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Wann ist ein Mann ein Mann?

Bei dieser Frage hat so manch einer Grönemeyers Song „Männer“ im Ohr. Die Analyse des „Mannseins“ die er 1984 in seinem Song verarbeitet hat, enthält bis heute einen wahren Kern.

08.09.2016

Von R. Herrmann

Als starkes Geschlecht verfügen Männer tatsächlich über mehr Muskelmasse pro Kilogramm Körpergewicht als Frauen. Fotolia.com, ©imabase #23449972

Durchaus werden einige typische Männereigenschaften bis heute durch gesellschaftliche Normen und Erwartungen mit geprägt. Doch welche Unterschiede gibt es wirklich zwischen Mann und Frau? Was ist angeboren, was lässt sich beeinflussen und was ist wirklich „typisch Mann“?

Das typische Männerbild

Das typische Bild eines Mannes bedient sich aus gängigen Klischees:

Bei Männern wird vom „starken Geschlecht“ geredet. Nicht zuletzt liegt dies an der Muskelmasse, die bei ihnen, tatsächlich geschlechtsbedingt, pro Kilogramm Körpergewicht etwa 7 Prozent höher liegt als bei der Frau. Zudem gelten Jungen und Männer als rauer als Frauen und prügeln sich ebenso häufiger. Damit verbunden scheint ein höheres Dominanzverhalten.

„Ein Mann ein Wort, eine Frau ein Wörterbuch“ beschreibt ein weiteres typisches Bild. Auch wenn es immer wieder Ausnahmen geben mag, im Gegensatz zu Frauen ist der typische Mann eher schweigsam. Zudem wird ihm nachgesagt, dass er nicht gut zuhören kann und nicht gerne über Gefühle reden. Ebenso wird ihnen die Fähigkeit zum Multitaskingfähig abgesprochen.

Für gewöhnlich unterscheidet er sich auch in seinen Interessen und Hobbys von denen der Frau. Typische Männerhobbys sind demnach Fußball und mit Kumpels zum Bier treffen. Ebenso gelten Männer als technikbegabt. Themen die den typischen Mann interessieren handeln demnach oftmals von Autos oder Technik.

Der „kleine“ Unterschied

Genetisch betrachtet ist es das Vorhandensein des Y-Chromosoms, was den Mann zum Mann macht. Allerdings sind noch eine ganze andere Reihe biochemischer Prozesse und strukturelle Unterschiede ans „Mann sein“ geknüpft. Einer der bekanntesten biochemischen Unterschiede dürften die Unterschiede bei den Geschlechtshormonen sein. Das typische Männerhormon heißt hier Testosteron.

Eine andere Auffälligkeit sind strukturelle Unterschiede im Gehirn. Hier gibt es einige Untersuchungen, die die Unterschiede im Verhalten von Mann und Frau erklären könnten. Auf beide Aspekte soll im Folgenden ein Blick geworfen werden.

Einfluss von Testosteron auf Körper und Verhalten

Testosteron ist das primäre männliche Sexualhormon und gehört zu den bekanntesten Steroid-Hormonen schlechthin. Der Name des Wortes leitet sich von „testis“ (Hoden) und „steroid“ ab, da es das erste Mal 1935 aus Stierhoden isoliert wurde. Und tatsächlich werden 95 Prozent des Hormons in den Hoden gebildet. Die restlichen 5 Prozent werden in der Nebennierenrinde produziert.

Was einigen unbekannt sein dürfte, ist das dieses Hormon auch bei Frauen vorkommt. Hier ist die Menge allerdings um ein vielfaches geringer und stammt aus der Nebennierenrinde sowie den Eierstöcken. Insgesamt ist die Menge an Testosteron beim Mann um das 6 bis 15-fache höher als bei der Frau.

