Bürgerinitiative Hau

Überwältigendes Zeichen

Damit hatten die Initiatoren nicht gerechnet: Mehr als 300 Interessierte und Besorgte informierten sich am Samstag bei Ahldorf in den Gewannen „Hau“ und „Holzwiese“ über ein angedachtes städtisches Gewerbegebiet.

02.01.2018

Von Willy Bernhardt

Dass bei eher schlechtem Wetter mehr als 300 Menschen aus Ahldorf und diversen anderen Horber Stadtteilen zur Besichtigung des Areals bei Ahldorf, das die Stadt in eine Gewerbefläche umwandeln will, kommen würden, hatte wohl keiner erwartet. Bilder: Kuball

Dass bei eher schlechtem Wetter mehr als 300 Menschen aus Ahldorf und diversen anderen Horber Stadtteilen zur Besichtigung des Areals bei Ahldorf, das die Stadt in eine Gewerbefläche umwandeln will, kommen würden, hatte wohl keiner erwartet. Bilder: Kuball

Es glich einer kleinen „Völkerwanderung“, was sich da am Samstag bei eher mäßiger Witterung bis 14 Uhr in Richtung Grillhütte auf Gemarkung Ahldorf in Bewegung gesetzt hatte. Am Ende verständigten sich Ortsvorsteher Hartmut Göttler – der jedoch als Privatmann und nicht dieser Rolle vor Ort war –, Simon Jung und Jägerschafts-Vertreter Holger Hertkorn darauf, die drei Interessierten in Gruppen durch das avisierte Gewerbegebiet zu führen.

Mehr als 300 Interessierte und Besorgte waren der Einladung der Bürgerinitiative (BI) „Hau und Holzwiese“ gefolgt, sich vor Ort selbst ein kompetent moderiertes Bild von dem zu machen, was das Horber Rathaus auf dem Gewann beabsichtigt und die Ahldorfer gewaltig umtreibt. Aber bei weitem nicht nur die. Auch aus Dettensee, Empfingen, Nordstetten, Mühlen und sogar aus Bildechingen und Horb waren politisch Interessierte, darunter auch einige aktuelle und ehemalige Horber Stadträte sowie der nahezu komplette Ahldorfer Ortschaftsrat zur Ahldorfer Grillhütte gepilgert. Unübersehbar wiesen an den jeweiligen Ahldorfer Ortseinfahrten große Strohballen auf die Info-Wanderungen hin.

Obwohl es matschig war und daher einige Zeit fraglich, ob die Informationsveranstaltung im möglichen künftigen Ahldorfer Gewerbegebiet überhaupt anberaumt werden könne, trauten Karl-Eugen Hermann, Christina Nuss und Michael Kaupp aus dem BI-Organisationsteam ihren Augen nicht, als da derart viele besorgte und informationshungrige Bürger zur Grillhütte kamen. Von dort aus ging es in drei verschiedenen Gruppen durch das 25 Hektar große Wald- und Ackergelände. Mit Hartmut Göttler von der Feuerwehr, dem Jäger Holger Hertkorn sowie dem Jung-Ahldorfer Simon Jung fanden sich drei kompetente Referenten bereit, den Interessierten Informationen zu geben über das Gebiet, in dem nach Wunsch der Horber Stadtverwaltung vielleicht künftig ein Gewerbegebiet in Autobahn-Nähe entstehen könnte. Hartmut Göttler hieß die vielen Wanderer willkommen und erläuterte kurz, worum es dabei geht.

Allgemeine Daten zum Start

Unter anderem war zu Beginn zu erfahren, dass sich die Gesamtgemarkungs-Fläche Ahldorfs auf 593 Hektar belaufe, wovon 180 davon Wald sind. Die Fläche der Felder beträgt 348 Hektar. Für die Autobahn A 81 sowie die B 32 als Zubringer zur A 81 und die Verbindungsstraße nach Mühringen hätten die Ahldorfer in der Vergangenheit bereits 30 Hektar Fläche geopfert.

Der Ort selbst ist 35 Hektar groß, inklusive Friedhof und Sportplatz. Von den rund 25 Hektar, um die es bei den städtischen Gewerbegebiets-Plänen geht, sind genau 6,48 Hektar Ackerland in der so genannten „Holzwiese“; weitere 1,24 Hektar Ackerfläche liegen am „Kalkofen“, die restlichen 17,25 Hektar der Fläche bestehen im Moment aus Wald. Von Letzterem sollen ganze sechs Hektar im Norden stehen bleiben. Sollte das Gewerbegebiet in der avisierten Form gelingen, dann betrüge der Abstand von dort bis zum letzten Haus in der Mühringer Straße 550 Meter, deren 474 bis zum Vogtweg und 441 Meter bis zum Baugebiet Hauser, erläuterten die drei Referenten.

