Zufälle gibt es nicht

Wolfgang Renner hat als einer der ersten Biker die Alpen überquert und hat das Mountainbike nach Deutschland gebracht. Es gibt keinen Kontinent, auf dem der heute 75-Jährige noch nicht war, er durchquerte mit dem Rad den Himalaya und war in Tibet. 1976 etablierte er die Fahrradmarke Centurion in Magstadt und hat bis zum 50-jährigen Firmenjubiläum in drei Jahren noch einiges vor.

15.03.2023

Von Simone Maier

Wolfgang Renner (re.) im Sommer 1987 am Mont Chaberton in Frankreich. Bild:Unternehmen

Wolfgang Renner (re.) im Sommer 1987 am Mont Chaberton in Frankreich. Bild:Unternehmen

Ein Autounfall mit seinem ersten Porsche war für Wolfgang Renner der Wendepunkt in seiner Karriere. An jenem Mittwoch im Mai 1971 flog er mit 200 Sachen von der Solitude Strecke in Stuttgart ab und krachte in die Alleenbäume. Der Beckenriss hinterließ unerträgliche Schmerzen: Das Ende seiner Karriere als Profi-Radfahrer war damit besiegelt.

„Wäre der Unfall nicht gewesen, wäre die heutige Firma nicht“, so ein nachdenklicher Renner. Denn mit 21 wurde er zum ersten Mal Deutscher Meister im QuerfeldeinRadsport. In den Folgejahren wiederholte er dieses Kunststück noch zwei Mal. Er sammelte Titel und Medaillen und dann geschah der Unfall. Doch die Liebe zum Radsport blieb. Er schrieb für die ersten Ausgaben des TOUR-Magazins – die erste Ausgabe mit Didi Thurau im gelben Trikot auf dem Titel liegt auf seinem Schreibtisch – und hat die erste Deutsche Mountainbike-Meisterschaft organisiert.

Initialzündung im Karwendel-Gebirge

Im Sommer 1976 kommt ihm ein tollkühner Plan in den Kopf: mit dem Cross-Rad durchs Karwendel-Gebirge zu fahren. Bergsteiger, Wanderer und Bauern starrten ihn an wie einen Außerirdischen mit seinem Rennrad. Denn alle anderen hatten Rücktritträder. „Alte, schwere Böcke“, erinnert sich Renner. Auch ihm war drei Platten später klar: Du brauchst ein Rad mit dickeren Reifen. So beginnt 1976 die Geschichte von Centurion. Er bereichert den Markt mit hochwertigen Rennrad-Rahmen der Marke Centurion. Bestückt mit Komponenten aus Japan. „Damals revolutionär“, lacht Renner. Denn die gab's vorwiegend nur aus Frankreich und Italien.

Dann kam der BMX-Hype und er holte Ende der 70er Jahre den BMX (Bicycle Moto-Cross)-Sport nach Deutschland. „Die Art, spielerisch Radfahren zu lernen, hat mich fasziniert“, grinst Renner. Und BMX elektrisiert Deutschland. Er hält Vorträge, baut Bahnen, organisiert Rennen und wird sogar BMX-Fachwart. Noch heute hält sich der BMX-Trend. Oder vielleicht auch wieder.

Anfang der 80er-Jahre war Renner vom Gedanken getrieben, dass Deutschland durchaus reif für eine neue Generation Rad sein könnte, die wirklich was fürs Gelände sei. Gesagt, getan. Er flog zur Messe in Long Beach/USA, das, was heute die Eurobike-Messe ist. Aber diese Ami-Bikes waren nicht die Lösung für ihn. Maße und Winkel stimmten einfach nicht. „Das waren üble Mühlen“, so Renner. Kurzerhand zeichnete er selbst eine Geometrie auf ein Blatt Papier und sagte danach in der Firma: „Macht mal“. Wichtig war ihm von Anfang an, dass man mit dem Bike die Berge nicht nur runter, sondern eben auch hoch fahren konnte.

Bike des Jahres

Pünktlich zur Messe in Köln 1982 traf das Rad ein. Und ein neuer Rad-Typus war geboren. Eben fürs Karwendel. Und so kam der Erfolg: 1982 ging das Modell „Country“ in Grün mit 300 Stück in Serie. Das erste deutsche Mountainbike. Zwei Jahre später dann das erste Trekkingrad. Aber davor beweist Renner schon ein feines Gespür für Trends. Es ging steil bergauf in den 90er-Jahren. 1996 wurde das Erfolgsmodell No Pogo zum Bike des Jahres gekürt. Für Renner ist das No Pogo „der Durchbruch auf dem Markt der vollgefederten Bikes“, für Kenner der Branche ist es ein Meilenstein bei Fullys. No Pogo wird Gattungsname wie Tesa und Tempo. „Was können wir da noch oben draufsetzen“, fragte sich damals ein erfolgshungriger Wolfgang Renner. Die Lösung schien Thermoshape zu heißen.

