Freudenstadt · Jubiläum

Tummelplatz für Adelige

Die Freudenstädter „Waldlust“ feiert mit mehreren Veranstaltungen den Großausbaus des Hotels und die Eröffnung des neuen Ballsaals vor 100 Jahren.

06.07.2022

Von Siegfried Schmidt

Der Königin Emma von Holland, hier in einer Limousine vor dem Eingang zur „Waldlust“, gefiel es laut Anmerkung auf diesem Foto gut im einstigen Freudenstädter Nobelhotel. Bilder: Archiv des Denkmalvereins Freudenstadt

Der Königin Emma von Holland, hier in einer Limousine vor dem Eingang zur „Waldlust“, gefiel es laut Anmerkung auf diesem Foto gut im einstigen Freudenstädter Nobelhotel. Bilder: Archiv des Denkmalvereins Freudenstadt

In diesem Monat jährt sich zum 100. Mal der Großausbau der „Waldlust“ zum Grandhotel. Am 22. Juli 1922 wurde der neue Ballsaal mit einem Festball feierlich eröffnet. Aus Anlass dieses Jubiläums organisieren die Denkmalfreunde Waldlust ein Veranstaltungsprogramm, das mit Ausstellung, einem Thementag „Lost Place“ und einem Besucher-Wochenende das Kulturdenkmal präsentieren soll. Und als besonderer Clou soll am Festabend „100 Jahre Waldlust“ nach Jahren der Abwesenheit und des Zerfalls der neu restaurierte Ballsaal-Leuchter wieder an seinen Stammplatz zurückkehren und prachtvoll strahlen.

Kunst-Vernissage

Die Veranstaltungsreihe beginnt am Freitag, 8. Juli, mit einer Kunst-Vernissage im Hochparterre des Altbau-Trakts „Hotel Waldlust“. Dort werden nicht nur die Kunsträume mit Ölbildern aus dem Nachlass des Malers Herbert P. Freudenreich offiziell eröffnet, sondern auch andere, aktuell neu installierte Expositionen vorgestellt. In den ehemaligen Hotelzimmern und Suiten und im erweiterten Korridor zeigen der Fotograf Bernd Armbruster, der Steinskulpturen-Bildner Karl-Heinz Lammel und der Künstler und Grafiker Josef Rues, hier posthum, ihre Werke. Die Werkschau präsentiert neben Aquarellen, Kunstgrafiken, Zeichnungen oder den Pop-Art-Werken von Konrad Müller damit auch Fotografien, die in den szenisch malerischen Kulissen des alten Hotelbaus entstanden sind.

Die Denkmalfreunde wollen mit der „kleinen Kunstmeile“ nicht nur eine Teilnutzung, eine Belebung, des seit 17 Jahren geschlossenen Hotels bewirken, sondern verbinden damit auch Bauentwicklung. Für die Freudenreich-Ausstellung wurden eigens historische Räume aus der Gründerzeit nach historischen Plänen restauriert und gestalterisch ihrer Ursprungsidee angenähert.

Die Vernissage ist öffentlich und beginnt am Freitag, 8. Juli, um 19 Uhr, Einlass ist ab 18 Uhr. Besucher können auch am kommenden Sonntag, 10. Juli, von 11 bis 17Uhr durch die Ausstellungsräume schlendern.

Studenten des Fachs Kulturanthropologie der Uni Freiburg werden sich am Freitag, 15. Juli, mit der Lost Place-Problematik in der Waldlust beschäftigen. Seit Jahren gehört das von Verfall und morbidem Charme gezeichnete Haus zu den bekanntesten und beliebtesten Endzeit-Bauwerken in Deutschland. Zahllose „Lost Place“-Bilderjäger sind dort inzwischen auf Motivsuche gegangen.

Im Rahmen ihrer Exkursion wollen die Studierenden ausleuchten, welche „Wertigkeiten und Potenziale“ für das kulturelle Erbe in einem solchen Niedergangs-Prozess liegen können. Vom „Wert des Verfalls“ lautet deshalb das Thema. Der Thementag beginnt mit einer Denkmal-Führung um 15.30 Uhr, an die sich ein Vortrag um 17 Uhr sowie eine Plenums-Diskussion – alles öffentlich - im Festsaal anschließen.

