Hau und Holzwiese

Widerstandsgefühl geweckt

Christina Nuss, Sprecherin der Bürgerinitiative „Hau und Holzwiese“ spricht über das geplante Gewerbegebiet bei Ahldorf, die Kommunikation der Verwaltung und intelligentere Lösungen.

17.01.2018

Von Gerd Braun

Sträubt sich, Wälder und Flächen einfach nur so zur Ansiedelung von Gewerbe einzuebnen: Christina Nuss. Bilder: Kuball

Sträubt sich, Wälder und Flächen einfach nur so zur Ansiedelung von Gewerbe einzuebnen: Christina Nuss. Bilder: Kuball

Frau Nuss, hätten Sie vor ein paar Wochen damit gerechnet, Sprecherin einer Bürgerinitiative zu werden, die sich gegen die Abholzung eines Waldgebietes bei Ahldorf für ein Gewerbegebietes zur Wehr setzen muss?

Nein, sicher nicht. Vor ein paar Wochen hätte ich noch nicht einmal damit gerechnet, dass es eine solche Bürgerinitiative in Ahldorf geben würde.

Wie haben Sie von den Plänen der Stadtverwaltung erfahren?

Ich habe es aus der Zeitung erfahren. Der Artikel im November, in dem erstmals von dem Vorhaben, dort ein Gewerbegebiet anzusiedeln, zu lesen war, hat mich überrascht und erstaunt.

Wie kam es dann zu Ihrem Engagement in dieser Sache?

Ich bin von Haus aus nicht der Protestbürger, der immer gegen alles ist, und habe erst einmal abgewartet, mehrere Artikel verfolgt und dann einmal das Gespräch mit Herrn Göttler, unserem Ortsvorsteher, gesucht. Die Ortschaftsratssitzung, in der auch Bürgermeister Ralph Zimmermann vor Ort war, hat mich dazu gebracht, mal den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und meine Ahldorfer Mitbürger nach deren Ansicht zu fragen. Ein Signal für mich war das Bild des Schwerts, das Herr Rosenberger ins Spiel gebracht hat – nach dem Motto „Wir sind die Entscheider und entscheiden auch darüber, wie viel Bürgerbeteiligung wir zulassen“. Da stellte ich mir schon auch die Frage, ob unser Ortschaftsrat so gar keinen Einfluss mehr darauf hat. Und das hat bei mir so ein Widerstandpotenzial geweckt.

Was motiviert Sie persönlich, sich für den Erhalt der Flächen in ihrer jetzigen Form zu einzusetzen?

Ich komme ja selbst aus der Wirtschaft und habe eine gewisse Affinität dazu. Ich habe aber auch eine große Affinität zur Natur, setze mich auch schon seit 20 Jahren als Mitglied im WWF für die Artenvielfalt in der Welt ein. Ich möchte nicht die Ökologie geopfert sehen für Dinge, bei denen ich denke, dass es auch anderes gehen muss. Und es muss hier intelligentere Lösungen geben.

OB Rosenberger sagte vor Kurzem: „Wer intelligente Lösungen fordert, hat meist selbst keine bessere
Idee“ …

Ich muss sagen: Als ich das gelesen habe, war ich doch ziemlich enttäuscht von Herrn Rosenberger – das geht mir ein bisschen sehr nach dem Prinz „Ene-Mene-Mu“. Herr Rosenberger hat einen Stab an Mitarbeitern, und es ist seine Aufgabe, mit seinem Stab intelligente Lösungen für Horb und seine Bürger zu finden. Dafür wird er bezahlt. Diese Erwartungshaltung an ihn ist aus meiner Sicht auch berechtigt. Es gäbe hier verschiedene Ansätze, intelligente Lösungen zu eruieren. Mir war dieses Ene-Mene-Mu sehr einfach strukturiert. Auch in der Industrie sind inzwischen, wie ich meine zu Recht, intelligentere Lösungen gefordert. Für mich und den Arbeitskontext, aus dem
ich komme, war das auch sehr fatal, dass er das einfach so hat stehen lassen.

Was wäre stattdessen denkbar?

