Kreis Freudenstadt · Kultur

Zwei Musiker, zwei Geigen und ein Tandem

Das Schömberger Geigerehepaar Iris und Thomas Gerlinger vereint auf seiner Konzerttournee das Gedenken an die Opfer des Holocausts und von Gewalt allgemein mit einer umweltfreundlichen Anreise.

19.04.2023

Von Dunja Bernhard

Iris und Thomas Gerlinger reisen bei ihrer Tandem-Tournee mit dem Rad an. Die Instrumente sind im Rucksack verstaut. Privatbilder

Iris und Thomas Gerlinger reisen bei ihrer Tandem-Tournee mit dem Rad an. Die Instrumente sind im Rucksack verstaut. Privatbilder

Als Duo Tomaris treten Iris und Thomas Gerlinger am Freitag in der Petruskirche in Baiersbronn-Heselbach auf. Wir sprachen vorab mit dem 54-jährigen Violinisten über Kulturförderung nach Corona, seinen musikalischen Protest gegen den Braunkohleabbau in Lützerath, über ein eigens für die Tandem-Tournee komponiertes Stück und darüber, warum ihn das Schicksal der Kinder des KZ Theresienstadt so tief berührt.

NECKAR-CHRONIK: Wie kommen zwei Musiker, die mit Orchestern durch die Welt reisen, auf die Idee, für einige Wochen im Jahr mit ihren Instrumenten auf einem Tandem mit Anhänger unterwegs zu sein?

Thomas Gerlinger: Die Idee ist aus dem Impuls des Neustart-Kulturprogramms geboren, das die Bundesregierung aufgelegt hat nach diesen schwierigen Coronajahren. Wir sind da wirklich dankbar, das wir einerseits dank Staatshilfe und jetzt im Nachgang mithilfe dieser Förderung unser Kulturschaffen nicht nur fortbestehen lassen können, sondern, so wie es auch das Anliegen dieses Förderprogramm war, in eine neue Richtung lenken können. Durch dieses Förderprogramm ist überhaupt erst möglich geworden, wovon ich seit Jahrzehnten träume: Dass wir diese besonderen, vom Publikum sehr persönlich und herzlich aufgenommenen Auftritte unseres kleinen Ensembles ausweiten können. Und wir uns dazu noch in die Natur begeben können, wandernd oder radelnd, uns entschleunigt bewegen, das ist auch etwas, das uns ganz nahe liegt.

Das müssen Sie erklären.

Als ich in der Ausschreibung für die Bewerbung las, dass es Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit zu bedenken gebe, da war für mich sofort klar, dass unsere zwei Anliegen zusammenkommen können. Uns naturnah durch die Welt zu bewegen und im Zuge dieser Reise Konzerte zu geben, die auf der persönlichen Begegnung mit den Menschen fußen. Das ist mein wichtigstes Anliegen: Dass ich nicht eine Kunst präsentiere für Menschen, die dann mehr oder weniger Beifall zollen, sondern dass ich eine Begegnung herbeiführe mit Menschen und sie anteilnehmen lasse an dem, was mich bewegt.

Welches Zeichen möchten Sie mit der Tandem-Tournee setzen?

Ich möchte nicht so weit gehen, dass ich sagen würde, wir möchten ein Zeichen setzen. Ich freue mich an jedem, der das sieht und gut findet. Trotzdem ist natürlich der Umweltschutzgedanke einer, mit dem ich von klein auf befasst war. Ich bin in einem Lehrerhaushalt groß geworden. Mein Vater war sehr engagiert in der Umwelt- und Friedensbewegung. Ich habe versucht bei Demonstrationen Stellung zu beziehen. Unsere jahrelange Freundschaft und musikalische Zusammenarbeit mit Enoch zu Guttenberg, der den BUND mitbegründet hat, spielt sicherlich auch eine Rolle.

Anfang des Jahres waren Sie...

