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Rottweil/Horb · Justiz

Die Spurensicherung im Zeugenstand

Wie akribisch und detailgenau die Kriminaltechniker im Nordstetter Mordfall gearbeitet haben, wurde gestern vor dem Landgericht Rottweil deutlich.

15.05.2019

Von Manuel Fuchs

Im hohlen Baumstumpf an der Rückwand der Garage des ersten Angeklagten fanden Polizeibeamte ein blutbeflecktes Hemd.

Im Prozess gegen die beiden Männer, die den Nordstetter Michael Riecher im vergangenen November beraubt und getötet haben sollen, stand gestern der dritte Tag des Hauptverfahrens an. Vor der 1. Schwurgerichtskammer des Landgerichts Rottweil waren fünf Kriminalbeamte der Spurensicherung als Zeugen geladen. Nach der Obduktion am Nachmittag des 6. November 2018 hatte es Hinweise auf einen gewaltsamen Tod Riechers gegeben. Alle gestern vernommenen Beamten hatten entweder schon ab demselben Abend oder dem nächsten Morgen im Haus des Getöteten Spuren gesichert.

Hemd mit Blutflecken gefunden

Im Wohnhaus des ersten Angeklagten, das ebenfalls in Nordstetten stand und inzwischen abgerissen wurde, war die Spurensicherung ab 9. November tätig. Hier fanden die Beamten, versteckt in einem hohlen Baumstumpf in der Garage und verborgen unter anderen Gegenständen, ein weißes Hemd mit Blutflecken. Die Vermutung drängt sich auf, dass Michael Riecher dieses Hemd am Abend seines Todes trug. Ferner stellten die Spurensicherer im Wohnbereich einen Kaufbeleg über eine Krügerrand-Goldmünze sicher.

Das Haus, in dem Michael Riecher wohnte und ein Immobilienbüro betrieb, hat zwei Wohnetagen und eine Kelleretage. In der oberen Etage gibt es zwei weitere Wohnungen, dort fanden die Kriminaltechniker keine tatrelevanten Spuren. Auch waren an keiner Außentüre Spuren eines gewaltsamen Eindringens zu erkennen. Die Vernehmungen vor Gericht bestanden im Wesentlichen daraus, dass alle Parteien die Fotos der Spurensicherung gemeinsam in Augenschein nahmen, den jeweiligen Zeugen sie erklären ließen und Fragen stellten.

25000 Euro in Gold

Dabei trat zutage, dass Michael Riecher tatsächlich mehr Bargeld als die mutmaßlich erbeuteten 3000 Euro in der Wohnung vorhielt: Ungefähr 7500 Euro fand die Spurensicherung, darüber hinaus Gold- und andere Münzen, deren Wert vorsichtig geschätzt bei mindestens 25000 Euro liegen dürfte.

Auffällig waren darüber hinaus viele Fuß- und Handspuren, welche die Kriminaltechniker mittels Cyanacrylatbedampfung sichtbar machten und akribisch dokumentierten. Mindestens fünf Sohlenmuster waren erkennbar, jedoch ließen sich keine Aussagen darüber treffen, wann diese Spuren genau entstanden waren.

Ebenfalls als tatrelevant können Blutspuren an verschiedenen Stellen in der Wohnung und im Büro gelten. Auf ihnen basiert offenbar die in der Anklageschrift formulierte Schilderung des Tathergangs, die am ersten Prozesstag verlesen worden war. Auch fand die Spurensicherung das nicht ganz leer getrunkene Wasserglas im Schlafzimmer, das der zweite Angeklagte Michael Riecher nach deren kurzem Kampf dorthin gebracht haben soll.

Zur Kenntnis nahmen die Verfahrensbeteiligten auch ein Foto von Michael Riechers Terminkalender. Für den 2. November, 20 Uhr – was nah an der mutmaßlichen Tatzeit liegt – war dort ein Klebezettel eingefügt, auf dem der Name des ersten Angeklagten und das Wort „Gold“ zu lesen war.

Ob die rund um das Gebäude aufgefundenen Zigarettenstummel von einem der Tatbeteiligten stammen, war nicht Gegenstand der gestrigen Vernehmungen; sie wurden jedenfalls gesichert.

Alle Zeugen sagten aus, die Wohnung habe an keiner Stelle durchsucht gewirkt; die Inhalte der verschiedenen Schränke wirkten vollständig, an keiner Stelle war grobe Unordnung zu sehen.

Zeuge mit leichten Verletzungen

Der jetzige erste Angeklagte war zunächst als Zeuge vernommen worden und hatte sich bereit erklärt, für Spurensicherungsmaßnahmen zur Verfügung zu stehen. Im Polizeipräsidium Rottweil hatte einer der gestern vernommenen Beamten leichte Verletzungen an dessen Arm festgestellt. Ungefragt habe der jetzige Angeklagte diese auf einen kleinen Arbeitsunfall und auf seine Frau zurückgeführt. Dies will der Beamte so an die ermittelnden Kollegen weitergegeben haben.

Der erste Angeklagte, der an diesem Verhandlungstag etwas stärker im Fokus stand, saß während des ganzes Tages aufrecht und scheinbar in stoischer Ruhe auf seinem Platz, besprach sich gelegentlich ruhig mit seinen Anwälten. Als jedoch die Fotos, welche seine kriminaltechnische Untersuchung dokumentieren, auf den Großbildschirmen im Gerichtssaal zu sehen waren, verbarg er das Gesicht in seinen Armen. Über die Gründe dafür kann trefflich spekuliert werden.

Die Zuordnung der vielen Spuren zu Personen und ihre Einordnung in den mutmaßlichen Tatablauf waren nicht Gegenstand des gestrigen Verhandlungstages. Wie einer der Kriminaltechniker mehrmals betonte, besteht die Aufgabe der Spurensicherung darin, objektive Fakten zu dokumentieren. Was welche Spur für den Fall bedeutet, sei Sache nachgelagerter Ermittlungen. Deren Ergebnisse werden an einem künftigen Verhandlungstag gewürdigt.

Der Prozess am Landgericht Rottweil geht am Donnerstag, 16. Mai, um 9 Uhr weiter.

Spurensicherungsarbeiten in Michael Riechers Büro und Wohnung. Bilder: Manuel Fuchs

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Erstellt:
15. Mai 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Mai 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Mai 2019, 01:00 Uhr

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