Horb · Das Mittwochs-Interview

„Spieler müssen sich gerade neu erfinden“

Ex-Tennisprofi Michael Berrer erzählt, mit welchen Problemen die Berufsspieler derzeit in der Corona-Krise zu kämpfen haben. Er spricht auch darüber, wie es im Amateurbereich weitergehen könnte.

15.04.2020

Von Sascha Eggebrecht und Milos Kuhn

Die Neckar-Chronik und die beiden Tennistrainer
kostenpflichtiger Inhalt

Mitko Derderian und Frercks Hartwig haben am Ostermontag zu einem Zoom-Talk eingeladen. Gesprächsgast war der ehemalige Tennis-Profi Michael Berrer (beste Platzierung 42. der ATP-Rangliste). Der Linkshänder erzählt, mit welchen Problemen die Berufsspieler derzeit in der Corona-Krise zu kämpfen haben. Er spricht auch darüber, wie es im Amateurbereich weitergehen kann.

33:46 min

SÜDWEST PRESSE: Erzählen Sie doch mal, wie Sie im Jahr 2015 nach einem 1:6-Rückstand noch gegen Nadal
gewinnen konnten.

Michael Berrer: Das war ein Zusammenspiel glücklicher Umstände und eine Top-Vorbereitung. Ich wollte es einfach noch einmal im hohen Tennisalter wissen und habe gefeilt und gemacht. Meine Trainer und ich haben alle nochmal richtig Gas gegeben. Außerdem habe ich noch einen Schlägerwechsel vorgenommen. Nach 14 Jahren mit dem selben Modell ist das dann nochmal etwas ganz Anderes. Dann habe ich eine super Quali gespielt und war gut drauf. Nadal habe ich selbst gezogen und mich richtig gefreut. Nach dem 1:6-Rückstand dachte ich, ‚der lässt mich runter‘. Mitte des zweiten Satzes habe ich dann aber gemerkt, wie auch er kämpfte. Ich selbst hatte eine gute Körpersprache. Mein mentaler Zustand war auch gut. Ich habe gemerkt: Ich kann es schaffen.

Nun steht nicht nur die Welt,
sondern auch der Sport wegen des Corona-Virus still. Was vermissen Sie in der jetzigen Zeit am meisten?

Ganz klar, den Ball und das Tennisspielen. Das Gefühl, den Schlag zu haben, fehlt mir. Das ist schon hart. Deswegen gehe ich viel laufen und mache Stabi-Einheiten. Nach Gesprächen mit Tennis-Insidern wie Jan de Witt bin ich zu einem interessanten Schluss gekommen: Wir dürfen nicht verrückt werden, man verlernt das Tennisspielen nicht. Ich hatte immer die Befürchtung, oh Gott, wie wird das aussehen. Aber auch die Profi-Tennisspieler spielen nicht übertrieben viel, daher mache ich mir keine Sorgen. Ansonsten spiele ich viel mit den Kindern im Garten. Meinen Schläger habe ich fast immer in der Hand, kurzum: Tennis fehlt mir sehr.

Können sie der Krise trotzdem auch etwas Gutes abgewinnen?

Man merkt einfach: Wenn man etwas vermisst, dann liebt man es auch. So geht es mir mit dem Tennis. Es ist ja auch kein Live-Tennis im Fernsehen. Dafür sieht man aber wieder Legend-Matches bei TennisTV oder Instagram. Zum Beispiel habe ich mir Eric Jelen und Boris Becker angeschaut. Man muss einfach das Beste aus der Zeit machen.

Anders denken derzeit wohl die Tennisprofis. Sie können seit Wochen keine Turniere spielen. Nun ist vor allem Selbstdisziplin gefragt, um nicht einfach nur in den Tag hinein zu leben. Welche Tipps haben Sie, damit der Profi, nicht außer Form gerät?

Als Tennisspieler sitzen wir alle im selben Boot. Spannend ist dabei das neue Erlernen der Routinen. Man muss sich neu erfinden, um nicht nur in den Tag hinein zu leben. Man sollte also die Grundlagen beibehalten und Stabi-Übungen machen.

Ende der vergangenen Woche hat der Deutsche Tennis-Bund (DTB) nun auch die 1. Herren Bundesliga
abgesagt, die Damen-Bundesliga wurde schon Ende März gestrichen. Was bedeutet das für die Spieler?

Das ist wirklich existenziell schwierig. Die Bundesliga ist normal etwas, wo man sicher, einen bestimmten Betrag an Geld einfahren kann. Das brauchen auch Profis zwischen Platz 60 und 200 sehr dringend. Das garantierte Bundesliga-Einkommen ist eine finanzielle Stütze. Wenn das wegfällt, ist es existenzbedrohend für den Spieler. Und wenn wir nicht wissen, wann wir spielen, ist das schwierig. Bei einer Verletzung weiß ich, ich bin verletzt, aber danach gehts weiter. Aber so muss man mit mentaler Stärke die Motivation beibehalten.

Können Sie mal erzählen, wie hoch die monatlichen Ausgaben bei einem Spieler sind, der um die 100 in der Weltrangliste steht?

Das kommt darauf an: Wenn du zum Beispiel nach Australien fliegst, kommt da schon etwas zusammen, die Fixkosten liegen bestimmt bei 10 000 Euro. Die Flüge, die Trainer, die Hotels. Der Trainer wird ja auch bezahlt, wenn er zu Hause ist. Da hängen sehr viele Rattenschwänze dran. Unser Sport leidet auch in dieser Hinsicht sehr.