Aus meinem Arbeitskontext heraus würden wir sagen: Oh, mir schwant, es gibt Menschen, die sich gerne mit dem Thema auseinandersetzen würden. Dann rufe ich die mal herbei zu einem Meeting und schaue mal, wie viele Leute das sind. Und wenn das viele sind, dann mache ich mal ein Meeting plus Sachverständigen, Kompetenzträger aus verschiedenen Bereichen – Wald, Bauen, Geologie und wie auch immer; und dazu vielleicht auch innovative Unternehmer wie etwa die Firma Schmalz aus Glatten, die Innovationspreise bekommen für mehrgeschossige Produktion. Und dann schauen wir, welche innovativen und kreativen Lösungen wir so erarbeiten können. Ich hätte so etwas niemals so stehen lassen, und für diese einfach strukturierte Aussage war ich von unserem OB Rosenberger, gegen den ich persönlich nichts habe, sehr enttäuscht.

Insgesamt scheint der Widerstand nicht gerade gering zu sein. Wie viele Menschen sind denn in der Bürgerinitiative „Hau und Holzwiese“ engagiert?

Da kann ich nur sagen: Wir sind schon viele, und wir sind auch schon gut strukturiert. Und wir werden jeden Tag noch viel mehr. Die Leute melden sich freiwillig bei uns, da brauchten wir noch nicht einmal einen Aufruf zu machen.

Wie stufen Sie die Stimmung in Ahldorf dem Vorhaben gegenüber ein?

In den Versammlungen, in denen ich war, hatte ich den Eindruck, dass da Menschen zusammen waren, die prinzipiell interessiert sind. Ich hatte aber auch den Eindruck, dass 90 Prozent derer die Grundhaltung hatten, dass das nicht kommen darf. Auf die Ahldorfer Bevölkerung hochgerechnet, würde ich sagen, dass 80 Prozent das Gewerbegebiet nicht wollen. An dieser Stelle ist es mir auch wichtig, dass ich nicht gegen das Gewerbegebiet bin, sondern für den Erhalt
von Hau und Holzwiese. Das ist im übrigen auch der Ansatz, den die Bürgerinitiative im Grundsatz so verfolgt.

Bisher ist das Auftreten der BI nach außen hin auch nicht wirklich als aggressiv einzustufen.

Durchaus. Wir haben von Anfang an gesagt: Wir üben keinen Druck auf die Eigentümer von Flächen aus, vom Verkauf Abstand zu nehmen. Die Stadt hat ja die Ahldorfer mit ihrem Angebot ein bisschen gespalten in Menschen, die verkaufen wollen und Menschen, die nicht verkaufen wollen. Hier ist schon zu Beginn etwas Unmut aufgekommen – dieser Unmut kommt aber nicht von der BI. Wir haben von Beginn an gesagt: Wir sind für den Erhalt von Hau und Holzwiese, der Verkauf ist jedermanns gutes Recht.

Gibt es bei Ihnen auch Reaktionen aus den anderen Ortschaften der Stadt Horb?

Ja. Aus Mühlen kommen viele unterstützende Stimmen, aber auch aus Nordstetten und anderen Stadtteilen. Von Beginn an war unsere Haltung diese: Es geht nicht, dass wir um den Erhalt der Flächen in Ahldorf kämpfen, und uns ist es dann egal, ob sie woanders einen Wald abholzen. Nein, wir treten auch für eine im Grundsatz stimmige Lösung in dieser Angelegenheit ein. Es geht uns also nicht darum, die Ahldorfer Flächen zu bewahren mit der möglichen Konsequenz im Gegenzug, dass dann woanders im Stadtgebiet entsprechende Flächen versiegelt werden.

Die Bürgerinitiative ist mit ihrem gut positionierten Logo an mehreren Stellen im Ort sichtbar geworden, eine erste Aktion hat es auch schon gegeben. Wie empfanden Sie die Resonanz auf die Wanderung durchs Gebiet am 30. Dezember?

Sie hat mich überwältigt! Es war ja die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, und das Wetter war alles andere als einladend für einen Spaziergang. Ich hatte gedacht, dass da viele nicht aus dem Haus kommen. Für mich war die Resonanz hier auch ein Zeichen für weitere Aktionen.

Verraten Sie uns, was die Bürgerinitiative sonst noch als nächste Schritte geplant hat?

Nun, wir werden sicherlich noch die eine oder andere Aktivität an den Tag legen. Wichtig ist für uns im Grundsatz dabei, dass wir auf zwei Ebenen unterwegs sind. Das eine muss sein: Präsenz. Die Stadt und die Menschen müssen merken, dass das Thema so viele Menschen bewegt, dass man an denen nicht vorbeikommt. Wir haben einen Bürgerwillen, und den kann man nicht einfach überhören. Zum anderen ist es wichtig, uns Kompetenz zu verschaffen, mit Kompetenzträgern und Sachverständigen zu reden, um auch stichfest argumentieren zu können.

