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Gastronomie

Das „Schiff“ steuert zu neuen Ufern

Die Wirtsleute Blandina und Franz Geßler waren für die Horber jahrzehntelang eine Institution. Doch Legenden können sich auch verändern: Das Gasthaus ist seit Jahresbeginn nun ein Hotel Garni.

10.01.2019

Von Dagmar Stepper

Das „Schiff“ ist für die Horber ein Heimathafen. Das Traditionsgasthaus am Marktplatz wird bereits in der 18. Generation von der Familie Geßler betrieben. Beliebt ist das Schiff bei Reisenden als Familienhotel, bei den Einheimischen als ein Ort, wo man zusammenkommt. Das Wirtsehepaar Franz (74) und Blandina (69) Geßler ist eine Institution in Horb. Die beiden haben sich nach reiflicher Überlegung zum Jahresende zu neuen Ufern aufgemacht und geben dem „Schiff“ eine neue Richtung: Es wird ein Hotel Garni, sprich ein familiengeführtes Hotel mit Frühstück und Getränken – und ohne Restaurant.

Das „Schiff“ ist eine der ältesten Tavernen von Horb, das vermerkte die vorderösterreichische Regierung bereits im Jahr 1785. Tatsächlich bestätigt der Fund eines bemalten Segels aus Blech aus der Zeit des großen Horber Stadtbrandes von 1725 diese Altersangabe. Das „Schiff“ wurde damals bis auf das Erdgeschoss zerstört. Das Schild beweist, dass das Gasthaus bereits vor 1725 zu den Schilderwirtschaften gehörte, die Essen ausgeben durfte.

Das „Schiff“ zeugt auch heute noch von der fast 300-jährigen Familientradition. Der Schrankraum kündet von Franz Geßlers Vorfahren, der große Stammbaum lässt sich Jahrhunderte zurückverfolgen. Franz sitzt mit seiner Frau Blandina am Stammtisch, der nun verwaist ist. Hier hat Franz sich oft abends mit einem Viertele zu den Gästen gesetzt. Beim Plaudern und Diskutieren hat er immer viel über Horb und die Welt erfahren. Blandina mochte den Trubel auch: „Wir hatten immer Unterhaltung und Kurzweil im Haus.“ Jetzt im neuen Jahr wird es ruhiger, wenn nur noch die Übernachtungsgäste in den Gastraum kommen, aber Geschäft haben die beiden mit den neun Zimmern noch genügend. Das Hotel ist immer gut ausgelastet mit Reisenden aus der ganzen Welt.

Dabei hatte Blandinas Vater sie bei ihrer Hochzeit gewarnt, in ein Hotel und Gasthaus einzuheiraten: „Blanda, willst du denn wirklich auf eine Wirtschaft heiraten? Weißt du, was das bedeutet? Sehr viel Arbeit und keine Freizeit.“ Sie erzählt das mit einem Lächeln, denn vor allem musste sie ihren Vater noch um Erlaubnis zur Hochzeit bitten, da sie 19 Jahre alt war und man damals erst mit 21 volljährig wurde. Nach ihrer Heirat war sie noch anderweitig berufstätig, half aber abends und am Wochenende ihrer Schwiegermutter aus. Ab 1993 hat sie dann das Lokal alleine geführt.

Und ja, Arbeit ist es. Morgens um 5 Uhr raus, auch wenn abends die Gäste ganz schön Sitzfleisch hatten. Oft brannten die Lampen bis weit nach Mitternacht. „Es kam auch vor, dass die Polizei vorbeikam, und wir mussten Strafe zahlen, weil wir die Sperrstunde nicht eingehalten haben“, erzählt Blandina. Lange Jahre war das „Schiff“ fast rund um die Uhr geöffnet. „Wir bekamen ein schlechtes Gewissen, wenn wir das Lokal für einen oder ein paar Tage geschlossen haben“, sagt sie. Die Sache mit dem Bierpreis hat sie auch noch gut in Erinnerung: Als sie vor 50 Jahren herkam, kostete die Halbe Bier 90 Pfennig. „Es gab eine große Debatte bei uns in der Familie, ob man eine Halbe für eine Mark verkaufen könnte. Wir hatten große Angst, dass die Gäste wegbleiben.“

Das war natürlich nicht der Fall. Ins „Schiff“ passen knapp 100 Leute. Und an etlichen Tagen im Jahr war es rappelvoll. Oft genug auch an Heiligabend. Da kann die Wirtin eine Anekdote erzählen: „Am Heiligabend war es für die Männer ein besonderer Spaß, im Lokal einzukehren, um den Weihnachtsvorbereitungen daheim zu entfliehen.“ Für die Familien, die unterm Christbaum auf den Vater warteten, war das allerdings nicht so spaßig – und auch nicht für die Geßlers, die es kaum erwarten konnten, bis endlich der letzte Gast gegangen war.

