Leitartikel

Die irrationale Nation

Roland Müller zur Wissenschaftsfeindlichkeit in der Pandemie

20.11.2021

Von Roland Müller

Zum deutschen Selbstbild gehört ein gewisses Überlegenheitsgefühl dazu. „Zahlmeister“ und Wirtschaftslokomotive Europas, Volk der Dichter, Denker und Tüftler, Exportweltmeister. Vielleicht verstehen die Chinesen mehr vom Express-Wolkenkratzerbau und Südländer mehr vom „guten Leben“ – aber dass Deutschland Ratio und Vernunft im Prinzip gepachtet hat, wer wollte daran zweifeln?

Corona zeigt: Es ist ein Selbstbetrug. Wenn bei uns jeder fünfte Erwachsene mitten in einer Pandemie mit weltweit Millionen Toten die Corona-Impfung verweigert, ist das ein Alarmsignal. Dass derweil oft belächelte Länder wie Spanien, Portugal und Frankreich Impfquoten von über 90 Prozent haben, ist nicht nur politisch zu erklären. Es ist auch ein Zeichen, wie sehr unsere angeblich aufgeklärte Gesellschaft durchzogen ist von Esoterik, Wissenschaftsfeindlichkeit und Irrationalität.

„Querdenker“ sind nur die Spitze des Eisbergs. Es sind die sanfteren, sozial akzeptierten Formen der Wirrnis, die uns nun auf die Füße fallen. Impfskepsis ist Volkssport, und pharma-kritisch zu sein, gehört in manchen Milieus zum guten Ton. Millionen Deutsche schwören lieber auf „alternative“ Methoden aus der Welt des Wunderglaubens: Bachblüten, Schüßler-Salze – und natürlich die Homöopathie, die bekanntlich nicht besser wirkt als ein Placebo (echte pflanzliche Heilkunde ist damit nicht gemeint). Präparate ohne jeden Wirkstoff mit wissenschaftlicher Evidenz auf dem Niveau von Gesundbeten, Hasenpfoten und Regentanz werden weiter von Krankenkassen bezahlt und von der Politik protegiert – man mag die Klientel nicht verschrecken.

Wer dachte, das bisschen Hokuspokus schadet nicht, hat die Rechnung ohne die Pandemie gemacht: Fakten-Resistenz und Bauchgefühl haben auch die Politik infiziert, die in einer Mischung aus Appeasement, Populismus und wird-schon-gut-gehen so chaotisch agiert, dass Forscher und Mediziner reihenweise verzweifeln.

Wissenschaft kommt in dem Klima unter die Räder. Eine neue Studie der EU-Kommission zeigt das Elend schonungslos: Der Frage etwa, ob Wissenschaftler „ehrlich“ seien, stimmen nur 46 Prozent der Deutschen zu – hoffnungsloser letzter Platz aller 27 EU-­Staaten. Diese Frage beantworten rund 80 Prozent der Schweden, Iren und Portugiesen mit Ja. 20 Prozent bei uns glauben, dass ein Krebs-­Heilmittel längst gefunden ist, aber verheimlicht wird. So kommt es zur absurden Lage, dass in Deutschland zwar der erste revolutionäre Corona-Impfstoff entwickelt wurde – aber ein großer Teil der Bevölkerung sich aus Furcht davor drückt. Dass jede neue Technologie zuerst Ängste, Bedenken und Widerstand auslöst, ist ja ohnehin Tradition. Es sind die Symptome einer irrationalen Nation, die sich nur für schlau hält.

Das lässt für die Zukunft nichts Gutes erwarten. Ein Land, in dem die Politik vor magischem Denken kuscht und das sich nicht klar zur Wissenschaft bekennt, wird es schwer haben, in der digitalen Moderne zu bestehen – geschweige denn die Menschheitsaufgabe Klimawandel zu meistern.

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Erstellt:
20. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. November 2021, 06:00 Uhr

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