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Wut auf Telekom: Beim Anblick von Magenta sieht Ihlingen rot
Ein dankbares Publikum konnte Telekom-Regionalmanager Bernhard Ginter (links) in Ihlingen nicht erwarten. Bild: Breitmaier
Breitbandausbau

Wut auf Telekom: Beim Anblick von Magenta sieht Ihlingen rot

Sie hatten Informationen über schnelles Internet erwartet. Sie bekamen eine Werbeveranstaltung. Die Telekom will aber nicht einmal die Hälfte der Ihlinger mit VDSL versorgen. Damit bricht das Unternehmen ein Versprechen.

16.11.2016
  • Benjamin Breitmaier

Es ist genau 19.39 Uhr, als der erste Ihlinger den Saal verlässt. Bernhard Ginter ignoriert ihn tapfer – den Mann, der wütend durch die Tür stürmt. Der Telekom-Regionalmanager versucht zu diesem Zeitpunkt immer noch, seine Präsentation durchzuziehen. Er ist an diesem Montagabend eigentlich für sein Standardprogramm nach Ihlingen gereist: Der Heilsbringer Telekom versorgt das Volk mit rasend schnellem Internet und liefert dazu noch eine hübsche Auswahl an Unterhaltungsprodukten, die erst durch den Ausbau zu VDSL möglich werden.

Ginter hat an diesem Abend aber eines nicht bedacht. Der gesamte Saal ist vollgepackt mit wütenden Ihlingern, die seine Produkte in Zukunft gar nicht nutzen können. Mit jedem weiteren Werbefilmchen über HD-Internet-Fernsehen sinkt die Stimmung im Saal, das Murmeln wird lauter, immer wieder Zwischenrufe. Keiner der Anwesenden ist gekommen, um über Produkte aufgeklärt zur werden. Im Raum steht eigentlich nur eine Frage: Warum bricht die Telekom ein Versprechen, das Anfang des Jahres gegeben wurde?

Start im Dezember – für einige

Zum Hintergrund: Es waren großartige Nachrichten. Anfang des Jahres erklärte die Deutsche Telekom, dass jeder mit der Vorwahl 07451 bis Ende des Jahres 2016 superschnelles Internet nutzen könnte. Darunter auch der Ort Ihlingen. Die Bürger jubelten, denn nicht nur Privatleute, sondern auch Kleingewerbetreibende leiden in Teilen von Ihlingen – hauptsächlich im Bereich der Vogelsangstraße und Im Hopfengarten – unter Bandbreiten, die oft nicht höher liegen als eineinhalb Megabit pro Sekunde.

Einer der Betroffenen ist Georg Theunissen. Es kracht in der Leitung, zuerst versteht man den Ihlinger nicht am Telefon. „Da war eine Webseite im Hintergrund offen“, erklärt er im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Es liegt etwas zynischer Humor in seiner Stimme. Die Telefonanlage arbeitet über das Netz. Seine Frau trifft das lahmende Internet in der Vogelsangstraße besonders hart. Sie leitet zwei kleine Unternehmen, die darauf angewiesen sind, große Datenmengen zu verschieben, Videokonferenzen zu halten, Bilddateien zu tauschen. In dem Bereich bietet die Telekom laut Theunissen magere eineinhalb Megabit Download-Geschwindigkeit an. Beim Hochladen von Dateien sieht es noch desaströser aus. Die Rate liegt weit unterhalb der Megabit-Grenze. Er greift mittlerweile auf eine Hybridlösung eines anderen Anbieters zurück, die auf eine Kombination mit LTE-Mobilfunk setzt – ein teurer Notnagel.

Das obere Dorf bleibt abgehängt

Bis zuletzt dachte Theunissen, dass nach der Telekom-Ankündigung im Februar alles besser wird. Auf Ginters Folien bei der Infoveranstaltung steht auch ein Datum: der 5. Dezember, da soll es mit dem schnellen Internet losgehen. Doch einen wichtigen Umstand verschweigt die Präsentation: Ihlingen hat zwei sogenannte Kabelverzweiger (KVZ), die für das VDSL umgerüstet werden müssen. An sie wird das Glasfaserkabel angeschlossen. Doch nur einer der KVZs wird angefahren. Der befindet sich in der Nähe der K4779, der Straße nach Rexingen. Der zweite, an der Kreuzung Toggenburgstraße/Im Hopfengarten, sitzt auf einer von Ginters Folien als alleingelassener schwarzer Punkt. Für Theunissen kam der Schock erst vor ein paar Wochen: „Anfang des Jahres wurde versprochen, Ihlingen wird ans Breitband angeschlossen. Darauf hatten wir alle gewartet.“ Doch aus „wirtschaftliche Gründen“, wie Bernhard Ginter sagt, bleibt der zweite KVZ ohne Glasfaserkabel. Das heißt: Etwa drei Viertel von Ihlingens 450 Einwohnern haben absolut nichts von den 100 Megabit Downloadrate oder 40 Megabit Upstream, die Ginter an diesem Montagabend anpreist.

