Regisseur

Diszipliniert, umtriebig und belesen

Rainer Werner Fassbinder gilt als Enfant terrible des deutschen Nachkriegsfilms. Eine Schau zeigt ihn anders.

16.09.2021

Von Christoph Driessen

Ein Setfoto aus dem Film „Liebe ist kälter als der Tod“ zeigt Rainer Werner Fassbinder. Foto: Oliver Berg/dpa

Bonn. 1982 kam es in New York zu einer bizarren Begegnung von Pop Art-Künstler Andy Warhol und Star-Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Der Deutsche war Kettenraucher, Alkoholiker, stark übergewichtig und bekanntermaßen schwer kokainabhängig. Als ihm der drahtige Warhol seine Gymnastiklehrerin vorstellte und sich erkundigte: „Treiben Sie auch Gymnastik?“, blickte Fassbinder seinem Gegenüber nur unverwandt ins Gesicht. In seinem Tagebuch hielt Warhol fest: „Ein merkwürdiger Typ, dieser Fassbinder.“

„Merkwürdig“ war noch eine der mildesten Umschreibungen für den Filmemacher. Fassbinder galt als Bürgerschreck, der Hotelzimmer verwüstete und einen Wutanfal bekommen konnte, wenn der Rotkohl nicht so schmeckte wie bei seiner Mutter. Eine Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn von diesem Freitag (10. September) bis zum 6. März kommenden Jahres zeichnet mit Fotos, Plakaten und Filmausschnitten jetzt aber ein anderes Bild. Hier erscheint Fassbinder als disziplinierter Arbeiter, umtriebiger Produzent und belesener Literaturkenner. Dabei stützen sich die Kuratoren Susanne Kleine, Hans-Peter Reichmann und Isabelle Louise Bastian auf den umfangreichen Nachlass.

Der 1945 in Bayern geborene Fassbinder wuchs in München auf, wo er schon als Fünfjähriger von seiner Oma mit ins Kino genommen wurde. Früh verkündete er seiner Mutter, dass er später Filme machen werde. Etwas anderes stand für ihn ebenfalls fest, wie sie sich später erinnerte: „Mit 14 kam er zu mir in die Küche und sagte freudestrahlend: ,Mutti, ich bin schwul.' Da dachte ich, jetzt muss er zum Psychiater.“

Nach der Schauspielschule fand Fassbinder übers Theater zum Film, sein Durchbruch kam 1969 mit „Liebe ist kälter als der Tod“. Wie kaum ein anderer Künstler spiegelt er in seinem Werk die junge Bundesrepublik. Seine 45 Filme entstanden in rasender Schnelligkeit, oft in nur wenigen Tagen. „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin“, sagte er. Am 10. Juni 1982, zehn Tage nach seinem 37. Geburtstag, starb er in München an einer Überdosis Kokain.

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Erstellt:
16. September 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. September 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. September 2021, 06:00 Uhr

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