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Zum Dank gibt’s immer
eine Schüssel syrisches Essen
Mitglieder des Freundeskreises singen bei einem Begegnungsfest im Bürgerhaus. Bild: Gresch
Engagement

Zum Dank gibt’s immer eine Schüssel syrisches Essen

Seit einem halben Jahr kümmert sich der Freundeskreis Asyl Neustetten um etwa 60 Flüchtlinge. Bürgermeister Gunter Schmid: „Leise und problemlos“.

10.12.2016
  • Michael Hahn

Neustetten wächst. Durch Geburten, aber vor allem durch Zuzüge. Heute wohnen in den drei Ortsteilen fast 100 Menschen mehr als noch vor einem Jahr. Überall wird gebaut, vor allem im Gebiet „In den Gärten“ am östlichen Ortsrand von Remmingsheim.

Aber auch in den alten Dorfkernen tut sich was. Manche Leute renovieren die alten Wohnhäuser ihrer Eltern oder Großeltern. Und andere sind zugezogen, weil sie vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind. Oder aus Afghanistan. Oder aus Serbien. Etwa 60 Flüchtlinge aus diesen drei Ländern wohnen derzeit in der 3600-Einwohner-Gemeinde.

Um ihnen das Einleben zu erleichtern, hat sich im vergangenen April der „Freundeskreis Asyl Neustetten“ gebildet. Knapp 20 Leute aus allen drei Ortsteilen sind aktiv dabei, weitere 20 lassen sich per E-Mail-Verteiler informieren. Die Gruppe trifft sich ein Mal im Monat im Remmingsheimer Bürgerhaus. Die Altersspanne reicht von 18 bis 81. Manche kannten sich schon untereinander, andere kamen ganz neu dazu.

Koordiniert wird der Arbeitskreis von Ramona Gresch. Die 58-Jährige hat schon viele Projekte angestoßen. Unter anderem leitete sie lange Jahre den Neustetter Verein „Forum Kinder in Not“. Auch beruflich war die Ethnologin weltweit schon viel unterwegs.

Zum Jobcenter begleiten

Auch Günther Gutschick ist schon viel herum gekommen. Der frühere Professor an der Rottenburger Forsthochschule war auch 14 Jahre lang als Entwicklungshelfer tätig, unter anderem in Latakia, an der syrischen Mittelmeerküste. Aus dieser Zeit kennt er noch einige Brocken Arabisch.

Das kommt dem 81-Jährigen jetzt zugute. Gemeinsam mit seiner Frau betreut er eine syrische Familie. Der Vater macht derzeit ein Praktikum in einer Reutlinger Schreinerei. Eine reguläre Ausbildung soll sich anschließen. „Das ist wunderbar“, freut sich Gutschick mit.

Mit dem Tübinger Jobcenter hat der Pensionär gute Erfahrungen gemacht, als er seinen syrischen Bekannten bei der Arbeitssuche begleitete. „Es ist prima, wie die im Jobcenter sich einsetzen und pragmatische Lösungen suchen.“ Der Sachbearbeiter sei froh, „dass ich mich einschalte“. Für so eine Fahrt nach Tübingen ist allerdings auch „schnell mal ein Vormittag weg“, sagt der Pensionär.

Konto-Auszüge erklären

Weniger Auslandserfahrung hat Eveline Brinsky, 65. Die ehemalige Krankenschwester betreut eine syrische Familie „mit anderthalb Kindern“, sagt sie – die Frau ist zum zweiten Mal schwanger. Der Vater besucht in Rottenburg einen Deutschkurs, die Mutter ist überwiegend zu Hause.

Die beiden Frauen verständigen sich teilweise mit Händen und Füßen, oder mit Landkarten und Fotos. „Zahlen schreibe ich immer auf“, sagt Brinsky. So kann sie der syrischen Familie sogar die Konto-Auszüge erklären. Und: „Die Frauen-Themen haben wir schon alle durch.“ Trotz Sprachbarriere.

Den Kontakt mit den neuen Nachbarn findet die 65-Jährige „sehr bereichernd“. Sie lernt bisher unbekannte Welten kennen. Aus dem Vergleich mit Syrien ergeben sich auch Fragen an die eigene, vertraute Lebensweise. Zum Beispiel: „Warum haben die Deutschen so wenig Kinder?“ Mit ihrem Asyl-Engagement will die Remmingsheimerin „ein Stück zum Frieden in der Welt beitragen“.

