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Stuttgarter Berufspoet Harry Fischer dichtete mit Zweitklässlern der Aischbachschule
Aus dieser Ecke kam die richtige Antwort: Harry Fischer fragte die Schüler zu Beginn, was für sie Poesie ist.Bild: Metz
In der Welt der Wörter

Stuttgarter Berufspoet Harry Fischer dichtete mit Zweitklässlern der Aischbachschule

Er möchte Kinder und Jugendliche an die Denk- und Fühlweise von Poesie heranführen: Harry Fischer besucht Schulen und andere Einrichtungen in ganz Deutschland und bietet eine poetische Reise an. Heraus kommt dabei ein kleiner Gedichtband als Erinnerung. Am Dienstag war er an der Aischbachschule in Tübingen-West.

14.04.2016
  • Lorenzo Zimmer

Hast du denn gewusst, dass du ein Dichter bist“, fragt Harry Fischer den achtjährigen Julius. „Äh, nein“, kommt seine Antwort etwas verdutzt. Fischer ist 58 Jahre alt und von Beruf Poet. Ursprünglich hat er mal eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht, aber sein schlechtes Gedächtnis machte ihm auf dem üblichen Bildungsweg immer wieder zu schaffen. Heute ist der Stuttgarter zu Besuch in der Klasse 2b der Aischbachschule und hat 90 Minuten Zeit, 20 Schülerinnen und Schülern Poesie näher zu bringen. Nicht seine Poesie, sondern die, die in ihnen selbst wohnt. Poesie? Was ist das überhaupt?

„Ich hatte schon immer ein miserables Gedächtnis“, gesteht Fischer der Klasse. Im Raum ist es ruhig, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Er bewegt sich wie ein Profi entlang der Tafel, weiß wie viele Augenpaare auf ihn gerichtet sind und wie er die Spannung hält. Über 20000 Schüler hat er schon in ihren Klassenzimmer besucht, ihnen erklärt, was Poesie ist und wie man sie schreibt. „Was heißt denn miserabel“, fragt er die Klasse. Nach einigem Überlegen recken manche ihre Finger zögernd in die Höhe. „Schlecht!“ „Löchrig.“ „Wie ein Sieb.“ Fischer muss schmunzeln. „Und weil mein Gedächtnis so schlecht war, habe ich angefangen, meine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben.“

Schon in seiner Kindheit las Fischer viel. Früh fing er an, Zeilen zu unterstreichen, wenn sie ihm gefielen. „Ich wollte sie vor dem Vergessen bewahren“, sagt er. Die Welt der Wörter war für ihn mehr, als ein Hobby: Es war sein Refugium, sein Ort zum Zurückziehen. „Ich hatte neun Geschwister, da war immer viel los“, erinnert er sich. In den Fantasiewelten, die die Bücher in ihm auslösen, war er allein, hatte Ruhe. Dort entdeckte er seine Lust aufs „Formulieren und Fabulieren“, wie er Poesie gerne beschreibt.

Das Interesse der Klasse 2b hat Fischer indes längst geweckt. Nicht nur, weil er eine willkommene Abwechslung vom Unterrichtsalltag ist. Pädagogisch geschickt setzt er den Schülern Anreize zum Mitmachen durch kleine Wettbewerbe und süße Belohnungen. Immer wieder erklärt er Wörter, bei denen er Gefahr läuft, nicht verstanden zu werden: „Schon die antiken Philosophen haben sich gefragt, was denn das Schöne in der Welt ist. Wisst ihr was Philosophen sind?“ Kollektives Kopfschütteln. Samuel hat das Wort schon mal gehört. „Das sind Leute, die über alles nachdenken. Was gut ist, was böse ist, wo wir herkommen und wo wir hingehen.“ Hilal wirft ein: „Das wissen wir doch gar nicht!“ Darauf wollte Fischer hinaus: „Was findest du denn schön“, fragt Fischer und zeigt reihum. Die Antworten könnten unterschiedlich nicht sein: Frühling, Weihnachten, Computerspiele, Sonne und Blumen. „Lachen“, sagt die Lehrerin Saskia Lamm, als Fischer auf sie zeigt. Sie genießt ihre Rolle als stille Beobachterin sichtlich.