Am morgigen Donnerstag um 19.30 Uhr ist die öffentliche Ortschaftsratssitzung zu dem Thema in der Ahldorfer Mehrzweckhalle. Da sind Sie ja bestimmt auch vor Ort. Was erhoffen Sie sich davon?

Auf jeden Fall werde ich vor Ort sein. Ich hoffe, dass dort die
Menschen alle ihre Fragen stellen – und auch Antworten darauf bekommen.

Gab es denn schon ein direktes Treffen mit einem oder mehreren Vertretern der Stadtverwaltung, um die Diskrepanzen bei diesem Projekt zu besprechen?

Nein. Es kam bisher niemand auf uns zu.

Würden Sie als Vertreterin der BI ein solches Gesprächsangebot – auch mit dem Ziel eines etwaigen Kompromisses – annehmen?

Gesprächsbereit sind wir grundsätzlich. Der Begriff Kompromiss wäre für mich aber zwiespältig. Wenn dieser lauten würde: kleine Halle statt großer Halle, wäre das für mich nicht gangbar. Im Grundsatz ist es doch dann so: Wenn einmal etwas gebaut ist, dann liegt ein nächster Schritt – der einer Erweiterung – geradezu auf der Hand. Aber nochmal zur Kommunikation: Wir sind zu Gesprächen mit dem Horber Gemeinderat bereit.

Wäre es aus Ihrer Sicht theoretisch denkbar, die angedachte Fläche zu „opfern“, wenn dort viele neue Arbeitsplätze geschaffen würden?

Dieses Thema ist interessant. Abgesehen von der Frage, welche Arbeitsplätze da entstünden und natürlich wie viele, wollte ich den Ahldorfer Wald niemals geopfert sehen. Für mich hat Priorität, noch einmal ganz gezielt nachzusehen, ob wir in Horb nicht schon versiegelte Flächen haben, die wir nutzen könnten. Oder ob es andere Möglichkeiten gibt – Stichwort Schmalz und mehrgeschossige Produktionshallen. Für mich ist das Vorgehen nicht ganz durchdacht.

Wie empfinden Sie die Informationspolitik der Horber Stadtverwaltung bezüglich des gesamten Projekts?

Ich halte da jetzt mal Herrn Rosenberger zugute, dass er ja sehr krank gewesen zu sein scheint – was ein gewisses Stillschweigen in den vergangenen Wochen erklären würde. Abgesehen davon fand ich es angesichts der zahlreichen Leserbriefe sehr traurig für seine Wähler, dass er sich da nicht hat aus der Reserve locken lassen. Es hätte ja kein riesiges Statement sein müssen, aber ein Signal, dass er sie gehört hat. Ich habe den Eindruck, dass man noch schnell vor dem 18. Januar ein Statement an die Öffentlichkeit bringt. Aktuell zielt die Kommunikationspolitik der Stadtverwaltung nach meinem Eindruck eher auf Zeitgewinn. Ich aber glaube, dass Herr Rosenberger damit die Leute eher verärgert und sich selbst nichts Gutes tut.

Inzwischen kursiert ja nun ein neues Gerücht – nämlich dass die Gewerbefläche über die 25 Hektar hinaus noch deutlich größer werden könnte. Was halten Sie davon?

Ich kann zu diesem Gerücht, das auch mir bekannt ist, nichts Näheres sagen. Aber basierend auf der allgemeinen Informationspolitik würde es mich nicht überraschen. Persönlich weiß ich aber dazu nichts Näheres.

Christina Nuss ist Natur-affin und setzt sich für Artenvielfalt ein.

Christina Nuss ist Natur-affin und setzt sich für Artenvielfalt ein.

Zur Person

Christina Nuss, 56 Jahre alt, lebt seit sechs Jahren in Ahldorf und ist seit 4. Januar Sprecherin der Bürgerinitiative Hau und Holzwiese. Ab 1992 lebte die Wirtschaftsingenieurin in Mühlen, ist allgemein ehrenamtlich engagiert und war kommunalpolitisch als Mühlener Ortschaftsrätin aktiv. Die verheiratete Mutter einer Tochter coacht Führungskräfte des Daimler-Konzerns in den Bereichen Strategie, Kultur, Führung und Zusammenarbeit.

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Erstellt:
17.01.2018, 01:00 Uhr
Lesedauer: ca. 6min 13sec
zuletzt aktualisiert: 17.01.2018, 01:00 Uhr

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