Werden nach der Krise auch einige Spieler auf der Strecke bleiben?

Das ist schwer einzuschätzen. Man muss die Zeit solange, irgendwie überbrücken. Aber es
ist der Beruf der Spieler und
wenn es wieder losgeht, sind sie wieder da. Hinsichtlich der Fragen, wie sie ihre Fixkosten bedienen können, machen sich die ATP und der Deutsche Tennis-Bund Gedanken.

Die Georgierin Sofia Shapatava hat mit einer Petition gestartet und wirbt dafür, dass die besseren Spieler helfen. 1300 Spieler haben sich dieser Petition angeschlossen. Ist das ein Weg, diesen Spielern so zu helfen?

Das ist Abwägungssache. Ein Sportprofi hat eine begrenzte Zeit in seiner einer Karriere. Bis dahin sollte er so viel Geld wie möglich verdienen, um damit in nächsten Lebensabschnitt zu starten. Wirklich tricky und schwierig zu beantworten.

Deutschlands Tennis-Queen Angelique Kerber will sogar ohne Zuschauer spielen. Kein Anfeuern, kein klatschen. Geht da nicht auch die Emotion des Spiels verloren?

Da stellt sich immer die Frage, was das für ein Spielertyp ist. Ich fand es immer mega wichtig. Du bist nicht nur Spieler, sondern auch Entertainer und musst den Leuten etwas bieten. Aber es ist auch das Mittel zum Zweck, denn wenn es nicht anders geht, sind Spiele ohne Zuschauer eindeutig die bessere Alternative. Vielleicht kann man dann über Instagram oder Facebook Live-Matches übertragen. Dann ist das ein Apfel, in den man beißen muss.

Sollte es wirklich so kommen, wie kann sich ein Profi auf diese neue Situation einstellen?

Das ist das kleinste Problem, ein Profi kann das von seinem Fokussierungslevel her anpassen. Das kriegen die Jungs hin, da bin ich
sicher.

Im Moment werden ja aber noch die Turniere abgesagt oder verschoben. Während Wimbledon abgesagt worden ist, sollen die French Open im Herbst ausgetragen werden. Die Profis haben auf diese Verschiebung mit Unmut reagiert. Wie stehen Sie zu diesem neuen Termin – mitten in der Hartplatzsaison?

So ist das eben, das Turnier soll über die Bühne gehen. Vielleicht war das nicht unbedingt die beste Entscheidung, da kann ich mich aber nicht äußern. Es gibt immer wieder Interessenskonflikte, das ist schwierig. Es geht darum, dass wir erstmal wieder spielen können. Wir können froh sein, wenn das Turnier stattfinden könnte. Aber es ist schwierig mit den kleineren Turnieren, die im gleichen Zeitraum stattfinden würden.

Der Punktspielbetrieb im Amateurtennis ist nun auch schon auf Mitte Juni verschoben worden. Um dann spielen zu können, gibt es Überlegungen, den Handshake nach dem Match wegzulassen, mit eigenen gekennzeichneten Bällen zu spielen und den Seitenwechsel von einem Spieler nur am gegenüberliegenden Netzpfosten vorzunehmen. Ist ein Match so denkbar?

Ich kann mir vorstellen, dass das praktikabel ist. Schwierig, aber es kann gehen. Wir übernehmen Verantwortung, nehmen unsere eigenen Bälle und gehen dann direkt aus der Halle. Wenn es bei einem Sport geht, dann vielleicht beim Tennis. Und auf Tennis freuen wir uns ja auch richtig drauf und es wäre traurig, wenn es wegfällt. Auch bei mir in der Regionalliga mit den alten Herren möchte ich nicht daran denken, dass es nicht mehr stattfindet.

Auf jeden Fall werden die Profis irgendwann zurück auf den Court kommen. Wird das Niveau nach der Pause zu Beginn der Turniere dann schlechter sein?

Da schaue ich ein bisschen anders drauf. Man braucht als Profi drei bis vier Wochen, um auf einem gewissen Level zu sein. Am Anfang sehen wir dann vielleicht auch ein paar komische Matches. Es wird vielleicht ein bisschen holprig, aber dann wird das wieder. Das Gleiche bei einem ambitionierten Hobbyspieler. Man wird die ersten Trainingstage Muskelkater haben, aber dann wird es wieder funktionieren. Das hat mir auch der Jan de Witt bestätigt.

Der Ex-Tennisprofi Michael Berrer beantwortete am Ostermontag im Zoom-Talk auch Fragen von Tennisspielern, die sich zum Gespräch dazu geschaltet hatten. Screenshot: Sascha Eggebrecht

Zur Person

Michael Berrer begann am Alter von 7 Jahren mit dem Tennissport. Seine Profikarriere startete er im Jahr 1999. Er spielt beim TC Doggenburg. Der erste Einzelsieg in einem Grand-Slam-Turnier gelang ihm in Wimbledon gegen Albert Montañés mit 6:3, 6:3 und 6:2. Bei den BMW Open 2008 in München gewann er gemeinsam mit Rainer Schüttler die Doppelkonkurrenz und somit seinen ersten Titel auf der ATP-Tour. Seinen größten Einzelsieg feierte er im Jahr 2015 in Doha. Damals schlug er Raphael Nadal in drei Sätzen. Bei der letzten Partie seiner Karriere gegen Maximilian Marterer sicherte er sich erstmals den Titel des Deutschen Meisters.

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Erstellt:
15. April 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. April 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. April 2020, 01:00 Uhr

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