„Vollkommen irrelevant“, ruft jemand aus dem Publikum. „Warum sollen wir etwas angucken, was wir gar nicht nutzen können?“, brüllt ein anderer. Ginter wird zusehends nervöser. Ein Mann steht auf – „Ich hab keine Zeit für so einen Mist“. Es ist 19.39 Uhr. Die Tür knallt. Georg Theunissen sitzt noch auf seinem Platz, doch auch er verlässt wenig später die Veranstaltung.

Um genau 19.43 Uhr zieht Ortsvorsteher Albrecht Dietz die Reißleine – Ende der Präsentation. Er stellt dem Publikum eine Frage: „Bei wem wird es kein schnelles Internet geben?“ Nur wenige Hände bleiben unten.

Dietz wusste genau, was er tat, als er von der Telekom eine eigene Info-Veranstaltung für Ihlingen gefordert hatte. Hätte die Telekom vor einer Mehrheit an glücklichen Rexingern und nur einigen unzufriedenen Ihlingern referiert, der Abend wäre wohl glimpflicher ausgegangen. Doch jetzt sieht sich Ginter einer Gruppe von Ihlingern gegenüber, die beim Anblick von Telekom-Magenta nur noch rot sehen. Allen voran der Ortsvorsteher: „Ich sage ihnen ehrlich, für mich ist das ein Schwabenstreich, eine völlige Verarschung.“ Er weiß, dass Ginter nicht verantwortlich für den Umgang der Telekom mit Ihlingen ist, er macht allerdings mehrmals klar, dass der Regionalmanager die Stimmung aus dem Saal zu seinen Vorgesetzten tragen soll.

Die Stadt Horb springt ein

Einer der Hoffnungsträger im Gemeindezentrum war Eckhardt Huber, Betriebsleiter der Horber Stadtwerke und verantwortlich für die Koordination des Breitbandausbaus. Er nahm bereits im Februar an einem Koordinierungsgespräch mit der Telekom teil, bei dem sich herausstellte, dass es die Telekom mit ihrem kurz zuvor gegebenen Versprechen „schnelles Internet für 07451“ nicht ganz so genau nimmt. Auf die Telekom hätte die Stadt Horb zwar keinen Einfluss, aber untätig war man nicht, erklärt Huber.

Erst am Montagmorgen hätte er mit dem Landesministerium für Ländlichen Raum telefoniert. Horb hatte Förderung für seinen Breitbandausbau beantragt. Huber ist guter Dinge, dass der zweite Verzweiger in Ihlingen durch die Stadt selbst angefahren werden kann. Im Sommer des kommenden Jahres sei eine Straßenbaumaßnahme geplant, bei der direkt ein Leerrohr für Glasfaserkabel mit eingezogen werden könnte. Parallel würde per Ausschreibung ein Betreiber gesucht. Heißt im Endeffekt für den abgehängten Teil von Ihlingen: Im schlechtesten Fall müssen die Bürger noch ein weiteres Jahr warten. Glücklich sind die Anwesenden mit der Aussage von Huber auch nicht: „Wir sind doch schon in der Steinzeit, und jetzt müssen wir nochmal ein Jahr warten“ – es ist der letzte Zwischenruf. Die Veranstaltung geht um 20.17 Uhr zu Ende.

Von den Werbematerialien auf den Tischen bleiben die meisten unberührt. Sich Dinge anzusehen, die niemand hier verwenden kann, ergibt wahrscheinlich für die wenigsten hier Sinn.

Hier wird es ab dem 5. Dezember schneller

Burghalde (bis Nummer 25)

Dettinger Straße (bis Nummer 39)

Neckartalblick

Ulrich-Faißt-Straße

Osterglockenweg

Rexinger Straße

Toggenburgstraße (bis Nummer 30)

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16.11.2016, 01:00 Uhr

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