Die allgemeine Wirkung von Testosteron im menschlichen Organismus zeigt einen Einfluss auf die Blutzellenbildung, Knochenstoffwechsel, sexuellem Verlangen, Muskulatur, Stimmung und kognitive Funktionen. Dies verdeutlicht einige der Unterschiede in der Physiologie und dem Verhalten zwischen Mann und Frau. So fördert Testosteron den Aufbau an Muskelmasse. – Ein Grund, warum sich einige Sportler Testosteron, welches zu den Anabolika zählt, zum Muskelaufbau spritzen. Sogar in der Medizin wird diese Wirkung von Testosteron mitunter genutzt, um den Muskelaufbau nach schweren Verletzungen zu unterstützen. – Dadurch, dass Männer eine höhere Menge an Testosteron aufweisen, ist also auch deren Muskelaufbau erhöht. Das Männer über circa 7 Prozent mehr Muskelmasse verfügen und damit nicht ganz zu Unrecht zum starken Geschlecht gehören, verdanken sie also hauptsächlich dem Testosteron.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Aber auch das Verhalten wird vom Testosteron mit beeinflusst. Dass Männer oftmals als rauer gelten als Frauen und in ihrer Art typischerweise dominanter sind, könnte somit auch dem höheren Testosteronspiegel zugeschrieben werden. Einzelne Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Testosteron und einer verstärkten Aggressivität, sind in ihrer Aussage jedoch umstritten. Was jedoch gezeigt wurde ist ein deutlicher Zusammenhang zwischen Aggressivität und einem erhöhten Testosteronspiegel bei gleichzeitig niedrigem Cortisolspiegel. Zudem scheinen noch weitere Faktoren wie der Serotonin-Pegel Einfluss auf die Aggressivität zu haben.

Allerdings sind es nicht nur die Hormone, die einen Einfluss auf das Verhalten bewirken. Auch strukturelle Unterschiede im Gehirn deuten auf eine verschiedene Verarbeitung von Informationsprozessen hin. Somit lassen sich möglicherweise einige typisch männlichen Eigenschaften auch auf eine für Männer typische neuronale Vernetzung im Gehirn zurückführen.

 

Das männliche Gehirn

Doch ist es wirklich möglich von einem weiblichen und einem männlichen Gehirn zu sprechen? Die nachgesagten Unterschiede im Denken von beiden Geschlechtern legen nah, dass es strukturelle Unterschiede geben muss. Dabei geht es überwiegend darum, dass Männern ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen und technisches Verständnis nachgesagt wird. Hingegen sollen Frauen sprachlich besser begabt sein und ein stärkeres soziales Feingespür aufweisen.

Wissenschaftler der University of Pennsylvania aus Philadelphia untersuchten dazu die Gehirne von Männern und Frauen im Alter zwischen 8 und 22 Jahren anhand eines bildgebenden Verfahrens. Das auch als Diffusions-Tensor-Bildgebung bezeichnete Verfahren berücksichtigt die Bewegungen der Wassermoleküle. Durch die speziellen Bewegungen der Moleküle im Gehirn können Rückschlüsse auf den Verlauf von Nervenfasern gezogen werden. Die Verknüpfungen im Gehirn unterscheiden sich zwischen Mann und Frau. Das Ergebnis der Untersuchung zeigte einen Unterschied in der Verknüpfung der Gehirnbereiche. Bei den männlichen Teilnehmern zeigten sich in einzelnen Hirnbereichen mehr lokale Verknüpfungen zu direkten Nachbarbereichen. Insgesamt gab es also mehr neuronale Verbindungen mit einer kurzen Reichweite. Bei weiblichen Probanden fanden sich mehr längere Nervenverbindungen und hier besonders zwischen beiden Gehirnhälften.

Es gibt Hinweise, dass das männliche Gehirn anders verknüpft ist als das weibliche. Fotolia.com, © Sergey Nivens  #98719906

Genau andersherum zeigten sich die Ergebnisse für einen evolutiv älteren Teil des Gehirns, dem Kleinhirn. Dieses ist hauptsächlich für Bewegungen und Koordination zuständig. Hier weisen Frauen eine stärkere Vernetzung innerhalb der Hemisphären und die Männer eine stärkere Vernetzung zwischen den Hemisphären auf. Der Vergleich zwischen den jüngeren und älteren Probanden zeigte, dass sich die jeweiligen Unterschiede im Laufe des Alters immer stärker ausprägten.

Die Wissenschaftler interpretierten die Ergebnisse so, dass das männliche Gehirn eher für eine Kommunikation innerhalb der beiden Hirnhälften optimiert ist und das weiblichen Gehirn auf die Kommunikation zwischen den Hemisphären. Damit arbeiten beide Gehirne auf unterschiedliche Weise und könnten auch die „typisch weiblichen“ beziehungsweise „typisch männlichen“ Eigenheiten erklären.