Im Januar, als Lützerath geräumt wurde, habe ich mit einem Musikerkollegen zusammen versucht, mich friedlich und musikalisch den Kohlebaggern in den Weg zu stellen. Das war zwar nicht unmittelbar von Erfolg gekrönt, aber da habe ich versucht, ein Zeichen zu setzen. Ich als Kulturschaffender muss sozusagen meine Stimme erheben, wenn wir umweltpolitisch so einen Unfug machen, wie diesen eigentlich schon seit Jahrzehnten ausrangiert gehörenden Braunkohleabbau nicht endlich zu beenden. Ein demonstrativer Umweltfreund bin ich schon.

Haben Sie bei Wind und Wetter keine Angst um Violine und Viola?

Das ist eine naheliegende Frage. Da uns unsere Instrumente am Herzen liegen, haben wir uns viele Gedanken im Vorfeld der Tournee gemacht. Letztendlich haben wir als gute Lösung gefunden: In einem guten Wanderrucksack im Doppel-Etui für Geige und Bratsche und mit einem soliden Regenüberzug. Auf dem Rücken sind die Instrumente gegen Erschütterungen geschützt. Bei Sonne legen wir ein weißes T-Shirt drüber, damit sie nicht zu heiß werden. Das sind Dinge, die uns als lebenslange Instrumentalisten am Herzen liegen.

In Ihrem Konzertprogramm führen Sie Kammermusikstücke von im Dritten Reich verfemten, verfolgten und ermordeten Komponisten auf. Was hat Sie zu diesem Schritt veranlasst?

Dass hat viel mit meiner persönlichen Lebensgeschichte zu tun. Wir sind von klein auf im Elternhaus sehr bewusst an dieses wirklich dunkelste und traurigste Kapitel der deutschen Geschichte herangeführt worden. Ich habe eine Menge Bücher gelesen von Zeitzeugen, von betroffenen Menschen, die ja meistens Juden waren. Das hat mich persönlich tief getroffen. Wenn ich irgendwie einen Beitrag leisten kann, dass wir eine gute Kultur der Erinnerung schaffen, wo wir wirklich uns einfühlen und uns klar wird, was da geschehen ist und wie sehr wir uns alle, alle dafür einsetzen sollen und wollen, dass das nie wieder geschieht, will ich das tun. Und in der heutigen Zeit, wo wir Grausamkeit an jeder Ecke erleben, ist mir das ein großes Anliegen.

Natürlich bewegt mich auch die Frage, und das wird sicher in den kommenden Jahren im Rahmen unserer Tandemtournee ein Thema sein, wie gehen wir mit dem Ukrainekonflikt um, was sagen wir zu den Geschehnissen in Syrien und in anderen Teilen der Welt, wo ungerechte Kriege geführt werden, wo Gewaltherrschaft immer noch Menschen quält und knechtet. So ist ja unser Projekt einerseits den Kindern von Theresienstadt gewidmet, aber auch wirklich allen Opfern von Gewalt zu allen Zeiten.

Als die Frage aufkam, was wir jetzt sinnvoll in der Welt tun können, als uns plötzlich über diese Förderung die Möglichkeit gegeben wurde, war für mich unmittelbar klar, das ich versuchen will, Menschen Gehör zu verschaffen, an ihr Schicksal zu erinnern im Rahmen einer solchen Konzertreise.

Iris und Thomas Gerlinger verbindet nicht nur die Musik. Das Ehepaar zog vier Kinder groß und lebt seit 22 Jahren in Schömberg.

Iris und Thomas Gerlinger verbindet nicht nur die Musik. Das Ehepaar zog vier Kinder groß und lebt seit 22 Jahren in Schömberg.

Was drückt das eigens für Ihr Ensemble komponierte „Lamento“ von Tamara Ibragimova aus?

Dass Tamara Ibragimova uns das dreisätzige “Lamento“ komponiert hat, geschah auf meine Bitte hin. Das Stück in drei Sätzen ist eine große Trauermusik, die dem Thema irgendwie gerecht wird, aber auch den Blick öffnen soll in eine bessere Zukunft – oder vernünftigerweise in eine bessere Gegenwart. Es kommt ja mehr darauf an, was wir jetzt tun, als was wir in zehn Jahren vorhaben.

