübingen auf frischer Tat, später auch ihren Mann, der als Fahrer fungierte. Beide wurden 2015 in Tübingen zu je drei Jahren Haft verurteilt.

Die Aussagen der Läufer führten die Ermittler zu denKöpfen der Bande: ein älteres Paar. Die Frau wurde 2015 in Tübingen zu neun Jahren, der Mann zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Die drei Söhne des Paares standen jetzt als Keiler und Logistiker vor dem Tübinger Landgericht.

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02.11.2016, 20:00 Uhr

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