Männer nutzen überwiegend eine Hirnhälfte

Dass die Gehirne bei Männern und Frauen unterschiedlich genutzt werden, zeigte eine kleine Studie einer internationalen Forschergruppe aus Spanien. Sie ließen jeweils zehn weibliche und zehn männliche Probanden verschiedene Bilder mit Landschaftsszenen anschauen, die sie als „schön“ oder „nicht schön“ werten sollten. Hierbei wurde parallel dazu die Gehirnaktivität mittels eines Magnetenzephalographen gemessen.

Die Ergebnisse zeigten einen wesentlichen Unterschied in der Gehirnaktivität. Während bei den weiblichen Probanden beide Gehirnhälften aktiv waren, war bei den männlichen Probanden nur jeweils der rechte Scheitellappen aktiv.

Damit unterstützt diese Studie das Ergebnis der Pennsylvanischen Forscher, die aufgrund der neuronalen Verschaltung im männlichen Gehirn eine neuronale Kommunikation innerhalb der Hemisphäre vorhergesagt haben. Und möglicherweise liegt fehlendes Multitasking, welches Männern nachgesagt wird, mit daran, dass bei ihnen durch die vorliegende neuronale Vernetzung meist nur eine der Gehirnhälften genutzt wird.

Allerdings darf sich durchaus die Frage gestellt werden, ob die Ausbildung der neuronalen Strukturen durch die Erziehung und typisch männliche beziehungsweise typisch weibliche Rollenmuster beeinflusst wird.

Einfluss der Erziehung auf das „Mannsein“

Die Ergebnisse der Pennsylvanischen Forscher zeigten eine Zunahme der unterschiedlichen neuronalen Vernetzung beider Geschlechter im Laufe des Alters. Die Unterschiede sind demnach nicht von Anfang an vorgegeben. Doch können sie durch Erziehung beeinflusst werden?

Laut einer gängigen Theorie des bekannten Psychologen Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge wird die Entwicklung des männlichen Gehirns bereits im Mutterleib festgelegt. So zeigte die Untersuchung von 58 schwangeren Frauen, dass die Kinder, die einem höheren Testosteronspiegel ausgesetzt waren, ein ausgeprägteres männliches Gehirn im Vergleich zu normalen Kindern. Als typisch männliches Gehirn gilt bei Baron-Cohen die Fähigkeit zum systematischen Denken, während sich das weibliche Gehirn durch die Fähigkeit zur Empathie auszeichnet.

Erlernte Rollenbilder könnten mit zu den zu den männertypischen Berufen führen. Fotolia.com, ©bramgino #69178990

Doch das Jungen- und Mädchentypische Verhalten kann auch durch die Erziehung mitbeeinflusst werden. So kann technisches Interesse auch bei Mädchen gefördert werden und Jungen zu mehr Aufmerksamkeit ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt gegenüber erzogen werden. Es gibt Hinweise die zeigen, dass typisches Konkurrenzverhalten beim Mann durch bestimmte Verhaltensmuster gestärkt werden können.

Eine Studie über die Auswirkung von geschlechtsspezifischen Verhaltensmuster auf die Testosteronausschüttung zeigt einen eindeutigen Zusammenhang zwischen beiden Faktoren. Konkurrenzverhalten sorgt für einen Anstieg des Testosteronspiegels. Bei Jungen wird das Konkurrenzverhalten eher akzeptiert und gefördert als bei Mädchen. Bei einer typisch weiblichen Erziehung von Männern, wäre demnach der Testosteronspiegel niedriger und das Gehirn möglicherweise frauenspezifischer ausgebildet. Andersherum könnte eine typisch männliche Erziehung von Frauen, bei diesen den Testosteron-Level erhöhen und zu einem eher männertypischem Gehirn führen.

Typische Männereigenschaften sind also nicht unbedingt alle von Anfang an angeboren, sondern werden auch durch Rollenbilder und Prägungen durch die Gesellschaft mitbeeinflusst. Ändert sich das Rollenbild des Mannes in einer Gesellschaft, ändert sich somit auch automatisch die Antwort auf die Frage, wann der Mann wirklich ein Mann ist.

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Erstellt:
8. September 2016, 09:38 Uhr
Aktualisiert:
8. September 2016, 09:38 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. September 2016, 09:38 Uhr

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