Die Bezeichnungen der drei Sätzen „Dolore“, „Apocalisse“, „Catarsi“ sind an sich schon Inhaltsangaben. Da ist der erste Satz, der sehr tief den Schmerz über die Gräueltaten des Naziregimes und darüber hinaus über das Unrecht in der Welt zum Ausdruck bringt. Die Katastrophe, den Hass, die Zerstörung, alles, was apocalyptisch ist – für viele Menschen auf der Welt hat die Apocalysse längst stattgefunden in Form von Kriegen und Naturkatastrophen –, das ist der zweite Satz. Eine Musik, die jetzt in diese Zeit gehört. Der dritte Satz öffnet den Blick auf das, was kommen kann, wenn wir mitfühlen. Eine Klärung, eine Reinigung.

In dem Zusammenhang will ich kurz erwähnen, dass ich das Glück hatte, als Orchesteraushilfe mit der Baden-Badener Philharmonie an der Parsifalaufführung in Dornach beteiligt zu sein. Dieser zentrale Satz „Durch Mitleid wissend“, der hat für mich das Hauptmotiv dieser Parsifalerzählung dargestellt. Da fließt für mich gerade alles so in eins. Das ist tatsächlich das Anliegen, das ich habe, dass ich an altes Leid und alten Schmerz erinnere, um die Herzen zu öffnen und die Menschen zu berühren, damit wir es schaffen, gemeinsam wirklich einen Wandel zu vollziehen.

Frau Ibragimova ist Russin. Gab es nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine Vorbehalte gegen das von einer Russin komponierte Stück bei Ihren Aufführungen?

Tamara Ibragimova hat russische Vorfahren, stammt aus Aserbaidschan und lebt seit 30Jahren im Raum Heidelberg. Damit ist die Frage schon fast beantwortet. Wie sollte ich Bedenken haben gegen eine Frau russischer Herkunft, die Musikerin und Weltbürgerin und fühlende Mitmenschin ist, nur weil da ein ganz offensichtlich ungerechter Krieg von Russland gehen die Ukraine geführt wird. Wie könnte ich mich als Deutscher hinstellen und über jüdische Schicksale erzählen, wenn nicht die Menschlichkeit mehr zählte als nationale Zugehörigkeit.

Sie widmen Ihre Konzerte den Kindern vom KZ Theresienstadt. Was verbindet Sie mit ihnen?

Jeder Vater, jede Mutter, glaube ich, wenn er oder sie sich mit der damaligen Zeit befasst, wird am tiefsten verletzt, fühlt den Schmerz am intensivsten, wenn es um die Kinder geht. Bei meiner Suche nach Menschen, die Musik geschrieben haben unter diesen damaligen unsäglichen Umständen – wie Zikmund Schul, der 1943 sein Duo für Geige und Bratsche in Theresienstadt komponiert hat –, bin ich auf Ilse Weber gestoßen, die in Theresienstadt gelebt und als Kinderkrankenschwester gearbeitet hat. Als 1944 auch die Kinder nach Auschwitz deportiert wurden, ging sie auf diesen Transport freiwillig mit als Begleitung. Ilse Weber und die Kinder überlebten den ersten Tag nicht. Das hat mich so tief angerührt, dass es in einer Augenblickseingebung dann über diesem Projekt, das natürlich ein Findungsprozess über Wochen war, drüberstand. Da gehen mir jetzt die Worte aus ...

Was erwartet die Besucher der Petruskirche in Heselbach?

Ein gut einstündiges Programm, das im wesentlichen aus phantastischer, großartiger Musik besteht. In das die Gedichte von Ilse Weber einfließen als wirklich tiefer Denkanstoß. In das ich einen kurzen Einblick in das Schicksal des jeweiligen Komponisten einfließen lasse und in dem ich einige Erläuterungen zu dem Werk von Tamara Ibragimova gebe.

Mir ist wichtig zu sagen, dass es kein tränenschwerer Abend wird, an dem wir verzweifeln über das Unrecht. Die Musik ist zum Teil übermütig und fröhlich. Der Abend wird musikalisch lebendig und vielfarbig. Aber er wird natürlich auch bewegend sein. Das ist unser Anliegen.

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Erstellt:
19.04.2023, 01:00 Uhr
Lesedauer: ca. 5min 54sec
zuletzt aktualisiert: 19.04.2023, 01:00 Uhr

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