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Unfall in Engstingen

Gärsubstrat-Silo ohne Genehmigung

Ausgelaufener Behälter hätte gar nicht befüllt werden dürfen. Insgesamt ist fünfmal so viel Gär-Flüssigkeit ausgelaufen wie vom Betreiber zunächst angegeben.

12.01.2017
  • Thomas de Marco und Michael Frammelsberger

Für Landrat Thomas Reumann ist eines klar: Der Behälter mit Gärsubstrat, der in der Nacht zum Mittwoch im Engstinger Gewerbegebiet Haid ausgelaufen ist, hätte gar nicht befüllt werden dürfen. Denn bei dem im November 2015 vom Landratsamt genehmigten Bau seien bei der Abnahme im Oktober 2016 gravierende Mängel festgestellt worden. In einem Schreiben an den Betreiber, die Firma Biga-Energie, sei im November 2016 klargestellt worden: Der Behälter dürfe erst befüllt werden, wenn die Beseitigung der verschiedenen Mängel begutachtet und festgestellt worden seien.

„Uns ist nicht bekannt, dass die Mängel abgestellt worden wären“, betonte Reumann in einer eilig einberufenen Pressekonferenz. „Wir wissen nicht, weshalb das Silo in Betrieb genommen wurde.“ Das könne auch strafrechtliche Konsequenzen haben, dies werde nun ermittelt. Verantwortlich dafür ist Helmut Uibelhör, Leiter des Fachdienstes Gewerbe und Umwelt beim Polizeipräsidium Reutlingen. Die gesamte Anlage sei seit 2007 in Betrieb und werde durchschnittlich vier Mal pro Jahr kontrolliert, erklärt Andreas Neft vom Umweltschutzamt des Kreises.

In der Nacht auf Mittwoch ist wie berichtet das Gärsubstrat aus Lebensmittelabfällen zwischen 4 und 5 Uhr morgens durch ein gebrochenes Rohr ausgelaufen. In sieben Häuser ist die stinkende Brühe gesickert, hat Keller und Küchen überflutet, Heizungen zerstört. In einem Gebäude sind fünf wertvolle Motorräder zu Schaden gekommen. Das Substrat lief über Felder, Straßen und Betriebsgelände.

138 Einsatzkräfte, vor allem der Engstinger Feuerwehr, waren am Mittwoch bis 23 Uhr im Einsatz. Hilfe kam auch von der Betriebsfeuerwehr der Reutlinger Firma Bosch. „Bis 2.25 Uhr waren wir guter Dinge, dass wir die Sache im Griff haben“, betont Reumann. Doch weit gefehlt: Es stellte sich heraus, dass nicht 300 Kubikmeter ausgelaufen waren, wie der Betreiber zunächst angab, sondern 1500 Kubikmeter (1,5 Millionen Liter).

Das hatte dramatische Folgen: Ein Teil lief durch die Kanalisation ins Klärwerk nach Mägerkingen, das auf ein derartiges Gärsubstrat gar nicht ausgerichtet ist. Also wurde entschieden, dass ein 740 Kubikmeter fassendes Regenüberlaufbecken in Trochtelfingen für einen Teil des Substrats als Zwischenspeicher genutzt werden sollte. Doch weil gleichzeitig Niederschlag fiel, lief dieses Becken über, die Mischung floss in die Seckach. „Das hatten wir unbedingt verhindern wollen!“, so Reumann.

Ein weiteres Problem ist die Geologie des Untergrunds: Rund 100 Kubikmeter Brühe versickerten just über einer unterirdischen Wasserscheide. Deshalb sind mehrere Trinkwasserversorgungen betroffen (siehe Kasten). Es dauert mindestens zwei Tage, bis die Flüssigkeit in diesen Systemen ankommt.

Über die Schadenssumme konnte Reumann am Donnerstag nur so viel sagen: „Sie ist sehr hoch!“ Zu versicherungsrechtlichen Konsequenzen der Tatsache, dass der Behälter gar nicht hätte befüllt werden dürfen, wollte er sich nicht äußern: „Das wäre jetzt Spekulation!“

Das Engstinger Gärsubstrat und seine Auswirkungen auf die Umwelt

Aus dem Silo der Biogasanlage in Engstingen ist am Mittwochmorgen Gärsubstrat ausgelaufen. Die Firma verarbeitet entsorgte Lebensmittel zu Strom. Im Gegensatz zu Gülle enthalte die ausgelaufene Flüssigkeit keine Fäkalien, erklärt Andreas Neft vom Umweltschutzamt des Landkreises. Daher gebe es auch keine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung, betont Landrat Thomas Reumann. Dennoch herrsche das Vorsichtsprinzip: Da ein Teil des Substrats in das Flüsschen Seckach gelangt ist und auch die Wasserversorgung betroffen sein könnte, hat das Landratsamt mehrere Messestellen eingerichtet. Flussabwärts von der Einsickerungsstelle wurden in der Lauchert fünf tote Fische gefunden. Man gehe aber nicht von einem großen Fischsterben aus, da bisher keine auffälligen Werte im Fluss gemessen wurden, so Neft. Ob die Fische wirklich am Ammonium aus dem Gärsubstrat gestorben sind, ist nicht bekannt.

Für die Wasserversorgung mehrerer Netze im Landkreis Reutlingen und im Zollern-Alb-Kreis drohten maximal sensorische Störungen — es könnte also stinken. Für diesen Fall sei aber eine Ersatzversorgung vorbereitet.

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12.01.2017, 19:48 Uhr

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