Talfahrt mit Thermoshape

Leichter, stabiler, frei formbar: Das schien die neue Wunderformel des Thermoshape-Verfahrens zu sein, auf das Renner setzte. Die Rahmenteile sollten aus einer Art Carbon-Guss gefertigt werden. Die Magstädter arbeiteten dabei eng mit dem Fraunhofer Institut zusammen. Doch der Schock kam bei der ersten Probefahrt: „Der Rahmen war butterweich, es gab keine Prozesssicherheit. Und wir hatten keinen Plan B“, sagt Renner. Und obwohl er das Projekt sofort stoppt, sind bereits sechs Millionen Mark versenkt. „Es hätte fast den Ruin bedeutet. Jetzt brauchte ich die Banken und meine Mitarbeiter. Alle haben sie zu mir gehalten. Die meisten sind heute noch da“, strahlt Renner. Dennoch war es ein herber Schlag für den schwäbischen Geschäftsmann.

Dann im Jahr 2000 das Joint Venture mit Merida, Taiwans zweitgrößtem Fahrrad-Produzenten. Eine verlässliche Fertigung musste her und Geld verdient werden. „In dieser Zeit habe ich zehn Jahre keinen Urlaub gemacht und auch kein Auto gehabt. Manchmal hab ich mir den Passat meines Prokuristen ausgeliehen“, schmunzelt Renner heute. Der Plan ging auf, im Joint Venture wurden viele Verkaufsschlager entwickelt. Nach der Eurobike 2010 und 2011 war klar: Ein E-Mountainbike muss her. Die Nachfrage schien riesig. Gesagt, getan: Im Folgejahr steht Centurions erstes frontgefedertes E-MTB am Start. Im Jahre 2016 gingen rund 70 Prozent der Unternehmens-Energie in E-Bikes. Dafür mussten klassische Rennräder aus dem Programm genommen werden, was der Ex-Radrennfahrer ein wenig bedauerte. Doch mit „E“ geht bei den Magstädtern die Post ab, die Palette an unterschiedlichsten Modellen wächst. Ein weiterer Coup: ein Mountainbike mit tiefem Einstieg. Ein Kumpel von Renner, der in den Jahren etwas aus dem Leim gegangen war, kam nicht auf den normalen Sattel. Für ihn jedoch, das wusste Renner ganz sicher, wäre ein E-Mountainbike genau das Richtige. Und wieder einmal hieß es in Magstadt: gesagt, getan. Sein Team musste der visionäre Chef zwar erst überzeugen, aber es machte sich bezahlt: Das MTB-Tiefeinsteiger wird zum absoluten Überflieger. 2018 rannten sie Renner die Bude ein. Und alle machten es ihm nach. Heute gibt es kaum noch eine Marke, die nicht ein, zwei Modelle in dieser Art anbietet. Bei ihm und dem Thema E-Bike hat es auf dem Weg zu Reinhold Messmer „Klick“ gemacht. „Ich war ihn mal ohne E-Bike besuchen und dann nochmal mit E“, sagt er und lacht. „Was ich da plötzlich alles gesehen habe und fotografieren konnte – genial“, freut sich Renner, der selbst ein großer Freund und Kenner der 3D-Fotografie ist.

Der Chef protokolliert

Wolfgang Renner lehnt sich nicht oft, aber dann doch am Ende unseres Gesprächs entspannt zurück und denkt darüber nach, was er noch erreichen möchte. „Einmal möchte ich noch in Magstadt bauen“, sinniert er. Die Firma verteilt sich mittlerweile auf vier Gebäude. „Das ist auch nicht gut für unser Betriebsklima. Ich hätte gerne alles beisammen.“ Renner ist ein Team-Player, so auch jeden Montagmorgen in der Teamsitzung, wenn der Chef höchstpersönlich das Protokoll schreibt.

Wenn Wolfgang Renner nicht auf dem Radsattel sitzt, dann schwebt er hoch oben in den Lüften. Fliegen ist das andere Hobby, das er liebt. Rund 80 Flugstunden schafft er im Jahr. Und auch hier kommt ihm eins zugute: „Angst habe ich noch nie gekannt. Nur Respekt“, weiß er und sagt verschmitzt: „Ich verfliege meine Rente.“

Legenden unter sich. In der oberen Reihe sitzen von links nach rechts: Wolfgang Renner, Eddy Merckx und Walter Röhrl. Mit Freunden waren sie auf gemeinsamer Ausfahrt in Italien. Bild:Unternehmen

Legenden unter sich. In der oberen Reihe sitzen von links nach rechts: Wolfgang Renner, Eddy Merckx und Walter Röhrl. Mit Freunden waren sie auf gemeinsamer Ausfahrt in Italien. Bild:Unternehmen

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Erstellt:
15.03.2023, 17:00 Uhr
Lesedauer: ca. 4min 26sec
zuletzt aktualisiert: 15.03.2023, 17:00 Uhr

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