Jubiläums-Wochenende

Das Jubiläums-Wochenende „100Jahre Grandhotel“ beginnt am Freitag, 22. Juli, mit einem Festakt der Denkmalfreunde für geladene Gäste und Vereinsmitglieder. Für Interessenten und Besucher wird das Haus an den beiden Folgetagen, Samstag, 23., und Sonntag, 24. Juli, offenstehen. Und zwar durchgängig von 13 bis 18 Uhr (Samstag) und von 11 bis 18 Uhr (Sonntag). Es kann in den Gesellschaftssälen und in der Kunstmeile frei flaniert werden. Und es besteht die Möglichkeit, Kunst und andere Souvenir-Artikel zu erwerben. An beiden Tagen finden geführte Besichtigungen durch abwechselnde Partien des Grandhotels statt. Am Samstag um 14, 16 und 17 Uhr, am Sonntag um 13, 15 und 17 Uhr. Zudem werden Kaffee und Kuchen angeboten.

Auf Gäste aus aller Welt eingestellt mit einem englischsprachigen Prospekt, auf dem Cover die Panorama-Ansicht des Palasthotels.

Auf Gäste aus aller Welt eingestellt mit einem englischsprachigen Prospekt, auf dem Cover die Panorama-Ansicht des Palasthotels.

Zur Geschichte der „Waldlust“

Mit dem Grandhotel-Ausbau 1921/22 erreichte das alte Freudenstädter Nobelhotel „Waldlust“ nicht nur seine volle Ausdehnung und sein vielgerühmtes Waldpalast-Aussehen, es avancierte damit auch zur mondänen Luxus-Absteige für Fürsten und Filmstars, für Künstler und Wirtschaftsbosse. Der europäische Hochadel kam auf einmal zur Kur in das aufstrebende Schwarzwaldstädtchen. Und man genoss neben den Vorzügen „reinster Luft und besten Wassers“ auch die Annehmlichkeiten gepflegter und eleganter Gastronomie in der „Waldlust“.

Gründer und Hotel-Patron Ernst Luz junior hatte bereits 1914 die Pläne für seine Grandhotel-Erweiterung, gefertigt von einem Züricher Architekten, in der Schublade liegen. Da kam der Erste Weltkrieg und damit der Abbruch des Fremdenverkehrs. Doch gleich zu Beginn der 1920-Jahre vollendete der Hotelpionier und Top-Repräsentant einer Freudenstädter Hotel-Dynastie in einem baulichen Parforceakt sein Vorzeige-Projekt.

In nur einem halben Jahr und noch dazu zur Winterzeit, von Oktober 1921 bis zum Frühjahr 1922 wurde der „Saalbau“, die Süderweiterung, fertig gestellt.

Das Grandhotel in seiner ganzen Pracht auf einer Ansichtskarte.

Das Grandhotel in seiner ganzen Pracht auf einer Ansichtskarte.

Es entstanden auf der Parterre-Ebene neue Restaurations- und Gesellschaftsräume, im Souterrain zahlreiche Service- und Betriebsbereiche, sodann auf fünf Geschossen verteilt weitere 52 Zimmer und Suiten mit Loggien. Gekrönt wurde der Ausbau mit dem prachtvoll-vornehmen Festsaal im Art Deco Stil.

Vor allem der „helle und luftige“ Ballsaal mit seinen schweren roten Samtvorhängen an den Fenstern und dem „riesigen Prismenkronleuchter“ fand staunenden Anklang.

Diese grandiose Aussicht über die hügelige Landschaft bis zur Hohenzollernburg, das festlich angehauchte Hotelschloss-Ambiente, die bestens ausgestatteten Zimmer, Suiten und Bäder und auch den umgebenden gepflegten Hangpark mit seinen Promenaden und Verweilplätzen wussten zahlreiche High Society-Gäste zu schätzen. König Gustav von Schweden, die holländische Königin Emma, politische Prominenz wie der ehemalige britische Premier Lloyd George und internationale Künstler wie Fritz Kreisler und Fedor Schaljapin sowie Hollywood-Filmstars wie Douglas Fairbanks und Mary Pickford stiegen in den Blütejahren der Zwanziger in dem Schwarzwaldhotel ab.

Freudenstadt werde „von Jahr zu Jahr mondäner und englischer“, urteilte das periodisch erscheinende „Fremdenblatt“ mit Blick auf die Waldlust-Gästelisten. Die „Waldlust“ wurde damals für Freudenstadt zum Tor zur Welt.

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Erstellt:
06.07.2022, 15:38 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 55sec
zuletzt aktualisiert: 06.07.2022, 15:38 Uhr

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