Fischer besucht mit seinem Programm nicht nur Grundschulen. Auch in Kindergärten ist er oft zu Gast, in Altenheimen, Krankenhäusern, Psychiatrien. Immer gibt er eine Einführung in die Poesie, lässt seine Zuhörer dann selbst zu Dichtern werden und ihre Gedanken zu Papier bringen. „Das geht dann schon unter die Haut“, sagt er in der Pause, „wenn ein Mädchen mit Bulimie über Dunkelheit und ihre Suche nach Halt schreibt.“ Dann wird für Fischer der Wert seiner Arbeit greifbar: „Wenn ich merke, wie sich ihre Sicht auf die Dinge bewegt – selbst wenn sie sich nur ein winziges bisschen dreht – das ist der größte Lohn.“

Poetisches Denken ist für ihn eine Lebensphilosophie, eine grundsätzliche Herangehensweise, aber auch Lebensunterhalt: „Das geht nur, weil ich mir aus materiellen Dingen nicht viel mache“, sagt er. Fischer möchte Kinder für Wahrnehmung sensibilisieren, ihnen beibringen, den Blick auf die kleinen Dinge zu richten: „Sie machen das Leben doch lebenswert.“

Die zweite Hälfte der Doppelstunde Deutschunterricht widmet der Berufspoet dem Schreiben. Aus den Geschichten der Schüler druckt er ein kleines Büchlein, das die Schüler als Erinnerung behalten dürfen. Ein paar davon hat er mitgebracht und liest Gedichte vor. In einem fällt wieder ein Wort, das Fischer erklärt: Malheur. „Ein Missgeschick“, sagt Marie unsicher. Volltreffer.

Ihre Themen suchen sich die Zweitklässler selbst aus: Sie schreiben über Bayern München gegen Borussia Dortmund, eine Biene auf der Wiese, das Computerspiel Minecraft. Konrad schreibt: „Der Zettel war sehr leer, das fand er unfair, eines Tages kam eine Frau, sie war sehr schlau, sie schrieb was auf den Zettel – da war er voll, das fand er toll.“ Reim und Wortwitz werden zum Selbstzweck, das war Fischers Absicht: „Im Fernsehen werden so viele Pseudowelten aufgebaut, da wird Neid erzeugt und ein materielles Vorbild, dem alle nachrennen. Wer geht denn mit seinem Kind regelmäßig im Wald spazieren?“ fragt er wehmütig. Aber Fischer weiß auch, dass es ohne Technik nicht geht: „Da halte ich es ganz mit Goethe: In vielen Welten zu Hause sein.“ Aber den Blick für das Schöne oder die kleinen Dinge, wie er sagt, den sieht er in Gefahr.

Bei der Klasse 2b hat Harry Fischer Erfolg. Sie alle strömen mit ihren Gedichten zu ihm, wollen ein Urteil das Maestros. „Sehr schön, wie du hier die Biene beschreibst“, sagt er. Oder: „Ich wusste doch, ihr seid Poeten.“ Zufriedene Gesichter, lautes Lachen. Zum Abschied ein Auruf: „Da draußen ist eine zauberhafte Welt. Nutzt sie, um eure Gedanken und Gefühle zu sammeln, statt immer nur Fußballbilder und Diddl-Sticker.“ „Diddl“ gibt es seit vielen Jahren nicht mehr, die Maus ist längst ersetzt durch „Hello Kitty“, „Prinzessin Lillifee“ und andere Figuren. Doch die Dichtung wird – zumindest wenn es nach Harry Fischer geht – nie aussterben.

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14.04.2016, 01:00 Uhr

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