Doch sie hat es nie bereut. „Wenn mein Vater noch leben würde, dann könnte ich ihm sagen, es war eine richtige Entscheidung. Ich war immer gerne Wirtin.“ Doch nachdem sie ein Beinbruch in den Herbstferien erlitt, war klar, dass sich etwas ändern muss. Eins ist ihr dabei sehr wichtig: „Wir wollen uns ganz herzlich bei unseren Gästen und den Vereinen für die jahrzehntelange Treue bedanken.“

Und sie hat schöne Erinnerungen. Sie scherzt mit ihrem Mann Franz: „Weißt du noch die Sache mit den Radfahrern?“ Klar erinnert sich Franz: Eine Gruppe kam an, einer mit einem abstehenden Stuka-Verband, ein anderer schaffte es kaum aus seinem Schuh. Als er ihm endlich gelang, stand der Zeh senkrecht ab. Er hatte sich beim Radeln verletzt, Franz fuhr ihn ganz selbstverständlich ins Spital, das sich damals noch um die Ecke befand. Die beiden lachen heute noch darüber.

Und ach, die Fasnet. Das „Schiff“ war für die Horber Narrenzunft wie ein Zuhause. Hier wurde gefeiert, getanzt und gezecht. Hier wurde die Marktplatz-Fasnet durch die Geßler-Brüder Franz und Norbert, Helmut Klose, Rolf Hahn, Heinz Kreidler und Karl-Heinz Reinhardt vor vielen Jahren aus der Taufe gehoben. So mancher Gast hat während der Fasnet im Gastraum übernachtet. Das Wirtsehepaar lacht laut. „Die Fasnet bleibt unvergesslich“, sagt Blandina, schiebt aber noch hinterher: „Aber alles ist vergänglich.“ Und vieles lebt in der Erinnerung weiter.

Das Bild stammt aus den 20er-Jahren und zeigt die Großeltern von Franz Geßler, Anna und Eduard Geßler (2. und 3. von rechts) mit Gästen wie dem Oberlehrer Dürr, dem Stadtkämmerer Wegmann sowie Großtante Helena.

Das „Schiff“ und die Fasnet sind jahrelang fast ein Synonym: Helmut Klose, Rolf Hahn, Heinz Kreidler und Karl-Heinz Reinhardt (von links) bei einem ihrer Auftritte.

Kleine Chronik des Hotel-Gasthofs „Schiff“

Der Traditionsgasthof „zum Schiff“ wird bereits in der 18. Generation von der Familie Geßler betrieben. 1725 verwüstete ein großer Brand die Stadt Horb, der auch das Schiff bis auf das Erdgeschoss zerstörte. Nach dem Brand wurde noch im selben Jahr aus den Grundmauern zweier Häuser das Schiff wieder aufgebaut, wie es auch heute noch in seiner grundsätzlichen Form erhalten ist. Sieben Jahre später, 1732, wurde Johannes Andreas Geßler als erster Wirt aus der Familie genannt. Doch schon vorher war das Schiff eine Schildwirtschaft, also eine Wirtschaft, die mit einem großen Schild außen am Haus für sich werben durfte. Das Schiff trägt einen historischen Namen, der vom „Kirchenschiff“ abgeleitet wird, auch wenn das Schild tatsächlich ein Segelschiff in voller Fahrt zeigt.

Jahre des Wachstums begannen, als 1847 von Johann Michael Geßler eine Bierbrauerei gegründet wurde. Das Schiff war nun nicht nur ein Gasthof, wo Reisende ein Zimmer für die Nacht und eine Mahlzeit sowie deren Pferde Lager und Heu im Stall bekamen, sondern auch ein für die damaligen Verhältnisse großer Bierproduzent. Gut zwei Dutzend Wirtschaften in Horb und dem Umland schenkten fortan Schiffbräu aus. Auch Wein aus der Ortenau war dank Johann Michael Geßler im Angebot, welchen er von seinem Weingut in der Ortenau bezog, das seine Frau in die Ehe eingebracht hatte.

Nach dem frühen Tod seines geschäftstüchtigen Sohns Robert Eduard übernahm dann der Enkel Eduard Geßler als Vollwaise den Gasthof mitsamt Brauerei und landwirtschaftlichem Anwesen. Eduard Geßler vergrößerte die Sudpfanne auf 3005 Liter. Im Jahr 1929 ließ er die Gaststube umbauen und vergab den Auftrag dafür an den hiesigen Künstler Wilhelm Klink und sein Bildhaueratelier. Zusätzlich zur Umgestaltung der Gaststube malte Klink auch die Ahnenporträts der Familie Geßler nach historischen Vorlagen. So, wie die Gaststube heute noch aussieht, wirkt sie – mit Ausnahme der in den 1990er-Jahren neu gebauten Theke – mittlerweile schon seit beinahe 90 Jahren auf den Gast.

Die Gästezimmer wurden ebenfalls im Laufe der Jahre immer wieder renoviert. Vor 50 Jahren war „Fließend Warmwasser“ wichtig, heute ist es das schnelle und kostenlose Internet. Erst im Dezember 2018 haben die Geßlers wieder in die neun Gästezimmer investiert und damit auch die Weichen für das künftige Hotel Garni gestellt. Eine Verpachtung des Restaurants kam für die Geßlers übrigens nicht in Frage, denn es gibt keinen separaten Eingang.

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Erstellt:
10. Januar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Januar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Januar 2019, 01:00 Uhr

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