Nach den gemeinsamen Spaziergängen wird sie oft eingeladen: „Komm doch noch mit hoch“, zum Essen und Teetrinken. Meist lehnt Brinsky ab, weil sie auch eine gewisse Distanz wahren und „ihre“ Familie nicht bemuttern will. „Die bemühen sich, erst mal alles selber zu regeln.“

Auch Gutschicks Bekannte zeigen ihre Dankbarkeit durch den Magen: Nach jeder Hilfeleistung bringe ihm die Familie „eine Schüssel syrisches Essen vorbei“. Sein Engagement betrachtet der 81-Jährige als Selbstverständlichkeit: „Wir waren früher selbst Flüchtlinge.“ Als Neunjähriger musste er das damalige Sudetenland verlassen.

Deutschunterricht für Kinder

Das aufwändigste Projekt des Freundeskreises ist der regelmäßige Deutsch-Unterricht für Flüchtlingskinder. Denn die örtliche Grundschule ist zu klein, als dass sie eine offizielle „Internationale Vorbereitungsklasse“ einrichten könnte. An größeren Schulen (beispielsweise an der Rottenburger Hohenbergschule) gehen Flüchtlingskinder in solche Klassen, bis sie sprachlich fit genug sind für den regulären Unterricht.

In Remmingsheim springen stattdessen drei examinierte Sprachlehrerinnen und weitere Frauen ein – alle ehrenamtlich. An drei Nachmittagen in der Woche unterrichten sie im Bürgerhaus insgesamt neun Kinder.

Gebraucht werden aber auch einmalige Hilfeleistungen. Hier mal Möbel oder Haushaltswaren besorgen, dort mal ein Fahrdienst, hier mal mit zum Arzt gehen, dort mal ein Formular erklären.

Fast täglich eine Rundmail

Und irgend jemand muss das auch alles koordinieren. „Das läuft alles bei Ramona (Gresch) zusammen“, sagt Eveline Brinsky. Fast täglich verschickt Gresch Mails mit den neuesten Informationen an Mitglieder des Freundeskreises. Und sie recherchiert. „Krankenkasse, Landratsamt, Jobcenter: Da muss ich mich oft auch erst schlau machen“, sagt die 58-Jährige.

Zudem dient Gresch als Ansprechpartnerin für Landratsamt und Rathaus. Die Gemeinde verwaltet einen Spendentopf und stellt dem Freundeskreis die Räumlichkeiten zur Verfügung. Und die ehrenamtlichen Helfer/innen sind während ihres Engagements über die Gemeinde versichert.

Bürgermeister Gunter Schmid ist voll des Lobes. Ohne die ehrenamtliche Betreuung würde die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge in Neustetten nicht funktionieren, sagt er. „Es läuft still und leise und problemlos.“

Aufnahme in Pflegefamilien

Kritik oder gar Anfeindungen sind den Freundeskreis-Aktiven noch nie zu Ohren gekommen. Gutschick hat früher in Neustetten häufig „etwas gegen Ausländer gehört“, sagt er. „Aber jetzt ist Ruhe.“ Und Gresch betont: „Wir kriegen keinen Gegenwind.“

Das könnte auch daran liegen, dass in Neustetten fast nur Familien untergekommen sind, sowie einige Jugendliche, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind und jetzt in Pflegefamilien leben. „Ein Wohnheim für junge Männer wäre vielleicht nicht so einfach für Neustetten gewesen“, vermutet Gresch.

Auch umgekehrt sei eine kleine Gemeinde vielleicht gar nicht so schlecht für die Flüchtlinge. Die meisten waren zuvor in Tübingen in der Kreissporthalle oder in der Shedhalle einquartiert. In Neustetten konnten sie endlich in eine eigene Wohnung oder gar ein Haus ziehen. Allerdings sind Sprachkurse und Arbeitsmöglichkeiten nun weiter entfernt. Doch das wird möglicherweise durch die Nachbarschaftshilfe im Dorf wett gemacht.

Gresch verweist auf die türkisch-stämmigen Neustetter/innen. Auch die Integration der früheren Gastarbeiter/innen sei im Stäble gut gelungen, findet sie. „Es gibt schon eine große Chance, hier gut zu leben.“

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10.12.2016, 01:00 Uhr

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