Etliche interessante Geschichten

Dann gingen die über 300 Mitwanderer in drei Gruppen per pedes ins Gewann, wobei die Gruppenführer kenntnis- und detailreich einzelne Besonderheiten entlang der Waldwege erläuterten. So etwa am „Römerbuckel“, einem Keltengrabhügel aus der Zeit zwischen 800 und 400 vor Christi Geburt und somit in der „Hallstatt- oder Eisenzeit“ angesiedelt. Dieser Buckel wurde 1888 durch Baron Hans von Ow geöffnet und es wurden mehrere Urnen und Grabbeigaben wie etwa ein Bronzering entnommen. Cäsar schlug die Kelten zwischen 58 und 52 vor Christi in Gallien und 73 bis 74 wurde Ahldorf Teil des Römischen Reiches, weshalb dort bis zum Jahre 290 nach Christi eine Römerstraße vorbei führte.

Beim „Schauppengründles-Garten“ – der neue Name lautet„Hau“ – wurden die Grenzen des Gewerbegebietes nachvollziehbar aufgezeigt. Die drei Referenten wiesen auf die Senke zwischen Ahldorf und dem möglichen Gewerbegebiet hin und erläuterten detailliert die Bedeutung der verschiedenfarbigen aufgemalten gelben Ringe (Grenzen des Stadtwalds) und blauen Ringe, die die Privatwälder kennzeichnen. Auch die Bedeutung der roten Striche wurde erläutert, sei daraus doch zu erkennen, welche Bäume stehen bleiben oder gefällt würden. Zudem gehe daraus hervor, wo so genannte „Rückgassen“ angelegt werden könnten. Zeichen mit stehenden Rehen zeigten Wildverbiss auf und wiesen auch auf die Anwesenheit von Dachs, Wildschwein, Hase, Schnepfe sowie von Bussard und Falke hin. Die Gruppenleiter erklärten auch, weshalb Rückgassen und Wege heute nicht mehr in Ost-West-Richtung angelegt würden: Weil der Wind im Zuge des Klimawandels immer häufiger von Süden her komme. Dies würde eben auch zusätzlichen Lärm nach Ahldorf bringen.

Detailliert informiert wurde über Tannen, Fichten, Eichen, Wildkirschen und Buchen und über den guten Mischwaldbestand. Der Wald müsse nicht aufgeforstet werden, da viele junge Tannen von selbst wachsen. Die Bedeutung der Parzellennummern wurde genau und bereitwillig erklärt und darauf hingewiesen, dass es 1960 und 1984 die letzten Flurbereinigungen in Ahldorf gegeben habe. Letztere stand noch in direktem Zusammenhang mit dem Autobahnbau. Es wurden so genannte „Dolinen (auch „Sinkhöhle oder Karsttrichter genannt) gezeigt und deren Entstehung geschildert.

Zu erfahren war auch, dass Blaubeeren ein Zeichen für einen gesunden und intakten Wald seien. Und Blaubeeren gibt es dort viele. Gezeigt wurde zudem ein so genannter „Römer Buggy“ (Keltengrab an der Grenze zwischen Ahldorf und Nordstetten) sowie Eichenbäume am Waldrand, um einen „Sonnenbrand“ des Waldes zu verhindern. Das Alter der Eichen wird auf 150 bis zu 300 Jahre geschätzt. Im Besitz der Kirche befinden sich in dem möglichen Gewerbegebiet 1,96 Hektar Feld und 1,70 Hektar Wald.

Nach den Waldbegängen teilte das Orga-Team mit, dass es sich Anfang Januar so richtig konstituieren will und dann auch klare Strukturen diskutiert werden sollen. Gleichfalls soll dann festgelegt werden, wer offiziell als Sprecher der BI „Hau und Holzwiese“ in Erscheinung treten soll. Klar sei, so Michael Kaupp, dass die Initiative transparent und offensiv den Weg in die Öffentlichkeit antreten wolle. Einig seien sich schon jetzt alle darin, „dass unser Ahldorf keine blaue Plakette in Zukunft braucht und zudem gerade aktuell unser Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf die Bedeutung von Heimat hingewiesen hat.“

Überwältigendes Zeichen
Überwältigendes Zeichen

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02.01.2018, 01:00 Uhr
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zuletzt aktualisiert: 02.01.2018, 01:00 Uhr

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